In diesem Beitrag
- Washington: Wenn der Staat eine Tötung vorführen will
- Southport: Wie aus einer Falschmeldung Gewalt gegen Unbeteiligte wird
- Die erste Methode: Ein Mensch wird zur Bedrohung umbenannt
- Die zweite Methode: Aus einem Einzelfall wird eine ganze Gruppe
- Die dritte Methode: Ein harter Begriff wird zum scheinbar normalen Alltag
- Die vierte Methode: Aus dem Schutz von Kindern wird eine Waffe im Kulturkampf
- Was dabei im Kopf passiert: Empathie wird nicht abgeschaltet, sondern begrenzt
- Die fünfte Methode: Empörung erhält Applaus - und der Applaus verändert den Ton
- Welchem Zweck dient das?
- Und was passiert währenddessen in Deutschland?
- Mein wirkungsökonomischer Blick: Eine Gesellschaft kann ihre Zukunft verzehren, ohne es zu bilanzieren
- Was ich mir von uns allen wünsche
- Die Grenze, um die es wirklich geht
- Quellen und Nachweise
Es war nur ein Stück Papier. Ein Wahlkampfflyer, gestaltet wie ein Flugticket. Darauf stand: „Abschiebeticket“. Abflug am Tag der Bundestagswahl. Ziel: „Sicheres Herkunftsland“.
Im Januar 2025 tauchten solche Flyer im Raum Karlsruhe auf, unter anderem in Briefkästen von Menschen mit Migrationsgeschichte. Der AfD-Kreisverband erklärte später, die Flyer seien nicht gezielt nach ausländisch klingenden Namen verteilt worden. Die Staatsanwaltschaft prüfte Anzeigen wegen Volksverhetzung und Beleidigung, leitete aber schließlich kein Ermittlungsverfahren ein. Juristisch ist damit ein wichtiger Unterschied markiert: Nicht alles, was Menschen ausgrenzt oder einschüchternd wirkt, ist strafbar. [1][2]
Mich beschäftigt an diesem Fall eine andere Frage. Wie fühlt es sich an, wenn in deinem Briefkasten zwischen Werbung und Rechnungen eine Botschaft liegt, die sich auf Menschen wie dich bezieht und deren Abreise zum Wahlversprechen macht? Und was macht es mit denjenigen, die darin einen guten Witz sehen?
Ein Flugticket ist eigentlich etwas sehr Persönliches. Name, Reise, Aufbruch, Wiedersehen. Hier wurde es zum Symbol der Entfernung von Menschen. Genau darin steckt die politische Wirkung: Aus einer Entscheidung, die individuelle Rechte, Verfahren und Lebensgeschichten betrifft, wird ein scheinbar handliches Produkt. Ein Ticket. Ein Slogan. Ein zustimmendes Lachen.
Wir reden oft darüber, ob der Ton in der Politik rauer geworden ist. Ich glaube, diese Frage greift zu kurz. Es geht nicht nur um den Ton. Es geht darum, wessen Leid wir noch als Leid erkennen - und wann wir anfangen, es für verdient zu halten.
Washington: Wenn der Staat eine Tötung vorführen will
Am 8. Oktober 2026 wurde in den USA eine Entscheidung öffentlich, die vor einigen Jahren noch wie eine düstere Filmszene geklungen hätte: Das Pentagon kündigte an, die für den 3. Dezember geplante Hinrichtung des ehemaligen Militärpsychiaters Nidal Malik Hasan live zu übertragen. Hasan wurde wegen der Ermordung von 13 Menschen auf der Militärbasis Fort Hood im Jahr 2009 verurteilt. Seine Taten sind schwerste Verbrechen. Das Leid der Opfer und ihrer Familien steht außer Frage. [3]
Aber genau deshalb muss man zwei Dinge auseinanderhalten: Bestrafung und Spektakel. Ein Staat, der eine Strafe vollstreckt, trägt Verantwortung für ein rechtsstaatliches Verfahren. Ein Staat, der diese Vollstreckung als Livestream anbietet, stellt zusätzlich die Frage, ob das Töten vor Publikum eine politische Botschaft sein soll.
Am 15. Oktober 2026 folgte die Kehrtwende. Präsident Donald Trump sagte den Livestream nach erheblicher Kritik ab. Er erklärte, eine Übertragung hätte womöglich abschreckend gewirkt, viele Menschen wollten das Sterben jedoch nicht mitansehen. Angehörige der Opfer sollen die Hinrichtung nach seiner Ankündigung vor Ort verfolgen dürfen, wenn sie das wünschen. Eine geplante Hinrichtung ist also nicht bereits geschehen; abgesagt wurde die öffentliche Übertragung, nicht die Todesstrafe. [4]
Gerade diese Korrektur gehört zur Geschichte. Denn auch in den USA war die öffentliche Inszenierung umstritten - bis hinein ins republikanische Lager. Moralische Grenzen sind nicht verschwunden. Sie werden verhandelt, umkämpft und manchmal verteidigt.
Trotzdem bleibt die Frage: Was muss geschehen, damit eine Regierung die öffentliche Übertragung einer Erschießung überhaupt für eine sinnvolle Option hält? Hier muss man kein Motiv erfinden. Die Begründung, eine Übertragung könne abschrecken, wurde öffentlich genannt. Meine Bewertung ist eine andere: Eine Gesellschaft sollte bei staatlicher Gewalt besonders sorgfältig zwischen notwendiger Rechtspflege und der Inszenierung von Härte unterscheiden.
