Von Paragrafen zur Wirkung – warum wir Systeme statt Maschinen denken müssen
Wir behandeln Wirtschaft bis heute so, als wäre sie eine triviale Maschine: ein Apparat mit klaren Stellschrauben, an dem man nur drehen muss, um das gewünschte Ergebnis zu erzeugen. Gesetz erlassen, Paragraph ergänzen, Subvention beschließen – und schon, so glaubt man, läuft das System wieder rund.
Doch diese Vorstellung ist eine Illusion. Heinz von Foerster unterschied zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen. Triviale Maschinen reagieren immer gleich: Input rein, Output raus. Unsere Welt aber – Gesellschaft, Natur, Wirtschaft – ist nicht trivial. Sie ist komplex, dynamisch, selbstorganisiert. Jeder Eingriff verändert das Ganze. Jede Regel erzeugt Nebenwirkungen, die niemand vorhersehen kann.
Genau deshalb erleben wir derzeit Marktversagen. Denn solange wir nach Kapital und Gewinn steuern, lohnen sich destruktive Modelle: Kosten werden externalisiert, während die gesellschaftliche Wirkung unsichtbar bleibt.
Produkte: Wirkung sichtbar machen
Am klarsten zeigt sich das bei Produkten:
Apfel: Ein regionaler Bio-Apfel und ein importierter Apfel aus Chile zahlen denselben Steuersatz – obwohl ihre Wirkungen auf Klima, Ressourcen und Arbeit völlig unterschiedlich sind.
T-Shirt: Ein fair produziertes Bio-Shirt und ein T-Shirt aus Kinderarbeit mit giftigen Chemikalien landen heute steuerlich gleich im Regal.
Strom: Ein Anbieter mit 90 % Kohle und einer mit 90 % Erneuerbaren – beide werden nach Umsatz besteuert, nicht nach Wirkung.
Klimakrise: CO₂-intensive Modelle sind profitabler als nachhaltige Alternativen, solange Wirkung unsichtbar bleibt.
Das ist der Konstruktionsfehler: Der Markt bildet die Wirkung eines Produkts nicht ab. Deshalb braucht es Gesetze, Subventionen und Sonderregelungen, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern – und trotzdem bleibt der Konstruktionsfehler bestehen.
Gesellschaft: Wirkung als Kompass
Dieses Marktversagen endet aber nicht bei Produkten – es prägt unser gesamtes gesellschaftliches Leben:
Mietpreise: Wohnungen werden zum Spekulationsobjekt. Kapital sucht Rendite, bezahlbarer Wohnraum verschwindet. Wirkung – das Grundbedürfnis Wohnen – bleibt unsichtbar. Folge: Mietendeckel, Förderprogramme, Bürokratie.
Einkommensteuer: Eine Führungskraft in einem Kohlekonzern und eine in der Solarindustrie zahlen denselben Steuersatz – obwohl ihre Wirkungen gegensätzlicher nicht sein könnten. Wirkung spielt keine Rolle.
Gender Pay Gap & gläserne Decke: Frauen verdienen in vielen Unternehmen weniger, Führungspositionen bleiben männlich dominiert. Care-Arbeit und soziale Berufe, die enorme gesellschaftliche Wirkung haben, sind unterbewertet. Statt Kooperation regieren patriarchale Hierarchien und Machtstrukturen.
Patriarchale Strukturen: Hierarchie, Machtkonzentration und Ausbeutung prägen unser System. Kooperation, Teilhabe und Care-Arbeit werden entwertet, obwohl sie für gesellschaftliche Stabilität unverzichtbar sind.
Bildung & Wissenschaft: Schulen und Forschungseinrichtungen werden nach Kosten oder Rankings bewertet – nicht nach der Wirkung, die sie langfristig für Gesellschaft, Demokratie und Innovation haben.
Recht & Demokratie: Selbst hier gilt: Wir messen zu oft an Formalien, nicht an der tatsächlichen Wirkung auf Freiheit, Gerechtigkeit und Teilhabe.
In allen Bereichen gilt: Wirkung ist nicht der Maßstab. Deshalb entstehen Ungleichheit, Instabilität und die Spirale von immer mehr Gesetzen und Bürokratie.
