Über Preise, Verzicht und die Verzerrung von Wohlstand
Es gehört zu den hartnäckigsten Überzeugungen moderner Gesellschaften, dass Nachhaltigkeit ein Luxus sei. Etwas moralisch Wünschenswertes, aber ökonomisch Problematisches. Kaum ein Einwand wird reflexhafter vorgebracht als jener, dass faire Löhne, ökologische Standards und verantwortungsvolle Lieferketten zwangsläufig höhere Preise erfordern müssten – und damit soziale Zumutungen.
Diese Annahme wirkt auf den ersten Blick plausibel. Sie hält sich jedoch weniger aus ökonomischer Notwendigkeit als aus Gewohnheit. Nicht, weil Nachhaltigkeit kostenlos wäre, sondern weil Preise seit Langem mit Kosten verwechselt werden – und dabei aus dem Blick gerät, dass unser Preissystem systematisch unvollständig rechnet.
Der Preis als gesellschaftliche Konvention
In marktwirtschaftlichen Gesellschaften gilt der Preis als zentrales Orientierungssignal. Er soll Knappheit anzeigen, Entscheidungen koordinieren und Effizienz widerspiegeln. In der Theorie erscheint er als verdichtete Information, in der sich Produktionsaufwand, Angebot und Nachfrage bündeln.
Diese Vorstellung setzt voraus, dass der Preis die relevanten Kosten enthält. Genau das ist nicht der Fall.
Ein erheblicher Teil dessen, was Produkte real verursachen, bleibt im Preis ausgeblendet: Umweltzerstörung, Gesundheitsfolgen, soziale Erosion, geopolitische Abhängigkeiten und demokratische Risiken. Diese Effekte verschwinden nicht. Sie werden lediglich verlagert – räumlich in andere Weltregionen, zeitlich in die Zukunft, institutionell in Krankenkassen, öffentliche Haushalte oder Krisenprogramme.
Der Preis zeigt daher nicht, was etwas tatsächlich kostet, sondern nur, auf wen die Kosten abgewälzt werden.
Karl Polanyi hat diese strukturelle Blindheit des Marktes bereits Mitte des 20. Jahrhunderts benannt. In The Great Transformation warnt er davor, den Marktmechanismus zur alleinigen Instanz gesellschaftlicher Steuerung zu machen:
„To allow the market mechanism to be the sole director of the fate of human beings and their natural environment would result in the demolition of society.“ (Polanyi, 1944)
Preise sind keine Naturgesetze. Sie sind Ausdruck institutioneller Entscheidungen darüber, welche Wirkungen berücksichtigt werden – und welche nicht.
Wenn Effizienz zur Verdrängung wird
Aus dieser Unvollständigkeit ergibt sich eine paradoxe Ordnung. Produkte, die ökologische und soziale Schäden verursachen, erscheinen günstig. Produkte, die solche Schäden vermeiden, erscheinen teuer. Nicht, weil sie schlechter wirtschaften, sondern weil sie Kosten berücksichtigen, die andere ausklammern.
Der Markt belohnt in dieser Konstellation nicht die bessere Lösung, sondern jene, die Kosten am konsequentesten ausblendet. Effizienz wird nicht daran gemessen, wie stabil, ressourcenschonend oder zukunftsfähig ein Produkt ist, sondern daran, wie erfolgreich es Folgen unsichtbar macht. „Billig“ bedeutet in dieser Logik nicht günstig, sondern unvollständig.
Robert F. Kennedy hat diese Verzerrung für volkswirtschaftliche Kennzahlen prägnant beschrieben – seine Beobachtung lässt sich unmittelbar auf Preise übertragen:
„The Gross National Product counts air pollution and cigarette advertising, and ambulances to clear our highways of carnage. Yet it does not allow for the health of our children, the quality of their education, or the joy of their play.“ (Kennedy, 1968)
Was für das Bruttoinlandsprodukt gilt, gilt auch für Produktpreise: Sie zählen Geldbewegungen, nicht Lebensqualität.
An dieser Stelle lässt sich der Mechanismus zuspitzen, ohne ihn zu moralisch zu überladen: Unter den heutigen Bedingungen ist Preiswettbewerb häufig kein Wettbewerb um Effizienz im eigentlichen Sinn, sondern um die Fähigkeit, Kosten aus dem eigenen Geschäftsmodell herauszuhalten. Unternehmen konkurrieren weniger darüber, wer mit Ressourcen sorgfältiger umgeht oder stabilere Lösungen hervorbringt, als darüber, wessen ökologische, soziale oder gesundheitliche Folgekosten nicht im Preis erscheinen. Der Markt selektiert damit nicht primär die bessere Leistung, sondern die erfolgreichere Externalisierung.
Die stille Subvention von Schäden
In politischen Debatten ist häufig von „Subventionen für Nachhaltigkeit“ die Rede. Der Begriff suggeriert, verantwortungsvolles Wirtschaften müsse künstlich gestützt werden, um konkurrenzfähig zu sein. Diese Perspektive verfehlt jedoch den Kern des Problems.
Subventioniert ist in der heutigen Ordnung nicht nachhaltiges Handeln, sondern die Verursachung von Schäden.
Die kostenlose Nutzung von Umwelt, Gesundheit und sozialer Stabilität ist eine der größten, wenn auch unsichtbaren Subventionen moderner Volkswirtschaften. Sie taucht nicht als Haushaltsposition auf, prägt aber systematisch die Preisbildung. Wer Schäden verursacht, wird kaum zur Verantwortung gezogen. Wer sie vermeidet, trägt zusätzliche Lasten.