Der Fall zeigt noch nicht, dass eine Mehrheit der Amerikaner grausam geworden wäre. Er zeigt, wie weit der Raum politisch denkbarer Bilder verschoben werden kann - und dass Widerspruch diesen Raum wieder begrenzen kann.
Southport: Wie aus einer Falschmeldung Gewalt gegen Unbeteiligte wird
Gehen wir zwei Jahre zurück. Nach England.
Am 29. Juli 2024 wurden in Southport drei Mädchen ermordet: Bebe King, Elsie Dot Stancombe und Alice da Silva Aguiar. Familien trauerten um ihre Kinder. Noch bevor sich die Öffentlichkeit ein klares Bild machen konnte, verbreitete sich im Netz eine falsche Geschichte über den Täter. Er sei ein muslimischer Asylsuchender, mit einem angeblichen Namen, der frei erfunden war. Die Polizei stellte klar, dass diese Behauptung falsch war. [5]
Da war die Erzählung bereits unterwegs. Der britische Parlamentsbericht über die anschließenden Ausschreitungen dokumentiert die rasche Verbreitung auf X: Zehntausende Erwähnungen innerhalb weniger Stunden, danach millionenfache Sichtkontakte. In Southport wurde eine Moschee angegriffen. In weiteren Städten richtete sich Gewalt gegen Unterkünfte von Asylsuchenden. In Tamworth versuchten Menschen sogar, ein bewohntes Hotel in Brand zu setzen. [5]
Hier sieht man eine besonders brutale Verschiebung. Aus der realen Trauer um drei ermordete Kinder wurde teilweise Wut auf völlig unbeteiligte Menschen. Die Identität des wirklichen Täters war für die falsche Erzählung bald weniger wichtig als die Gruppe, auf die sich die Wut lenken ließ.
Nicht jeder Beteiligte handelte aus demselben Motiv. Nicht alle Ausschreitungen lassen sich auf einen einzelnen Beitrag zurückführen. Der Parlamentsbericht benennt mehrere Faktoren und beschreibt Desinformation als wichtigen Treiber. Der dokumentierte Zusammenhang reicht aus, um die Gefahr zu erkennen: Falsche Zuschreibungen können eine soziale Gruppe zum Ersatzschuldigen machen. [5]
Man muss sich das einmal nüchtern vor Augen führen: In einem Land werden Kinder ermordet. Und an einem anderen Ort müssen Menschen fürchten, in einem brennenden Gebäude zu sterben - nicht weil sie etwas mit den Morden zu tun hätten, sondern weil ihre Herkunft in eine falsche Geschichte passt.
Das ist keine abstrakte Debatte über „Framing“. Das ist die Wirklichkeit, wenn aus Angst ein Feindbild und aus dem Feindbild eine Rechtfertigung für Gewalt werden kann.
Die erste Methode: Ein Mensch wird zur Bedrohung umbenannt
Es beginnt häufig mit einem sprachlichen Trick, der gar nicht wie ein Trick aussieht.
Eine „Flüchtlingswelle“ ist keine neutrale Ansammlung von Menschen. Sie ruft das Bild einer Naturgewalt hervor. Eine Flut fragt man nicht nach ihren Beweggründen. Man baut einen Damm. Eine „Invasion“ ist nicht zuerst eine Beschreibung von Lebenswegen, sondern eine Kriegserzählung: Wer angegriffen wird, muss sich verteidigen.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Carolin Fischer analysierte deutsche Zeitungsartikel aus dem Jahr 2015. Wasserbilder und weitere Metaphern aus Bereichen wie Krieg oder Katastrophe prägten die Darstellung. Sie fanden sich keineswegs nur in explizit rechten Publikationen. [6]
In Experimenten von Tyler Jimenez, Jamie Arndt und Mark Landau erhöhte die Beschreibung von Migration mit Flutmetaphern unter Berücksichtigung politischer Einstellungen die Zustimmung zu einer Grenzmauer. Der Effekt war begrenzt. Das Experiment beweist nicht, dass jede Metapher eine Haltung umkehrt. Es zeigt aber, dass die Wortwahl mitbestimmt, welche politische Antwort intuitiv passend erscheint. [7]
Ich finde diesen Mechanismus deshalb so wichtig, weil er unbemerkt funktionieren kann. Wir nehmen ein Bild auf, bevor wir das Argument geprüft haben. Und dann reden wir plötzlich über das Stoppen einer Flut statt über Menschen, Verfahren, Zahlen und Lösungen.
Natürlich muss eine Demokratie über Migration, Straftaten, Aufnahmekapazitäten und Grenzen streiten können. Sie darf sogar sehr hart darüber streiten. Nur ist die Frage nach einer Regel etwas anderes als das systematische Bild einer Bevölkerungsgruppe als Gefahr.
Wer Menschen ständig als Naturkatastrophe beschreibt, macht aus Schutzsuchenden irgendwann ein Problem, das man nur noch „eindämmen“ will.
Die zweite Methode: Aus einem Einzelfall wird eine ganze Gruppe
Anfang Oktober 2026 veröffentlichte Donald Trump eine Reihe scharfer Äußerungen über somalischstämmige Menschen in Minnesota. Reuters dokumentierte, dass er die Gemeinschaft pauschal als Bedrohung des Bundesstaates darstellte. Er bezog sich auch auf einen tatsächlichen Betrugsskandal um ein öffentlich finanziertes Kinderernährungsprogramm, bei dem zahlreiche Beschuldigte somalische Wurzeln hatten - aber eben nicht alle. Die Leiterin der beteiligten Organisation, die als zentrale Täterin verurteilt wurde, war keine somalische Einwanderin. [8]
Betrug muss aufgeklärt und bestraft werden, gleich wer ihn begeht. Doch zwischen „Diese Personen haben betrogen“ und „Diese Bevölkerungsgruppe bedroht unser Land“ liegt ein politischer Abgrund.