Weil der Markt diese Wirkungen nicht abbildet, muss Politik immer neue Regeln einführen: Mietendeckel, CO₂-Preis, Lieferkettengesetz, Mindestlohn, Quoten, Subventionen. So wächst ein Flickenteppich aus immer mehr Gesetzen und Bürokratie. Und trotzdem bleibt der Konstruktionsfehler bestehen: Wir messen am Falschen.
Gesellschaft: Wirkung als Kompass
Dieses Marktversagen endet aber nicht bei Produkten – es prägt unser gesamtes gesellschaftliches Leben:
Mietpreise: Wohnungen werden zum Spekulationsobjekt. Kapital sucht Rendite, bezahlbarer Wohnraum verschwindet. Wirkung – das Grundbedürfnis Wohnen – bleibt unsichtbar. Folge: Mietendeckel, Förderprogramme, Bürokratie.
Einkommensteuer: Eine Führungskraft in einem Kohlekonzern und eine in der Solarindustrie zahlen denselben Steuersatz – obwohl ihre Wirkungen gegensätzlicher nicht sein könnten. Wirkung spielt keine Rolle.
Gender Pay Gap & gläserne Decke: Frauen verdienen in vielen Unternehmen weniger, Führungspositionen bleiben männlich dominiert. Care-Arbeit und soziale Berufe, die enorme gesellschaftliche Wirkung haben, sind unterbewertet. Statt Kooperation regieren patriarchale Hierarchien und Machtstrukturen.
Bildung & Wissenschaft: Schulen und Forschungseinrichtungen werden nach Kosten oder Rankings bewertet – nicht nach der Wirkung, die sie langfristig für Gesellschaft, Demokratie und Innovation haben.
Recht & Demokratie: Selbst hier gilt: Wir messen zu oft an Formalien, nicht an der tatsächlichen Wirkung auf Freiheit, Gerechtigkeit und Teilhabe.
In allen Bereichen gilt: Wirkung ist nicht der Maßstab. Deshalb entstehen Ungleichheit, Instabilität und die Spirale von immer mehr Gesetzen und Bürokratie.
Die Hybris der Trivialisierung: Fusionsreaktoren
Ein besonders sichtbares Beispiel für diese technokratische Hybris ist die Kernfusion. Ingenieure entwickeln Fusionsreaktoren, weil sie beweisen wollen, dass sie selbst die komplexesten Systeme der Natur trivialisieren können – als wäre Energie nichts anderes als eine Maschine, die man nur groß und kompliziert genug bauen muss.
Doch genau hier liegt das Missverständnis: Die Natur folgt nicht der Logik trivialer Maschinen. Komplexe Systeme – Klima, Ökosysteme, Gesellschaften – lassen sich nicht beherrschen, sondern nur mit ihnen kooperieren.
Anstatt Milliarden in die Illusion zu investieren, irgendwann die perfekte Maschine zu bauen, wäre es wirkungsvoller, die vorhandenen selbstorganisierten Systeme zu stärken: Sonne, Wind, Wasser, Kreisläufe. Sie sind einfach, robust und eingebettet in die Logik der Natur.
Die Wirkungsökonomie denkt genauso: Sie akzeptiert die Nicht-Trivialität unserer Welt. Sie setzt nicht auf technische Wunderwaffen und immer neue Paragraphen, sondern auf klare Leitplanken, die Selbstorganisation ermöglichen – in der Energieversorgung wie in Wirtschaft und Gesellschaft.
Die systemische Alternative: Wirkung als Steuerungsgröße. Wir brauchen den Wechsel von einer technokratischen zu einer systemischen Sicht. Nicht mehr der Versuch, mit Paragraphen eine Maschine zu justieren, sondern klare Leitplanken, in denen sich das System selbst organisiert.
Die Daten liegen längst vor – Nachhaltigkeitsberichte (CSRD, ESRS, GRI) liefern auditierbare, standardisierte, digitale Informationen. Sie sind kein Ballast, sondern die Grundlage.