Peter Drucker hat den normativen Maßstab unternehmerischen Handelns früh formuliert, als er Gewinn nicht als Zweck, sondern als Prüfstein verstand:
„Profit is not the purpose of business, but a test of its validity.“ (Drucker, The Practice of Management, 1954)
Überträgt man diesen Gedanken auf Preise, wird deutlich: Wenn wirtschaftlicher Erfolg darauf beruht, dass Kosten ausgelagert werden, dann versagt dieser Test. Der Markt misst dann nicht Legitimität, sondern Blindheit.
Ökonomie bleibt physisch
Preise erzeugen den Eindruck von Abstraktion. Doch Wirtschaft bleibt materiell. Jeder Produktionsprozess ist in Energie- und Stoffströme eingebettet, jede Wertschöpfung unterliegt physikalischen Grenzen.
Nicholas Georgescu-Roegen hat diese Einsicht mit der Entropietheorie in die Ökonomie eingeführt:
„The economic process is not an isolated system; it is embedded in the physical environment and subject to its laws.“ (Georgescu-Roegen, The Entropy Law and the Economic Process, 1971)
Wenn Preise diese Realität ignorieren, entsteht die Illusion, Wertschöpfung könne ohne Verbrauch stattfinden – oder Verbrauch ohne Folgen. Nachhaltige Produkte erscheinen dann teurer, weil sie Kosten berücksichtigen, die andere systematisch ausblenden.
Nachhaltigkeit und der Irrtum des Verzichts
Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum Nachhaltigkeit häufig mit Verzicht gleichgesetzt wird. Sie erscheint als Einschränkung, als moralische Zumutung, als Rückbau eines vermeintlich selbstverständlichen Wohlstands.
Doch Verzicht setzt voraus, dass etwas real vorhanden war. Genau das ist im Kontext nicht-nachhaltigen Wirtschaftens selten der Fall. Was als Verlust empfunden wird, ist meist kein realer Wohlstand, sondern eine Illusion, die nur deshalb stabil wirkte, weil ihre Kosten nicht sichtbar waren.
Moderne Ökonomien haben gelernt, Schäden aus dem Blickfeld zu organisieren. Der kurzfristige Konsumvorteil ist präsent, die langfristigen Wohlstandskosten bleiben abstrakt. Jede Korrektur wirkt dann wie eine Einschränkung – nicht, weil etwas genommen wird, sondern weil etwas sichtbar wird.
Der vermeintliche Verzicht besteht darin, dass eine Gesellschaft beginnt, ihre eigenen Kosten nicht länger auszublenden.
Amartya Sen hat Wohlstand daher nicht als bloße Güterverfügbarkeit verstanden, sondern als reale Fähigkeit zu einem guten Leben:
„Development is not about income growth alone, but about expanding the real freedoms that people enjoy.“ (Sen, Development as Freedom, 1999)
Ein System, das Umwelt zerstört, Gesundheit untergräbt und soziale Sicherheit aushöhlt, erweitert keine Freiheiten. Es verzehrt sie.
Verschobener Verzicht
Die Rede vom Verzicht blendet zudem aus, wer ihn tatsächlich trägt – und wann. Billiger Konsum heute bedeutet keinen Verzicht, sondern verschobene Kosten. Sie treffen andere: zukünftige Generationen, Menschen in anderen Weltregionen, öffentliche Haushalte.
Hannah Arendt hat gezeigt, dass Verantwortungslosigkeit selten aus böser Absicht entsteht, sondern aus gedankenloser Normalität:
„The sad truth is that most evil is done by people who never make up their minds to be good or evil.“ (Arendt, Eichmann in Jerusalem, 1963)
Die Vorstellung des „kostenlosen“ Konsums ist genau ein solcher Normalzustand – funktional, bequem und folgenblind.
Nachhaltigkeit als realer Wohlstandsgewinn
Sobald Wohlstandskosten ehrlich einbezogen werden, kehrt sich die Logik des Verzichts um. Was zuvor als Einschränkung erschien, erweist sich als Gewinn an realem Wohlstand: Gesundheit statt Reparatur, Stabilität statt Krisenanfälligkeit, Vertrauen statt sozialer Erosion.
Nachhaltigkeit bedeutet nicht, weniger zu haben, sondern aufzuhören, Wohlstand mit Verschleiß zu verwechseln.
In einer Ordnung, in der Preise reale Wirkungen abbilden, ist nachhaltiges Handeln keine moralische Anstrengung mehr, sondern eine rationale Entscheidung. Aufgegeben wird nicht Wohlstand, sondern die Vorstellung, man könne ihn konsumieren, ohne ihn zu bezahlen.
Oder, um Albert Einstein sinngemäß zu zitieren:
„We cannot solve our problems with the same thinking we used when we created them.“
Preise sind nicht nur ökonomische Größen. Sie sind Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft als relevant anerkennt – und dessen, was sie bereit ist zu übersehen. Solange Preise systematisch verschweigen, welche Wirkungen sie erzeugen, bleibt Nachhaltigkeit eine Zumutung und keine Selbstverständlichkeit.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob wir uns Nachhaltigkeit leisten können. Sondern wie lange wir uns noch leisten wollen, an Preise zu glauben, die nicht die Wahrheit sagen.