Das ist die Methode der kollektiven Zuschreibung: Die Tat einzelner Menschen wird zur Eigenschaft einer ganzen Gruppe erklärt. Wer die Gruppe danach verteidigt, gerät schnell unter Verdacht, die Tat zu verharmlosen. Die eigentliche Frage - was ist nachweisbar und wer trägt Verantwortung? - rückt in den Hintergrund.
Ein UN-Ausschuss warnte im März 2026 ausdrücklich vor abwertender und entmenschlichender Sprache der US-Regierung über Migrantinnen und Migranten. Solche Darstellungen könnten Diskriminierung und Hasskriminalität begünstigen. Die US-Regierung wies die Kritik zurück und verwies auf ihre Politik der Grenzsicherung. Auch das muss erwähnt werden: Eine Warnung vor möglichen Folgen ist kein Beweis, dass ein bestimmter Satz eine bestimmte Tat verursacht hat. [9]
Der Mechanismus bleibt derselbe. Aus Individuen werden Vertreter einer Gruppe, aus einzelnen Delikten eine kollektive Schuld, aus einer politischen Frage eine moralische Notwehrlage.
Die dritte Methode: Ein harter Begriff wird zum scheinbar normalen Alltag
In Deutschland lässt sich beobachten, wie Begriffe durch ständige Wiederholung einen festen Platz in der politischen Debatte erhalten.
Das Recherchezentrum CORRECTIV untersuchte 1.122 Social-Media-Beiträge von AfD-Bundestagsabgeordneten aus dem Zeitraum Januar 2024 bis September 2025, in denen der Begriff „Remigration“ vorkam. Auch identische Inhalte, die auf mehreren Plattformen veröffentlicht wurden, wurden als Beiträge erfasst. Der Ausdruck wurde je nach Kontext sehr unterschiedlich und oftmals ohne konkrete Definition verwendet. [10]
Diese Unschärfe ist politisch bedeutsam. Für die einen klingt „Remigration“ nach der Rückführung ausreisepflichtiger Menschen. Andere verbinden damit Forderungen, die weit darüber hinausgehen. Dasselbe Wort kann sehr unterschiedliche Vorstellungen ansprechen, ohne dass alle über dasselbe sprechen. Die Analyse belegt die regelmäßige Verwendung; sie beweist nicht die innere Absicht jedes einzelnen Abgeordneten.
Hier kommt ein psychologischer Effekt hinzu: Wiederholte Aussagen können vertrauter wirken und dadurch leichter für zutreffend gehalten werden. In der Forschung heißt das *Illusory Truth Effect*. Experimente von Lisa Fazio und Kollegen zeigen, dass Wiederholung auch dann Einfluss auf Wahrheitsurteile haben kann, wenn Menschen eigentlich über widersprechendes Wissen verfügen. [11]
Ein Wort, das häufig genug auftaucht, kann irgendwann wie eine sachliche Kategorie wirken. Und sobald ein Begriff als selbstverständlich gilt, wird weniger gefragt, was darunter konkret fallen soll: Menschen ohne Aufenthaltsrecht? Dauerhaft Aufenthaltsberechtigte? Deutsche Staatsangehörige? Familien? Kinder?
Genau diese Fragen wären aber entscheidend. Politik hat Folgen für echte Menschen. Ein unbestimmtes Schlagwort hat noch niemandem erklärt, wie ein rechtsstaatliches Verfahren aussehen soll.
Die „Abschiebetickets“ aus Karlsruhe passen hier hinein. Rechtlich wurde gegen die Verantwortlichen kein Verfahren eingeleitet. Sprachlich und symbolisch blieb die Botschaft trotzdem klar erkennbar: Menschen werden zu Adressaten einer demonstrativen Ausschlussforderung. Die rechtliche Bewertung und die gesellschaftliche Wirkung muss man getrennt betrachten. [1][2]
Die vierte Methode: Aus dem Schutz von Kindern wird eine Waffe im Kulturkampf
Besonders deutlich wird die Verschiebung bei Angriffen auf queere Menschen.
Das AfD-Bundestagswahlprogramm 2025 verwendet unter anderem die Ausdrücke „Trans-Kult“, „Frühsexualisierung“ und „Genderideologie“. Es fordert die Rücknahme des Selbstbestimmungsgesetzes. Diese Positionen stehen in einem ausdrücklich familien- und kinderschutzbezogenen Zusammenhang. Das ist der dokumentierte politische Text der Partei, nicht eine zugeschriebene geheime Absicht. [12]
Man kann über einzelne Gesetze, medizinische Standards und Altersgrenzen diskutieren. Gerade bei medizinischen Eingriffen sind evidenzbasierte Regeln wichtig. Doch ein Mensch, der trans ist, ist kein „Kult“. Ein Jugendlicher, der über die eigene Identität spricht, ist keine Ideologie. Und eine Familie aus zwei Müttern mit Kindern ist kein Angriff auf andere Familien.
