Wir leben in einem paradoxen Moment der Wirtschaftsgeschichte. Noch nie war es so leicht, Reichweite zu erzeugen. Noch nie wurde so viel Aufmerksamkeit monetarisiert. Und noch nie war der Zusammenhang zwischen ökonomischem Erfolg und gesellschaftlichem Wert so brüchig.
Was heute vielfach als Leistung gilt, erzeugt messbaren Schaden. Was ökonomisch „funktioniert“, untergräbt Produktivität, Zusammenhalt und Demokratie.
Um dieses Paradoxon zu beschreiben, reicht der klassische Werkzeugkasten der Ökonomie nicht mehr aus. Wir brauchen einen neuen Begriff – und eine neue Perspektive.
Ich nenne dieses Phänomen: Schadenökonomie.
1. Wenn das, was als Debatte gilt, keine mehr ist
Ein Großteil dessen, was heute als öffentliche oder politische Debatte bezeichnet wird, erfüllt die Kriterien einer Debatte nicht mehr. Statt Argumenten, Abwägung und Erkenntnisgewinn dominieren:
persönliche Angriffe
gezielte Empörung
moralische Abwertung
polarisierender Personen-Content
Es geht nicht um Problemlösung, sondern um Aufmerksamkeit. Nicht um Erkenntnis, sondern um Erregung.
In vielen kulturellen Kontexten existiert dafür ein Begriff: Fitna – gezielte Spaltung von innen. Nicht durch offene Konfrontation, sondern durch Daueraufhetzung, Misstrauen und Eskalation.
Entscheidend ist: Das ist kein individuelles Fehlverhalten. Es ist systemisch belohntes Verhalten.
2. Der Wirkungsmechanismus: Aufmerksamkeit, Stress, Produktivitätsverlust
Der Wirkungsmechanismus dieser Kommunikationslogik ist gut nachvollziehbar:
Emotionen steigen
Spaltung nimmt zu
Vertrauen und Lösungsfähigkeit sinken
Der Mensch verbleibt im permanenten Stress- und Alarmmodus. Psychologisch wie arbeitsökonomisch ist gut belegt: Unter Dauerstress sinken Konzentration, Kooperationsfähigkeit, Entscheidungsqualität und Innovationskraft.
Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene bedeutet das: Sinkende Produktivität, höhere Fehlerquoten, geringere Innovationsleistung und steigende Transaktionskosten. Was individuell als mentale Erschöpfung beginnt, wirkt sich kumuliert als Produktivitätsverlust und Wachstumsbremse aus.
Ökonomisch gesprochen: Aufmerksamkeit wird gebunden, ohne Wert zu schaffen.
Oder zugespitzter: So entsteht kein Wert.
3. Reichweite als Schadensmultiplikator
Ein zentraler Punkt wird oft übersehen: Reichweite ist kein neutraler Verstärker – sie skaliert Wirkung.
Je größer die Reichweite spaltender, emotionalisierender Inhalte, desto größer:
der Produktivitätsverlust
der Vertrauensverlust
die Innovationshemmung
die gesellschaftliche Destabilisierung
Gute Debatten verschwinden dabei nicht, weil Menschen sie grundsätzlich nicht wollen. Sie verschwinden, weil Aufmerksamkeit umtrainiert wird: Weg von Komplexität, hin zu Dauererregung.
Wo Dauerbeschallung dominiert, haben gute Debatten keine Chance.
4. Externalisierte Kosten: der unsichtbare Schaden
Die entstehenden Schäden tauchen in keiner klassischen Bilanz auf. Sie sind externalisierte Kosten:
Zeitverlust
Stress und mentale Erschöpfung
Polarisierung
Vertrauensverlust in Institutionen
sinkende demokratische Handlungsfähigkeit
Diese Kosten werden nicht von denjenigen getragen, die Reichweite, Klicks oder politische Vorteile erzielen. Sie werden auf Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie abgewälzt.
Oder präzise formuliert: Demokratie, sozialer Zusammenhalt und Produktivität tragen die Kosten.
Der Wirkungszusammenhang lässt sich auch formal ausdrücken. Der Fitna-Wirkungskoeffizient steigt, wenn emotionale Erregung und Spaltung zunehmen, und sinkt mit wachsendem Vertrauen und Lösungsorientierung:
Fitna-Wirkungskoeffizient = (Emotion + Spaltung) ÷ (Vertrauen + Lösungen)
Je höher der Koeffizient, desto größer die gebundene Aufmerksamkeit, der Produktivitätsverlust und die externalisierten Kosten für Gesellschaft und Demokratie.
