Zuerst: Was wird überhaupt bewertet?
Der Nachrichtenanlass ist das berichtete Ereignis. Der Wirkungsgegenstand ist die Maßnahme, Entwicklung oder Zustandsveränderung, deren Folgen wir untersuchen. Bei einer politischen Forderung geht es deshalb zuerst um die vorgeschlagene Maßnahme. Die Äußerung selbst wird bewertet, wenn Kommunikation, Frames oder öffentliche Resonanz das Thema sind.
Jede Richtung braucht einen Vergleich: Was ist der Ausgangszustand? Was wäre ohne die Maßnahme voraussichtlich geschehen? Dieser Vergleich heißt Gegenfaktum. Der offengelegte Referenzrahmen erklärt, warum eine Veränderung positiv, negativ oder neutral eingeordnet wird. Ein Zielbezug allein beweist keine Wirkung.
Mensch, Planet und Demokratie gehören zusammen
Mensch umfasst unter anderem Gesundheit, Sicherheit, Rechte, Einkommen, Bildung und Teilhabe. Planet umfasst Klima, Ökosysteme, Wasser, Boden, Ressourcen und natürliche Lebensgrundlagen. Demokratie umfasst unter anderem Rechtsstaatlichkeit, Machtbegrenzung, freie Information, Minderheitenschutz und demokratische Korrekturfähigkeit.
Wir prüfen konkrete Wirkungsempfänger und Mechanismen. Die erste Ordnung beschreibt unmittelbare Veränderungen, die zweite nachgelagerte Folgen und Rückkopplungen, die dritte mögliche Veränderungen von Regeln, Institutionen und Systemzuständen. Materielle Verbindungen zwischen den drei Wirkungsräumen bleiben sichtbar. Eine bloße thematische Verbindung genügt nicht.
Wirkung oder Wirkungspotenzial?
Wirkung ist eine tatsächlich eingetretene Zustandsveränderung. Wirkungspotenzial bezeichnet eine mögliche zukünftige Veränderung. Ein Wirkungsrisiko ist die Möglichkeit einer negativen Wirkung, noch kein eingetretener Schaden.
- Ex ante: + Potenzial oder - Risiko. Der Pfad ist noch nicht eingetreten.
- Laufend: bereits laufende Veränderungen werden von möglichen weiteren Folgen getrennt.
- Ex post: + beobachtet oder - beobachtet. Eine Zustandsveränderung ist belegt oder belastbar rekonstruiert. Beobachtung allein beweist noch keine eindeutige Ursachenzurechnung.
Der Balken zeigt nur die Tragweite
Wie groß wäre die Zustandsveränderung, wenn der konkrete Pfad eintritt? Bei beobachteten Wirkungen: Wie groß ist sie im benannten Wirkungsraum bereits? Die fünf Balkenstufen beantworten diese Frage. Sie zeigen weder Relevanz der Nachricht noch Eintrittswahrscheinlichkeit oder Evidenz.
Die systemische Relevanz der Meldung steht getrennt daneben. Ein lokales Ereignis kann für einen einzelnen Menschen existenzielle Tragweite haben.
Sechs offengelegte Faktoren
Jeder modellierte Potenzialpfad erhält sechs quellenbegründete Einschätzungen von 0 bis 5. Die Werte beziehen sich auf denselben Gegenstand und Vergleichszustand.