Stellen wir uns für einen Augenblick die alltägliche Perspektive vor - ausdrücklich nicht als behauptetes Einzelschicksal, sondern als einfache Frage: Was hört ein Kind, wenn über die Lebensform seiner Eltern ständig als Gefahr gesprochen wird? Was hört eine junge trans Person, wenn ihre Existenz in einem Atemzug mit „Indoktrination“ genannt wird?
Das sind keine abstrakten Begriffsdebatten mehr. Es geht um die Frage, ob Menschen im Klassenzimmer, am Arbeitsplatz, auf dem Amt oder in der Nachbarschaft selbstverständlich dazugehören dürfen.
In den USA kann man sehen, wie sich eine solche Deutung auch in staatlichen Dokumenten niederschlägt. Eine Anordnung der Trump-Regierung vom 20. Januar 2025 schrieb für Bundesbehörden eine Definition von Geschlecht fest, die Geschlechtsidentität nicht berücksichtigt. Das US-Außenministerium erklärt heute, es stelle keine Reisepässe mit „X“-Eintrag mehr aus und verwende bei neuen Pässen ausschließlich die dem Geschlecht bei der Geburt entsprechende Kennzeichnung. Die Rechtmäßigkeit einzelner Maßnahmen ist Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen gewesen. Unabhängig von der politischen Bewertung ist die konkrete Wirkung greifbar: Für Betroffene ändern sich amtliche Dokumente und Verwaltungsverfahren. [13][14]
In Deutschland zeigt sich die Gefährdung nicht nur in Texten. Nach einer Auswertung der Amadeu Antonio Stiftung gab es 2025 im Umfeld von Christopher-Street-Day-Veranstaltungen 111 dokumentierte Angriffe, Störungen oder Verhinderungsversuche. Der Bericht unterscheidet verschiedene Arten von Vorfällen und beschreibt rechtsextreme Mobilisierungen als einen bedeutenden Teil. Die Zahlen stammen aus Monitoring und Veranstalterbefragungen, nicht aus einer vollständigen polizeilichen Erhebung. [15]
Für das Jahr 2024 registrierte die Bundesregierung 1.765 politisch motivierte Straftaten im Themenfeld „Sexuelle Orientierung“, darunter 253 Gewalttaten. Für „Geschlechtsbezogene Diversität“ erfasste sie 1.152 Straftaten, darunter 128 Gewalttaten. Die Kategorien können sich überschneiden; sie dürfen deshalb nicht einfach addiert werden. Außerdem ist nicht jede dieser Taten rechts motiviert: Die polizeiliche Zuordnung umfasst mehrere ideologische Bereiche und zahlreiche Fälle ohne spezifische ideologische Zuordnung. [16]
Im Juli 2026 erschütterte ein islamistisch eingeordneter Anschlag auf den Berliner CSD die queere Community. Im August berieten Bundes- und Landespolitik sowie Betroffenenverbände deshalb über zusätzlichen Schutz. Gerade dieses Beispiel zeigt, warum die Sache größer ist als die Auseinandersetzung mit einer einzigen Partei: Queerfeindliche Gewalt kann aus unterschiedlichen Weltanschauungen erwachsen. Die Würde der Betroffenen hängt nicht von der Ideologie des Angreifers ab. [17]
Wer sagt, es gehe bei solchen Debatten lediglich um „Werte“ oder „Geschmack“, sollte sich fragen, was diese Debatten für Menschen bedeuten, die auf dem Weg zu einer Demonstration Sicherheitskräfte benötigen oder auf einem Amt ihre Identität nicht anerkannt sehen.
Was dabei im Kopf passiert: Empathie wird nicht abgeschaltet, sondern begrenzt
Die naheliegende Frage lautet: Haben Menschen, die das Leiden anderer rechtfertigen, ihre Empathie verloren?
Die unbequeme Antwort: nicht unbedingt.
Die Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler Elizabeth Simas, Scott Clifford und Justin Kirkland fanden, dass ausgeprägtes Mitgefühl sogar mit stärkerer parteipolitischer Polarisierung zusammenhängen kann. Denn Empathie richtet sich im Alltag häufig zuerst auf die eigene Gruppe. Wenn jemand glaubt, diese Gruppe werde bedroht, kann aus Anteilnahme an den Eigenen Feindseligkeit gegenüber den vermeintlichen Verursachern entstehen. [18]
Das erklärt, wie ein Mensch im privaten Umfeld liebevoll und hilfsbereit sein kann und gleichzeitig das Leid einer fremden Familie relativiert. Seine Empathie ist nicht zwingend fort. Er hat ihren Geltungsbereich eingeengt.
Wie sichtbar das in politischen Einstellungen wird, zeigt eine WSI-Untersuchung aus dem Jahr 2025. Von den befragten AfD-Wählenden äußerten 64 Prozent ausdrücklich kein Mitgefühl mit Menschen, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen sind. Bei Befragten, die andere Parteien außer BSW wählten, waren es 24 Prozent. Das ist eine konkrete Befragung unter Erwerbspersonen - kein psychologischer Befund über jeden einzelnen Wähler und kein Beleg dafür, dass diese Menschen körperliche Gewalt befürworten. [19]
Dazu kommt die moralische Entkopplung, die Albert Bandura beschrieb. Menschen können moralische Grundsätze beibehalten und trotzdem Schädigungen rechtfertigen: indem sie das eigene Handeln zur notwendigen Verteidigung erklären, Verantwortung verschieben, Folgen verharmlosen oder die Betroffenen selbst für ihr Leid verantwortlich machen. [20]
Es gibt sogar zwei verschiedene Wege zur Härte. Man erkennt den anderen nicht mehr als vollwertigen Menschen an. Oder man erkennt sein Leid sehr wohl - hält es aber für eine gerechte Strafe. Eine Metaanalyse von Landry und Kollegen mit Daten aus 120 Studien und über 128.000 Personen fand einen eigenständigen starken Zusammenhang zwischen ausdrücklicher Entmenschlichung und Unterstützung für Gewalt zwischen Gruppen. Das ist eine Aussage über empirische Muster, nicht über eine unausweichliche Entwicklung bei jedem Einzelnen. [21]
Der Psychologe Bandura hilft uns, den Kern zu verstehen: Wer den anderen zum Schuldigen erklärt, kann das eigene harte Handeln als moralisch ansehen. Das bedeutet nicht, dass alle Beteiligten heimlich grausam wären. Es bedeutet, dass Grausamkeit sich im Gewand der Gerechtigkeit rechtfertigen lässt.