Schadenökonomie ist jedoch deutlich mehr als das Vorhandensein externalisierter Kosten.
Externalisierte Kosten sind in der Ökonomie seit Langem bekannt: Umweltverschmutzung, Gesundheitsfolgen, soziale Belastungen. Sie entstehen häufig als Nebenwirkungen ansonsten produktiver Tätigkeiten – und lassen sich zumindest theoretisch internalisieren oder regulieren.
Schadenökonomie beginnt dort, wo externalisierte Kosten nicht mehr Nebenfolge, sondern Geschäftsmodell sind.
Also dort, wo Gewinn, Reichweite oder politische Wirkung nur deshalb entstehen, weil Stress, Spaltung, Vertrauensverlust oder Destabilisierung ausgelagert werden.
Auch bestimmte mediale Geschäftsmodelle lassen sich so einordnen: Nicht, weil sie eine Meinung vertreten, sondern weil ihr wirtschaftlicher Erfolg systematisch auf Skandalisierung, Polarisierung und der Externalisierung demokratischer Kosten beruht.
Ein Beispiel: Wenn journalistische Zuspitzung vereinzelt zu Empörung führt, ist das eine Externalität. Wenn Geschäftsmodelle jedoch systematisch auf Dauererregung, Skandalisierung und Polarisierung setzen – und profitabler werden, je größer der gesellschaftliche Schaden ist –, dann handelt es sich nicht mehr um eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, sondern um Schadenökonomie.
In diesem Moment ist Schaden kein Betriebsfehler mehr. Schaden wird zur Quelle von Gewinn, Reichweite oder Macht, nicht zur Quelle von Wert.
Historische Einordnung: Kein neues Muster, aber neue Dimension
Dieses Prinzip ist dabei keineswegs neu. Geschäftsmodelle, die auf Schaden beruhen, existieren seit Langem: etwa im Bereich von Drogen, Glücksspiel, exzessiver Spekulation oder dort, wo systematisch psychologische Schwächen, Suchtmechanismen, kognitive Verzerrungen oder Machtasymmetrien ausgenutzt werden.
Auch Alkohol- und Tabakmärkte lassen sich in diese Logik einordnen. Nicht jeder Konsum ist Schadenökonomie. Entscheidend ist der strukturelle Punkt, an dem gesundheitlicher Schaden, Abhängigkeit und Folgekosten kalkulierter Teil des Geschäftsmodells werden. Dort steigt der Gewinn mit dem Schaden, während ein Großteil der Kosten – Gesundheit, Produktivitätsausfälle, Pflege – auf Gesellschaft und Solidarsysteme ausgelagert wird. Schaden ist dann kein Nebeneffekt mehr, sondern systemisch einkalkuliert.
Der Unterschied zur heutigen Schadenökonomie liegt nicht im Mechanismus, sondern in der Skalierung. Digitale Reichweite, algorithmische Verstärkung und permanente Aufmerksamkeit verwandeln punktuelle Schädigungen in flächendeckende, gesellschaftliche Wirkungen.
Schadenökonomie ist damit kein neues Laster – sondern ein altes Muster mit systemischer Reichweite.
An dieser Stelle verschiebt sich die Problemlage grundlegend. Schadenökonomie ist nicht nur eine Frage individueller Schädigung, sondern eine der kollektiven Zurechnung. Der verursachte Schaden trifft nicht primär einzelne Akteure, sondern gemeinsame Güter: Vertrauen, Aufmerksamkeit, soziale Kohäsion, demokratische Handlungsfähigkeit.
Damit nähert sich Schadenökonomie der Tragik der Allmende. Jeder einzelne Akteur handelt für sich rational und profitabel, während der kumulierte Schaden ein gemeinsames Gut zerstört, für das sich niemand unmittelbar verantwortlich fühlt.
Der destruktiv Handelnde schädigt damit nicht „die anderen“, sondern ein System, von dem er selbst kurzfristig profitiert – und das er langfristig untergräbt.
5. Von Wertschöpfung zu destruktiver Wertschöpfung
In einer wirkungsorientierten Perspektive ist das keine Wertschöpfung mehr. Es handelt sich um:
negative Wertschöpfung
destruktive Wertschöpfung
oder treffend: Schadenökonomie
Geld wird bewegt. Reichweite generiert. Macht aufgebaut. Doch der Netto-Wirkungsbeitrag ist negativ.