Mit der Wirkungssteuer werden Produkte nach ihrer Wirkung auf die Sustainable Development Goals (SDGs) eingestuft: Schädliches teurer, Positives günstiger – sichtbar direkt am Preisschild.
Mit dem T-SROI messen wir, ob Investitionen ganze Systeme transformieren – von Bauwirtschaft bis Landwirtschaft – und berücksichtigen dabei sowohl positive Wirkungen als auch negative Effekte, die systematisch gegengerechnet werden. So zeigt der T-SROI, ob eine Investition unter dem Strich tatsächlich zur Transformation beiträgt.
Mit der Reverse Merit Order verhindern wir Ablasshandel: Ein Defizit (Kinderarbeit, CO₂, Patriarchat) zieht alles nach unten. Kein Greenwashing mehr.
Und dieses Prinzip lässt sich übertragen:
Einkommensteuer: Heute zahlt ein CEO eines Kohlekraftwerks und ein CEO eines Solarunternehmens denselben Spitzensteuersatz – obwohl die Wirkungen ihrer Tätigkeiten gegensätzlicher kaum sein könnten: Der eine destabilisiert Klima und Lebensgrundlagen, der andere schafft Versorgungssicherheit und Zukunftsfähigkeit. Wirkung spielt im Steuersystem keine Rolle.
Mieten: Heute zählt nur der Kapitalertrag. Eine Luxuswohnung in Berlin-Mitte wird steuerlich gleich behandelt wie eine bezahlbare Wohnung für Familien oder eine energetisch sanierte Genossenschaftswohnung. Die Wirkung – ob Wohnraum soziale Stabilität schafft, Energie spart und Lebensqualität sichert – bleibt unsichtbar. In der Wirkungsökonomie wird Wohnraum nicht nach Rendite, sondern nach sozialer und ökologischer Wirkung bewertet: bezahlbare, nachhaltige Wohnungen werden gefördert, spekulative Leerstände und Luxusobjekte belastet.
Bildung und Wissenschaft: Derzeit fließen Mittel oft nach Kostenlogik, Rankings oder kurzfristiger Nachfrage: Wer viele Publikationen vorweisen kann oder in globalen Rankings glänzt, bekommt Geld – egal, welche Wirkung die Forschung für Gesellschaft, Demokratie oder nachhaltige Innovation hat. In der Wirkungsökonomie entscheidet die Wirkung: Mittel fließen gezielt in Schulen, Universitäten und Forschungsprojekte, die langfristig Demokratie stärken, soziale Innovation fördern oder ökologische Transformation ermöglichen.
Recht: Heute messen wir juristische Systeme an Formalien – wie viele Verfahren abgeschlossen werden oder wie hoch die Kosten sind. Ob Rechtsprechung tatsächlich Vertrauen schafft, Gerechtigkeit garantiert und Grundrechte sichert, bleibt schwer fassbar. In der Wirkungsökonomie wird genau das zum Maßstab: Unabhängigkeit der Justiz, faire Verfahren, Zugang für alle und tatsächliche Durchsetzung von Grundrechten werden als Wirkung messbar gemacht. Diese Kriterien fließen in das SDG+-System ein und machen die Qualität von Rechtsstaatlichkeit transparent und steuerungsfähig.
Schlussfolgerung
So entsteht ein Spielfeld, in dem Wirkung die Währung ist. Kapital bleibt Mittel, Gewinn wird Feedback – der Beweis, dass eine Lösung funktioniert. Wettbewerb bleibt, aber er verschiebt sich: Nicht mehr um den größten Profit, sondern um den größten positiven Impact.
Die Wirkungsökonomie beendet die Illusion der trivialen Maschine. Sie akzeptiert die Komplexität realer Systeme – und macht Wirkung zum Kompass. Damit wird aus Marktversagen Marktfunktion. Und: Sie beendet auch die Spirale von Bürokratie und immer neuen Gesetzen. Denn wenn Wirkung die Leitgröße ist, steuert sich das System selbst – bei Produkten ebenso wie bei Mieten, Steuern, Bildung, Wissenschaft und Demokratie.
Mehr zur Wirkungsökonomie auf www.wirkungsoekonomie.de