Die fünfte Methode: Empörung erhält Applaus - und der Applaus verändert den Ton
Früher musste jemand, der einen besonders verächtlichen Satz sagte, unmittelbar mit den Reaktionen der Menschen im Raum leben. Heute kann derselbe Satz Tausende zustimmende Reaktionen erhalten, ohne dass der Verfasser je einem Betroffenen begegnet.
Eine Studie von William Brady und Kollegen untersuchte 12,7 Millionen Tweets sowie Verhalten in Experimenten. Ihre Erkenntnis: Positive Rückmeldungen erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen später erneut moralische Empörung ausdrückten. Zugleich orientierten sich Nutzer an den Ausdrucksnormen ihres Netzwerks. [22]
Eine 2025 publizierte Untersuchung zum damaligen Twitter/X zeigte zudem, dass ein auf Interaktionen optimierter Feed emotional aufgeladene und gegenüber politischen Gegengruppen feindselige Beiträge stärker hervorhob als eine chronologische Sortierung. Die Autoren fanden nicht, dass damit jeder Mensch dauerhaft radikalisiert würde. Sie belegten einen konkreten Verstärkungseffekt im untersuchten Feed. [23]
Und dann erscheint eine neue Spielart der politischen Belohnung. Nicht nur: „Meine Politik hilft mir.“ Sondern: „Endlich bekommen die anderen eins ausgewischt.“ Webster, Glynn und Motta untersuchten genau diese politische Schadenfreude und fanden einen Zusammenhang mit der Bereitschaft, Kandidaten zu unterstützen, die der gegnerischen Gruppe gezielt Nachteile versprechen. Das Phänomen wurde in unterschiedlichen politischen Lagern beobachtet. [24]
Wer in einer solchen Umgebung Aufmerksamkeit gewinnen will, hat einen problematischen Anreiz: Die nächste Zuspitzung ist oft sichtbarer als die genaue Erklärung. Plattformen profitieren von Interaktion; politische Akteure können dadurch Reichweite gewinnen; und Nutzer erhalten das befriedigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Das ist noch kein Beweis für einen zentral gesteuerten Manipulationsplan. Es ist ein Zusammenspiel nachweisbarer Mechanismen und plausibler Interessen. Gerade deshalb kann es so wirksam sein - auch ohne gemeinsame Regie.
Welchem Zweck dient das?
Die Frage nach dem Zweck darf weder naiv noch verschwörungslustig beantwortet werden.
Bei konkreten politischen Akteuren lassen sich erklärte Ziele benennen: Einreise begrenzen, Menschen abschieben, bestimmte Gesetze abschaffen, staatliche Kategorien ändern. Das steht in Programmen, Verordnungen und öffentlichen Erklärungen. Ob hinter jeder Provokation zusätzlich die bewusste Absicht steht, Empathie zu zerstören, können wir daraus nicht wissen. [8][12][13]
Die politische Funktion der beschriebenen Kommunikation ist trotzdem analysierbar. Sie kann Ängste bündeln und auf eine klar erkennbare Gruppe richten. Sie kann ein kompliziertes Problem so erzählen, dass nur noch eine harte Lösung plausibel erscheint. Sie kann das Gefühl erzeugen, eine vermeintlich unterdrückte Wahrheit auszusprechen. Und sie kann die Debatte von überprüfbaren Maßnahmen zu Identitätsfragen verschieben: Wer gehört zu „uns“, wer soll weichen, wem glauben wir überhaupt noch?
Das ist kein Phänomen, das nur eine Seite des politischen Spektrums grundsätzlich betreffen könnte. Auch andere politische oder religiöse Bewegungen können mit Feindbildern und moralischer Überhöhung arbeiten. In den hier dokumentierten deutschen Beispielen sind bestimmte rechte Akteure aber konkret benannt. Genau deshalb hilft Präzision mehr als die bequeme Formel, irgendwie seien alle gleich.
Man muss nicht glauben, dass jemand heimlich an einer großen gesellschaftlichen Umerziehung arbeitet. Man muss nur verstehen, welche Belohnungen ein System bietet, wenn Angst, Identität und Aufmerksamkeit zusammentreffen.
Und was passiert währenddessen in Deutschland?
Wir dürfen das nicht allein als amerikanisches Problem betrachten.