| Faktor | Orientierung der Stufen |
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| R · Reichweite | 0: keine 1: einzelne Empfänger 2: begrenzte Gruppe / lokal 3: regional oder sektorweit 4: landes- oder bundesweit 5: global / gesamtes System |
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| I · Intensität | 0: keine 1: gering 2: begrenzt 3: deutlich 4: schwer 5: existenziell / fundamental |
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| D · Dauer | 0: keine 1: sehr kurzfristig 2: kurzfristig 3: mittel- bis längerfristig 4: lang anhaltend 5: generationenübergreifend / strukturell dauerhaft |
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| U · Unumkehrbarkeit | 0: sofort reversibel / keine Veränderung 1: leicht reversibel 2: mit begrenztem Aufwand reversibel 3: nur mit erheblichem Aufwand reversibel 4: sehr schwer reversibel 5: irreversibel |
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| V · Verteilung / Vulnerabilität | 0: nicht relevant 1: gering 2: begrenzt 3: deutlich 4: stark ungleich / vulnerable Gruppen 5: fundamentale Schutzbedürftigkeit / extreme Lastkonzentration |
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| S · Systemtiefe | 0: keine 1: isolierter Einzelfall 2: begrenzter Folgepfad 3: zweite Ordnung / relevante Rückkopplung 4: starke strukturelle Wirkung 5: dritte Ordnung / Regeln, Institutionen oder Systemzustand |
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Grundwert = (Reichweite + Intensität + Dauer + Unumkehrbarkeit + Verteilung/Vulnerabilität + Systemtiefe) / 6
Die sechs Faktoren sind gleich gewichtet. Das ist eine offengelegte Methodenentscheidung, kein empirisch bewiesenes Naturgesetz. Geänderte Gewichte müssten begründet, versioniert und öffentlich dokumentiert werden.
| Grundwert | Balkenstufe |
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| 0 | 0 · praktisch vernachlässigbare Veränderung |
| größer 0 bis kleiner 1,5 | 1 · gering |
| 1,5 bis kleiner 2,5 | 2 · begrenzt |
| 2,5 bis kleiner 3,5 | 3 · deutlich |
| 3,5 bis kleiner 4,5 | 4 · hoch |
| ab 4,5 | 5 · sehr hoch |
Für jede reguläre Meldung modellieren wir jeweils einen Wirkungspfad für Mensch, Planet und Demokratie. Seine Tragweite wird auf der Skala von 0 bis 5 begründet eingeschätzt. Ein fehlender Messwert macht eine mögliche Folge nicht unbewertbar: Wir benennen die Bedingungen und schätzen, wie groß die Veränderung bei Eintritt wäre. Unsichere Modellannahmen kennzeichnen wir durch Evidenz, Eintrittsplausibilität und eine begründete Bandbreite. Stufe 0 bezeichnet ausschließlich eine praktisch vernachlässigbare Veränderung im benannten Raum und Zeitraum. Auch ein Pfad mit offener Richtung behält seine Tragweitenbewertung.
Die Berechnung ist reproduzierbar; die zugrunde liegenden Einschätzungen bleiben begründungs- und revisionsbedürftig. Auf der Detailseite lässt sich zu jedem Hauptpfad aufklappen, wie seine Tragweite hergeleitet wurde.
Schwere Schäden verschwinden nicht im Durchschnitt
Ein belegter schwerer Eingriff in ein Schutzgut darf nicht wegen geringer Reichweite klein gerechnet werden. Dazu gehören etwa Tod oder schwere körperliche Verletzung, fundamentale Rechtsverletzungen, schwere irreversible ökologische Schäden und erhebliche Gefährdungen demokratischer Korrekturfähigkeit. Auch institutioneller Kontrollverlust und kritische Infrastruktur mit Kaskadenwirkung müssen geprüft werden.
Entscheidend ist der konkret begründete Wirkpfad im Referenzrahmen, kein einzelnes Schlagwort. Ist eine schwere Schutzgrenzverletzung maßgeblich, beträgt die Tragweite mindestens 4. Ex ante gilt dies nur, wenn genau diese Grenzverletzung bedingt modelliert wird. Ihre Eintrittsplausibilität bleibt separat.
Nichtkompensation: Vorteile an anderer Stelle heben eine schwere Grenzverletzung nicht auf. Reverse Merit Order: Maßgebliche Schutzgrenzen begrenzen die Bewertung zuerst. Mensch, Planet und Demokratie werden deshalb nicht zu einer einfachen Gesamtnote gemittelt.
Ring, Balken und Richtung
Ring = Status · Balken = Stärke / Tragweite · +/- = Richtung. Ein Konturring steht für Potenzial, ein festes Segment für erste oder laufende Wirkung und ein gefüllter Kreis für eine beobachtete Zustandsveränderung. Das sind drei Kategorien, keine Prozentwerte, Wahrscheinlichkeiten oder Fortschrittsanzeigen.
