Warum wir ein neues Modell für Kommunikation brauchen

Wir leben in einer Zeit, in der noch nie so viel kommuniziert wurde wie heute. Nachrichten, Kommentare, Podcasts, Videos, Threads, Streams und Chats erzeugen einen permanenten Strom an Information. Auf den ersten Blick müsste das bedeuten, dass unser kollektives Wissen schneller wächst als jemals zuvor.

Doch das Gefühl vieler Menschen ist ein anderes.

Ob in politischen Debatten, in sozialen Medien oder in öffentlichen Diskursen: Häufig entsteht der Eindruck, dass Gespräche sich im Kreis drehen, Narrative sich wiederholen und echte Erkenntnisse selten geworden sind. Diskussionen eskalieren, Positionen verhärten sich, und trotz unzähliger Beiträge scheint der Erkenntnisgewinn gering zu sein.

Dieses Paradox – mehr Kommunikation, aber weniger Orientierung – lässt sich mit klassischen Kommunikationsmodellen nur schwer erklären.

Ein möglicher Zugang besteht darin, Kommunikation nicht nur als Austausch von Informationen zu betrachten, sondern als dynamisches System, das bestimmten strukturellen Gesetzmäßigkeiten folgt. Genau hier wird es spannend, verschiedene Perspektiven zusammenzuführen:

  • Informationstheorie erklärt, wie Unsicherheit und Informationsgehalt entstehen.

  • Thermodynamik beschreibt, wie Energie in Systemen nutzbar bleibt oder verloren geht.

  • Systemtheorie zeigt, wie Systeme sich selbst reproduzieren.

  • Innovationsökonomie untersucht, wie neue Ideen durch Kombination vorhandenen Wissens entstehen.

Wenn man diese Perspektiven zusammendenkt, entsteht ein überraschend konsistentes Bild: Diskurse verhalten sich in vieler Hinsicht ähnlich wie komplexe physikalische Systeme. Sie können Energie – in diesem Fall Information – produktiv nutzen, um neue Erkenntnisse zu erzeugen. Sie können aber auch in Zustände geraten, in denen zwar weiterhin Kommunikation stattfindet, der Anteil wirklich nutzbarer Information jedoch immer weiter sinkt.

In diesem Artikel schlage ich deshalb ein Modell vor, das man als „Thermodynamik des Diskurses“ bezeichnen könnte. Es beschreibt, wie Kommunikation zunächst Unsicherheit reduziert, dann gemeinsames Wissen erzeugt, daraus durch Rekombination neue Erkenntnisse entstehen lässt – und wie dieser Prozess unter bestimmten Bedingungen auch degenerieren kann.

Bevor wir jedoch über Innovation oder Diskursdegeneration sprechen, müssen wir zunächst einen grundlegenden Ausgangspunkt verstehen: Kommunikation beginnt immer mit Unsicherheit.

Informationsentropie: Kommunikation beginnt mit Unsicherheit

Am Anfang jeder Kommunikation steht ein einfaches, aber grundlegendes Problem: Menschen verfügen über unterschiedliche Wissensbestände.

Wenn zwei Personen miteinander sprechen, wissen sie zunächst nicht genau, was der jeweils andere weiß, glaubt, versteht oder voraussetzt. Diese Unsicherheit ist der eigentliche Motor von Kommunikation. Ohne sie gäbe es keinen Anlass für Fragen, Erklärungen oder Diskussionen.

In der Informationstheorie wird genau diese Unsicherheit als Informationsentropie bezeichnet. Der Begriff geht auf Claude Shannon zurück und beschreibt, wie viele mögliche Zustände ein Informationssystem haben kann. Je größer die Zahl möglicher Zustände ist, desto höher ist die Entropie – und desto größer ist die Unsicherheit darüber, welcher Zustand tatsächlich vorliegt.

Übertragen auf Kommunikation bedeutet das: Wenn wir nicht wissen, was unser Gegenüber denkt oder weiß, existieren viele mögliche Interpretationen. Ein Gespräch dient dann dazu, diese Möglichkeiten schrittweise zu reduzieren.

Stellen wir uns zwei Personen vor, die jeweils über unterschiedliche Wissensnetze verfügen – etwa unterschiedliche Erfahrungen, Fachgebiete oder Perspektiven. Zu Beginn eines Gesprächs sind diese Wissensräume weitgehend getrennt. Jeder versucht zunächst zu verstehen, welche Begriffe, Annahmen oder Fakten der andere überhaupt kennt.

Fragen, Beispiele und Erklärungen wirken dabei wie ein Mechanismus zur Reduktion von Unsicherheit. Stück für Stück entsteht ein gemeinsamer Kontext: Begriffe werden präzisiert, Annahmen abgeglichen und Missverständnisse aufgelöst.