2025 erfasste das Bundeskriminalamt in Deutschland 85.837 politisch motivierte Straftaten, darunter 4.156 Gewalttaten. Der Bereich „politisch motivierte Kriminalität - rechts“ war nach der Vorstellung der Bundesregierung weiterhin der fallzahlenstärkste. Gleichzeitig stiegen auch linksmotivierte Gewalttaten deutlich. Die Statistik beschreibt registrierte Delikte, nicht die Gesamtzahl menschenfeindlicher Einstellungen. Sie beweist auch nicht, dass bestimmte Worte einzelne Taten verursacht haben. [25]
Aber sie macht eines sichtbar: Die Debatte findet nicht in einem folgenlosen digitalen Paralleluniversum statt. Menschen werden bedroht. Demonstrationen brauchen Polizeischutz. Amtsträger ziehen sich aus Öffentlichkeit zurück. Schulen, Vereine und Unternehmen müssen mit Konflikten umgehen, deren Ursprung oft weit außerhalb ihres eigenen Alltags liegt.
Die Wirkung ist nicht auf Betroffene begrenzt. Wenn ein Paar beim Händchenhalten abwägt, ob es gerade sicher ist; wenn eine Familie überlegt, ob sie ihren Namen am Klingelschild lässt; wenn ein Ehrenamtlicher einen Kommentar löscht, weil die Bedrohungen zu konkret werden, verändert das den öffentlichen Raum für alle. Das sind illustrative Alltagssituationen, keine aus der Statistik abgeleiteten Einzelfallberichte.
Und während wir nur noch darüber diskutieren, wer sich über welche Formulierung aufregen darf, geraten die eigentlichen Fragen aus dem Blick: Wie wird Sicherheit hergestellt? Was verbessert die Lage von Familien? Wie funktionieren Schulen, Integration, Wohnen, Gesundheit und demokratische Beteiligung tatsächlich?
Daran müsste sich Politik messen lassen. Nicht an der Lautstärke der Erregung.
Mein wirkungsökonomischer Blick: Eine Gesellschaft kann ihre Zukunft verzehren, ohne es zu bilanzieren
Hier beginnt meine eigentliche Einordnung.
Diesen Maßstab habe ich in meinem Leitbild für Mensch, Planet und Demokratie beschrieben; die Methodik des Wirkungstickers zeigt, wie zwischen tatsächlich beobachteter Wirkung, möglicher Folgewirkung und Wirkungsrisiken unterschieden wird. Beide Grundlagen sind auf der Wirkungsökonomie-Website veröffentlicht. Sie bilden hier meinen analytischen Bezugsrahmen - die überprüfbaren Fakten zu den einzelnen Ereignissen werden dagegen durch unabhängige Quellen belegt. [27][28]
Wirkungsökonomie misst politischen und wirtschaftlichen Erfolg nicht allein daran, wie viel Zustimmung, Wachstum oder Reichweite erzeugt wird. Entscheidend ist, welche Wirkung das Handeln auf Menschen, Planet und Demokratie hat - und welche Kosten auf andere abgewälzt werden.
Bei entwürdigender Kommunikation ist die Kurzfristbilanz verführerisch einfach. Aufmerksamkeit entsteht. Die eigene Gruppe wird mobilisiert. Wer polarisiert, kann Reichweite und Einfluss gewinnen. Diese Erträge sind sichtbar: Klicks, Spenden, Anhänger, Sendezeit. Diese Unterscheidung zwischen bloßer Reichweite und tatsächlicher Wirkung habe ich auch im Grundlagenwerk zur Maßstabskrise ausgeführt. [29]
Die andere Seite der Bilanz bleibt unsichtbar. Wenn Menschen sich aus Angst zurückziehen, wenn Vertrauen sinkt, wenn Sicherheitsmaßnahmen nötig werden, wenn psychische Belastungen entstehen oder öffentliche Einrichtungen mehr Konflikte bearbeiten müssen, tragen diese Kosten oft nicht diejenigen, die den kurzfristigen Nutzen der Zuspitzung hatten.
Ökonomisch nennt man das Externalisierung von Folgekosten. Gesellschaftlich nenne ich es eine unvollständige Erfolgsrechnung.
In der wirkungsökonomischen Perspektive würde ich mindestens vier Wirkungsebenen unterscheiden:
Erstens: Gesundheit und Sicherheit. Gemeint sind nicht nur Übergriffe. Auch die wahrgenommene Sicherheit und die Frage, ob Menschen sich frei bewegen und sichtbar leben können, gehören hierher. Relevante Indikatoren wären politisch motivierte Bedrohungen, Gewalt, Beratungsbedarfe sowie belastbare Befragungen zum Sicherheitsgefühl.
Zweitens: Arbeit und Fairness. Wer aus Sorge vor Ausgrenzung einen Job, eine Ausbildung oder einen Wohnort meidet, erlebt reale Einschränkungen. Zu prüfen wären Diskriminierungsfälle, Teilhabe, Arbeitsklima und die Kosten von Konflikten und Schutzmaßnahmen.
Drittens: Demokratie. Eine Demokratie ist auf Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die einander nicht mögen müssen, aber Regeln, Rechte und die gleiche Menschenwürde akzeptieren. Wo Einschüchterung politische Beteiligung verändert oder sachliche Auseinandersetzung durch Feindbilder ersetzt, entstehen Funktionsverluste. Messbar wären unter anderem Bedrohungen gegen Engagierte, Rückzug aus Ämtern, Vertrauen in Institutionen und Teilhabebarrieren.