Ein Potenzial kann sehr stark sein, obwohl es noch nicht eingetreten ist. Erste Folgen können sichtbar sein, während weitere Potenziale bestehen. Neben einer beobachteten Folge steht deshalb ihre eigene Tragweite. Das noch bestehende Potenzial wird zusätzlich gezeigt.
Richtung und Gegenpfade
Positiv stärkt, negativ schwächt den ausgewiesenen Referenzrahmen gegenüber dem Vergleichszustand. Die Richtung wird nicht aus den sechs Tragweitenfaktoren berechnet.
Ein kleines Nebenrisiko macht einen klaren Hauptpfad nicht automatisch gegenläufig. Wenn positive und negative materielle Hauptpfade desselben Gegenstands bestehen, vergleichen wir ihre jeweils größte Tragweite. Liegen sie höchstens eine Stufe auseinander, heißt der Befund „± gegenläufig“. Bei mindestens zwei Stufen Unterschied wird „± überwiegend positiv“ oder „± überwiegend negativ“ ausgewiesen. Eine maßgebliche negative Schutzgrenze begrenzt das Ergebnis; positive Teilpfade werden separat gezeigt.
- Neutral: Die Veränderung wurde geprüft und ist im Referenzrahmen weder positiv noch negativ einzuordnen.
- Offen: Der modellierte Pfad ist beschrieben, aber seine Richtung lässt sich gegenüber dem Vergleichszustand noch nicht eindeutig bestimmen. Der Grund wird angegeben. Offen ist weder neutral noch Stufe 0. Die Tragweite und die Evidenz werden davon unabhängig ausgewiesen. Eine bloß unsichere Realisierung macht einen klar negativen bedingten Pfad nicht richtungslos.
- Stufe 0: Der modellierte Pfad lässt im betrachteten Raum und Zeitraum eine praktisch vernachlässigbare Veränderung erwarten. Das bedeutet weder fehlenden Pfad noch fehlende Daten.
Eintrittsplausibilität und Evidenz sind zwei weitere Fragen
Eintrittsplausibilität: Wie plausibel ist die Realisierung des Pfads? Ohne belastbare Grundlage nennen wir keine Prozentzahlen.
- Sehr gering: theoretisch möglich; mehrere notwendige Bedingungen fehlen.
- Gering: plausibel; zentrale Voraussetzungen fehlen.
- Mittel: mehrere Voraussetzungen erfüllt; wichtige Entscheidung oder Umsetzung offen.
- Hoch: wesentliche Voraussetzungen erfüllt oder Umsetzung weit fortgeschritten.
- Sehr hoch: konkret unmittelbar bevorstehend oder stark belegt.
- Bereits eingetreten: die Zustandsveränderung ist beobachtet.
- Unbekannt: keine belastbare Einstufung möglich.
Evidenz: Wie gut ist die Aussage belegt? Wir unterscheiden hoch, mittel, gering und nicht bewertbar. Messung, Beobachtung, Modellierung, Schätzung und Sekundärquelle werden dabei kenntlich gemacht. Geringe Evidenz verkleinert keinen Balken. Ein seltenes oder schwach belegtes Risiko kann sehr große mögliche Tragweite haben.
Potenzial und bereits beobachtete Folgen
Auch ohne bereits gemessene Folgen kann ein belegter Mechanismus ein bewertbares Wirkungspotenzial besitzen. Ein noch fehlender Beschluss betrifft den Eintritt, nicht automatisch die Tragweite. Bei hoher Unsicherheit nennen wir die Bedingungen des Pfades und eine begründete Bandbreite. Die Balkenstufe beschreibt die mögliche Veränderung bei Eintritt; sie ist keine Behauptung, dass diese Veränderung bereits gemessen wurde.
Eine beobachtete Veränderung ersetzt nicht die weiterhin mögliche Entwicklung. Beispielsweise kann eine verbrannte Waldfläche bereits dokumentiert sein, während langfristige Ökosystem- und Gesundheitsfolgen noch als Potenziale untersucht werden. Ob und wie stark der Klimawandel den einzelnen Brand beeinflusst hat, ist eine eigene Attributionsfrage und braucht eigene Belege. Dasselbe gilt für hitzebedingte Todesfälle.