Das gilt für bestimmte Medienlogiken ebenso wie für politische Strategien – etwa bei der systematischen Polarisierung durch die Alternative für Deutschland oder der gezielten Skandalisierung demokratischer Akteure wie Daniel Günther. Auch sogenannte „Trump-Wahrheiten“ folgen demselben Muster: ökonomisch und medial wirksam, wirkungsseitig destabilisierend.
6. Das übersehene Paradoxon: Leistung ≠ Wert
Hier wird ein tiefer liegendes Problem sichtbar.
In der klassischen Ökonomie gilt Reichweite als Leistung. Aufmerksamkeit zu erzeugen gilt als Erfolg. Wer Klicks, Views oder Mobilisierung schafft, „leistet etwas“.
Doch genau hier kippt die Logik.
Denn Leistung wird bislang output-blind bewertet: Sie misst Aktivität, nicht Wirkung.
In der alten Logik kann jemand enorme Reichweite erzeugen, Menschen aufhetzen, Diskurse zerstören – und dennoch als leistungsstark gelten, weil Zahlen stimmen.
Das ist das eigentliche Paradoxon unserer Zeit: Leistung ohne Wert.
7. Gewinn, Leistung und Wert auseinanderdenken
Damit sind wir beim Kern:
Gewinn misst Zahlungsbereitschaft. Reichweite misst Aufmerksamkeit. Beides sagt nichts darüber aus, ob Wert entsteht.
Der präzisere Maßstab lautet:
Nicht jede Leistung ist wertschaffend. Manche Leistung ist systemisch zerstörerisch.
Solange Leistung nicht an Wirkung gekoppelt wird, bleibt Schadenökonomie rational, attraktiv und „erfolgreich“.
8. Schadenökonomie als analytische Kategorie
Schadenökonomie ist kein moralischer Vorwurf. Sie ist eine analytische Kategorie für ökonomisches Handeln, das:
kurzfristig funktioniert
langfristig Systeme schwächt
Sie erklärt, warum Rechtsruck, Fake-Journalismus, Dauerempörung und demokratische Destabilisierung nicht trotz, sondern wegen bestehender Anreizsysteme wachsen.
Nichtlinearität, Kipppunkte und negative Selektion
Schadenökonomie folgt dabei keiner linearen Logik. Der einzelne Beitrag, der einzelne Click, der einzelne Creator ist nicht das Problem. Entscheidend ist die Summe – und ihre Wirkung auf das System.
Die Dynamik ist nichtlinear: Lange bleibt der Schaden scheinbar beherrschbar. Doch ab bestimmten Schwellenwerten verändern sich die Spielregeln selbst. Aufmerksamkeit verschiebt sich, Diskurse kippen, Vertrauen bricht abrupt weg. Es entstehen Kipppunkte, nach denen sich das System deutlich schneller in Richtung Destabilisierung bewegt.
Gleichzeitig wirkt ein zweiter, selbstverstärkender Mechanismus: Verdrängung. Je erfolgreicher polarisierender und aufhetzender Content wird, desto schwieriger wird es für konstruktive, erklärende und differenzierende Inhalte, Sichtbarkeit zu erlangen. Gute Creator:innen verlieren Reichweite, Motivation und schließlich ihre Präsenz auf der Plattform. Sie ziehen sich zurück – nicht, weil ihr Content schlechter geworden wäre, sondern weil das Aufmerksamkeitsumfeld sich verändert hat.
Damit entsteht eine Monopolisierung der Aufmerksamkeit: Nicht durch formale Macht, sondern durch algorithmische Selektion. Schadenökonomie wächst nicht nur, weil destruktive Inhalte zunehmen, sondern weil konstruktive Alternativen verschwinden.
Individuell rationales Verhalten führt so zu einem kollektiv destruktiven Ergebnis.
9. Fazit: Ein notwendiger Perspektivwechsel
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Ist es legal? Ist es profitabel?
Sondern: Welche Wirkung erzeugt es – und wer trägt die Kosten?
Erst wenn Wirkung zum Maßstab wird, lassen sich unterscheiden:
wertschaffende Leistung
von ökonomisch organisierter Zerstörung.
Oder in einem Satz:
Gewinn ist kein Beweis für Wert. Wirkung schon.