Viertens: die Handlungsfähigkeit bei Zukunftsaufgaben. Die Folgen für Klima und Ressourcen sind nicht direkt aus einer einzelnen feindseligen Äußerung abzuleiten. Aber Energiewende, Infrastruktur, Gesundheitsvorsorge und Kreislaufwirtschaft brauchen Kooperation und belastbare Entscheidungen. Wenn politische Debatten systematisch von der Sache weg in dauernde Identitätskonflikte rutschen, kann das Lösungen erschweren. Das ist ein nachvollziehbarer Wirkungspfad, keine hier gemessene Schadenssumme.
Für eine seriöse Wirkungsökonomie würde ich diesen Feldern nicht einfach gefühlte Punktwerte zuweisen. Meine Scorecard braucht Indikatoren, Vergleichsmaßstäbe und Evaluation. Auch steigende Anzeigenzahlen müssen richtig interpretiert werden: Sie können sowohl mehr Taten als auch mehr Anzeigebereitschaft widerspiegeln.
Doch gerade weil wir nicht jede Folge schon in Euro oder einem Score ausdrücken können, dürfen wir sie nicht ignorieren. Ein Unternehmen darf seine Gewinne nicht vollständig nennen, wenn es Schäden auf Beschäftigte und Gesellschaft abwälzt. Warum sollten wir politischen Erfolg allein an Umfragen und Reichweite messen, wenn die gesellschaftlichen Kosten andere tragen?
Mein Leitgedanke der Wirkungsökonomie lautet: Funktion statt Moral. Nicht wer sich am lautesten zum Retter erklärt, hat recht. Sondern wer nachweisbar bessere Verhältnisse schafft, ohne die Schäden anderswo zu verstecken.
Das ist auch eine Frage des zeitlichen Maßstabs. Frühes Handeln ist häufig günstiger als spätes Reparieren. Eine verantwortliche Debatte, Prävention gegen Hasskriminalität, Schutz von Betroffenen und die Förderung realer Begegnung erscheinen im Tagesgeschäft weniger spektakulär als eine Eskalation. Aber es wäre ein schwerer Fehler, erst dann gegenzusteuern, wenn Einschüchterung und Gewalt die Rechnung präsentieren.
Was ich mir von uns allen wünsche
Ich möchte niemandem vorschreiben, welche Partei er wählen muss. Ich möchte, dass wir eine viel einfachere und gleichzeitig viel anspruchsvollere Frage stellen: Was passiert gerade mit meinem Blick auf andere Menschen?
Wenn mich ein politischer Beitrag sofort wütend macht: Welche überprüfbare Information enthält er? Wird ein einzelner Fall zur Eigenschaft einer ganzen Gruppe erklärt? Fehlt die Perspektive derjenigen, über die gesprochen wird? Wird eine Regel diskutiert - oder die Würde der Menschen selbst? Und wer gewinnt etwas, wenn ich diesen Beitrag im Affekt weiterverbreite?
Wer eine Straftat begangen hat, muss sich verantworten. Wer eine politische Entscheidung kritisiert, darf das deutlich tun. Wer ein Gesetz für falsch hält, darf seine Änderung verlangen. Nichts davon erfordert, das Leiden Unbeteiligter zu begrüßen oder Menschen allein wegen ihrer Herkunft, Religion oder Identität abzuwerten.
Wir müssen uns dabei auch selbst prüfen. Es wäre widersprüchlich, Entmenschlichung zu verurteilen und anschließend allen Menschen mit einer bestimmten politischen Meinung jede Menschlichkeit abzusprechen. Wer menschenverachtende Sätze sagt, muss dafür kritisiert werden. Aber die Kritik soll sich auf Worte, Handlungen und Verantwortung richten - nicht auf die Behauptung, der Mensch selbst sei wertlos.
Und wir haben Grund, nicht zu resignieren. Der Rückzug beim geplanten US-Hinrichtungs-Livestream zeigt, dass Protest und Widerspruch politische Grenzen markieren können. Eine große Metaanalyse zur Kontakthypothese mit 515 Studien zeigt außerdem, dass Begegnung zwischen unterschiedlichen Gruppen Vorurteile im Durchschnitt reduzieren kann. Das ist keine Aufforderung an Betroffene, sich jedem feindseligen Gespräch auszusetzen. Es ist ein Befund darüber, dass Einstellungen veränderbar sind. [4][26]
Die Grenze, um die es wirklich geht
Vielleicht verlieren wir nicht plötzlich alle Empathie. Vielleicht gewöhnen wir uns schrittweise daran, sie bestimmten Menschen nicht mehr zuzugestehen.
Zuerst kommt ein Bild. Dann ein Schlagwort. Dann der Satz, diese Menschen seien schuld. Irgendwann wirkt Härte wie Konsequenz. Und wer widerspricht, muss sich erklären, warum er überhaupt noch Mitleid empfindet.
Die Beispiele aus Karlsruhe, Washington, Southport und der Debatte um queere Rechte sind verschieden. Sie haben unterschiedliche Ursachen, Verantwortliche und Rechtslagen. Sie sind keine Beweise für eine einzige geheime Kampagne. Aber sie machen sichtbar, wie Sprache, Gruppendenken, politische Interessen und öffentliche Reaktionen das gesellschaftlich Vorstellbare verschieben können.
Meine Einschätzung ist deshalb eindeutig: Wir sollten Verrohung nicht als Stilfrage verniedlichen. Sie ist eine Wirkungsfrage. Was Worte normalisieren, kann beeinflussen, was Menschen akzeptieren. Was politische Akteure belohnen, prägt, was in der Öffentlichkeit gesagt und getan wird. Und was wir heute als bloß lauten Streit abtun, kann morgen als Vertrauensverlust, Ausgrenzung und Sicherheitsproblem bei anderen ankommen.