Wir bewahren die ursprüngliche Potenzialbewertung und vergleichen sie mit späteren Bewertungen und beobachteten Folgen. Rückwirkende Rekonstruktionen sind keine damaligen Vorhersagen. Unsere Hypothesen können dadurch bestätigt, begrenzt oder korrigiert werden.
Drei weitere Beispiele
Ein angekündigtes Gesetz
Ein Gesetz könnte bei Umsetzung einen sehr großen negativen Pfad auslösen. Die politische Umsetzung ist aber noch unsicher. Dann können zugleich gelten: sehr hohe Tragweite, mittlere Eintrittsplausibilität, hohe Evidenz für den Mechanismus, ex ante und negative Richtung. Wie groß die Folgen wären und ob sie eintreten, sind verschiedene Fragen.
Ein belegter tödlicher Angriff
Für den getöteten Menschen ist die negative Zustandsveränderung bereits eingetreten. Intensität und Unumkehrbarkeit sind sehr hoch. Offene Fragen zum Motiv ändern diesen beobachteten Befund nicht. Weitere gesellschaftliche Folgen werden getrennt geprüft.
15 Prozent weniger Leistungsbeziehende
Der Messwert kann klar sein, während die menschliche Wirkungsrichtung offen bleibt: Sind Menschen ausgereist, anerkannt worden, in andere Leistungen gewechselt oder von Versorgung ausgeschlossen? Ohne Ursacheninformation belegt der Rückgang allein keine Verbesserung oder Verschlechterung ihrer Lebenslage. Mögliche Folgen für Versorgung, Ressourcenbedarf und gesellschaftliche Teilhabe werden als getrennte bedingte Pfade untersucht. Ihre Tragweite hängt von Empfängern, Raum, Zeitraum und Mechanismus ab, nicht allein vom Rückgang der Statistik. Fehlende Ursacheninformationen rechtfertigen weder eine positive noch eine neutrale Richtung.
Welche Quelle trägt welche Aussage?
Die Nachricht belegt das Ereignis. Wissenschaftliche, rechtliche, statistische oder institutionelle Kontextquellen können den Mechanismus stützen. Der Referenzrahmen trägt die Bewertung. Gegenevidenz begrenzt oder widerspricht dem angenommenen Pfad. Ein Parteiprogramm belegt Forderungen, nicht allein deren Folgen. Die Ausgangsmeldung muss die vollständige Wirkungsanalyse nicht bereits enthalten.
Jede neue Bewertung wird vor der Veröffentlichung nochmals unabhängig auf Gegenstand, Beobachtung, Richtung, Tragweite, Evidenz, Gegenpfade und Quellenbindung geprüft. Fehlende zentrale Grundlagen führen zu weiterer Recherche oder redaktioneller Prüfung. Neue belastbare Informationen können die Bewertung verändern. Ursprüngliche Texte und frühere Einordnungen bleiben im Verlauf nachvollziehbar; eine Neubewertung wird mit Stand und Methodenversion dokumentiert.
Keine Verwechslung mit anderen WÖk-Skalen
Die allgemeine WÖk-Scorecard von -3 bis +3 beschreibt normative Wirkungsklassen in dafür vorgesehenen Anwendungen. Die Balken von 0 bis 5 im Ticker zeigen die Tragweite eines konkreten Pfads. Diese Skalen sind nicht austauschbar.
Die Balken sind auch kein Ergebnis einer statistischen Regressionsanalyse. Ein Regressionstest ist eine Softwareprüfung gegen die Wiederkehr eines Fehlers. Eine statistische Regression untersucht dagegen Zusammenhänge in Daten und bräuchte unter anderem dokumentierte Variablen, Stichprobe, Modellannahmen und Unsicherheitsmaße.
Methodenverlauf
2.0: Relevanz, Tragweite, Richtung und Evidenz getrennt. 2.1 / Präzisierung 14.09.2026: modelliertes Wirkungspotenzial mit begründeter Tragweite von 0 bis 5 für alle drei Dimensionen; getrennte Richtung, Eintrittsplausibilität und Evidenz; sechs offengelegte Faktoren, Schutzprüfung und Wirkungsrecherche über die Ausgangsmeldung hinaus. Gegenstand und Vergleichszustand werden vor der Freigabe gesondert geprüft. Spätere fachliche Korrekturen werden datiert dokumentiert.
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