Eine Gesellschaft beweist ihre Menschlichkeit nicht daran, wie freundlich sie mit denen umgeht, die ihr ähnlich sind. Sondern daran, ob sie gleiche Rechte und grundlegende Würde auch dort gelten lässt, wo Sympathie endet.
Der gefährlichste Moment ist nicht der, in dem wir anderer Meinung sind. Sondern der, in dem wir das Leid des anderen nicht mehr für ein Problem halten.
Und genau dort darf der Widerspruch nicht verstummen.
Quellen und Nachweise
[1] [1] ZDFheute (14.01.2025): AfD-Verband verteilt „Abschiebetickets“ - Polizei ermittelt. Quelle öffnen
[2] [2] SWR Aktuell (28.03.2025): Keine Ermittlungen wegen AfD-„Abschiebetickets“ in Karlsruhe. Quelle öffnen
[3] [3] Associated Press (09.10.2026): Vance äußert Zweifel an den bestätigten Pentagon-Plänen für die Liveübertragung der Hinrichtung. Quelle öffnen
[4] [4] Reuters (15.10.2026): Trump says military execution will not be livestreamed. Quelle öffnen
[5] [5] House of Commons, Home Affairs Committee (2025): Police response to the 2024 summer disorder. Quelle öffnen
[6] [6] Carolin Fischer (2020): Die Flüchtlingsflut in unseren Köpfen. Journalistik. Quelle öffnen
[7] [7] Jimenez, Arndt und Landau (2021): Walls Block Waves. Journal of Social and Political Psychology. Quelle öffnen
[8] [8] Reuters (09.10.2026): Trump online: A burst of anti-Somali and anti-Muslim rhetoric. Quelle öffnen
[9] [9] Reuters (11.03.2026): UN-Rassismusgremium warnt vor entmenschlichender Sprache. Quelle öffnen
[10] [10] CORRECTIV (30.09.2025): Dauerbeschallung im Feed: Wie die AfD „Remigration“ groß macht. Quelle öffnen
[11] [11] Fazio et al. (2015): Knowledge does not protect against illusory truth. Journal of Experimental Psychology: General. Quelle öffnen
[12] [12] AfD (2025): Programm zur Bundestagswahl 2025, Kapitel Familie und Demografie. Quelle öffnen
[13] [13] White House (20.01.2025): Executive Order 14168 - Defending Women From Gender Ideology Extremism. Quelle öffnen
[14] [14] U.S. Department of State (Stand: Oktober 2026): Sex Markers in Passports. Quelle öffnen
[15] [15] tagesschau (28.10.2025): Zahl der Aktionen gegen CSDs erreicht Rekordhoch; Auswertung der Amadeu Antonio Stiftung. Quelle öffnen
[16] [16] Deutscher Bundestag (11.11.2025): Straftaten mit dem Themenfeld „Sexuelle Orientierung“, Antwort der Bundesregierung. Quelle öffnen
[17] [17] Land Berlin (26.08.2026): Nach dem Anschlag auf den CSD - Runder Tisch Queerfeindlichkeit. Quelle öffnen
[18] [18] Simas, Clifford und Kirkland (2020): How Empathic Concern Fuels Political Polarization. American Political Science Review. Quelle öffnen
[19] [19] WSI/Hövermann (01.08.2025): Die Verdopplung des AfD-Elektorats, WSI Study Nr. 42. Quelle öffnen
[20] [20] Bandura (1999): Moral Disengagement in the Perpetration of Inhumanities. Personality and Social Psychology Review. Quelle öffnen
[21] [21] Landry et al. (2026): The uniquely powerful impact of explicit, blatant dehumanization on support for intergroup violence. Journal of Personality and Social Psychology. Quelle öffnen
[22] [22] Brady et al. (2021): How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks. Science Advances. Quelle öffnen
[23] [23] Milli et al. (2025): Engagement, user satisfaction, and the amplification of divisive content on social media. PNAS Nexus. Quelle öffnen
[24] [24] Webster, Glynn und Motta (2024): Partisan schadenfreude and candidate cruelty. Political Psychology. Quelle öffnen
[25] [25] Bundesregierung/BKA (09.06.2026): Vorstellung der Fallzahlen Politisch motivierter Kriminalität 2025. Quelle öffnen
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[28] [28] Wirkungsökonomie: Wie der Wirkungsticker Wirkungen bewertet - Methodik und Wirkungsordnungen. Quelle öffnen
[29] [29] Natalie Weber (2026): Die neue Ordnung des Wohlstands, Kapitel 2 - Die Maßstabskrise (Reichweite, Aufmerksamkeit und Wirkung). Wirkungsökonomie. Quelle öffnen
Methodischer Hinweis: Der Text ist ein Meinungs- und Analysebeitrag von Natalie Weber. Konkrete Ereignisse, Zahlen, dokumentierte programmatische Forderungen, Ergebnisse wissenschaftlicher Studien sowie meine wirkungsökonomischen Schlussfolgerungen sind bewusst voneinander getrennt. Die WÖk-Quellen [27]-[29] dokumentieren meinen eigenen Bezugsrahmen und sind keine unabhängige empirische Bestätigung. Aus der gemeinsamen Beschreibung verschiedener Fälle wird keine unbewiesene Kausalkette oder abgestimmte Strategie behauptet.
Weiterlesen: Rechtsruck und die Suche nach Bedeutung, Leitbild für Mensch, Planet und Demokratie und Wirkungsökonomie.