Dieser Prozess führt zu einem Zustand, in dem beide Seiten ein ähnliches Verständnis des diskutierten Themas entwickeln. Man könnte sagen: Die Wissensnetze beginnen sich zu überlappen.

Damit entsteht ein gemeinsamer Wissensraum.

Dieser Schritt ist entscheidend, wird aber oft unterschätzt. Denn bevor neue Ideen entstehen können, müssen Menschen zunächst eine gemeinsame Basis entwickeln, auf der sie überhaupt miteinander denken können.

Doch dieser Zustand markiert erst den Anfang eines viel interessanteren Prozesses. Sobald Wissen gemeinsam verfügbar ist, entsteht eine neue Möglichkeit – eine Möglichkeit, die weit über bloßen Informationsaustausch hinausgeht.

Diese Möglichkeit heißt Rekombination.

Geteiltes Wissen: Die Voraussetzung für produktive Kommunikation

Nachdem Unsicherheit reduziert und grundlegende Informationen ausgetauscht wurden, entsteht ein neuer Zustand im Kommunikationssystem: geteiltes Wissen.

In diesem Zustand verfügen die Beteiligten über einen gemeinsamen Kontext. Sie verstehen zentrale Begriffe ähnlich, kennen relevante Fakten und können auf dieselben Referenzen zurückgreifen. Das bedeutet nicht, dass sie derselben Meinung sind – aber sie sprechen zumindest über dasselbe.

Dieser Schritt ist entscheidend, weil viele Kommunikationsprobleme genau hier entstehen. Wenn Menschen unterschiedliche Bedeutungen mit denselben Begriffen verbinden oder unterschiedliche Ausgangsannahmen haben, reden sie häufig aneinander vorbei. Kommunikation bleibt dann auf der Ebene der Missverständnisse stecken.

Erst wenn ein gemeinsamer Wissensraum entsteht, wird echte inhaltliche Auseinandersetzung möglich.

Man könnte diesen Zustand auch als Synchronisierung von Wissensbeständen beschreiben. Die Wissensnetze der Beteiligten beginnen sich zu überlappen. Ein Teil des Wissens ist nun gemeinsam verfügbar und kann als Grundlage für weitere Gedanken dienen.

Interessanterweise endet Kommunikation in vielen Situationen genau an diesem Punkt. Gespräche bestehen dann vor allem aus Informationsaustausch: Menschen erklären einander Fakten, teilen Erfahrungen oder bestätigen bereits bekannte Zusammenhänge.

Dieser Prozess ist wichtig, aber er führt noch nicht automatisch zu neuen Erkenntnissen. Er sorgt zunächst nur dafür, dass vorhandenes Wissen zugänglich wird.

Doch genau hier entsteht eine neue Möglichkeit.

Sobald mehrere Wissensbereiche gleichzeitig verfügbar sind, können sie miteinander kombiniert werden. Ideen aus unterschiedlichen Kontexten können miteinander in Beziehung gesetzt werden. Perspektiven können verschoben werden. Analogien zwischen scheinbar getrennten Bereichen werden sichtbar.

Mit anderen Worten: Der gemeinsame Wissensraum eröffnet die Möglichkeit der Rekombination von Wissen.

Und genau dieser Schritt ist der eigentliche Motor von Innovation und Erkenntnisgewinn.

Wissensrekombination: Der eigentliche Motor von Innovation

Sobald ein gemeinsamer Wissensraum entstanden ist, verändert sich die Natur der Kommunikation grundlegend. Gespräche dienen nun nicht mehr nur dazu, Informationen auszutauschen, sondern können beginnen, vorhandenes Wissen neu zu kombinieren.

Genau hier liegt der eigentliche Ursprung vieler neuer Ideen.

Der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb Innovation bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nicht als plötzliche Erfindung aus dem Nichts, sondern als neue Kombination bestehender Elemente. Neue Technologien, neue Geschäftsmodelle oder neue wissenschaftliche Hypothesen entstehen häufig dadurch, dass vorhandene Konzepte miteinander verbunden werden.

In Gesprächen geschieht genau das.

Menschen erkennen plötzlich Analogien zwischen verschiedenen Bereichen. Ein Konzept aus einem Feld wird auf ein anderes übertragen. Perspektiven verschieben sich, weil jemand eine Frage stellt, die zuvor niemand gestellt hat. Manchmal genügt eine einzige unerwartete Verbindung zwischen zwei Ideen, um ein ganz neues Verständnis zu erzeugen.

Der Komplexitätsforscher Stuart Kauffman beschreibt diesen Prozess mit dem Begriff des „Adjacent Possible“ – des angrenzend Möglichen. Gemeint ist damit der Raum an neuen Ideen, der direkt aus dem bestehenden Wissen heraus erreichbar wird.

Jede neue Kombination erweitert diesen Raum.

Eine neue Erkenntnis eröffnet weitere Fragen. Eine neue Verbindung zwischen Ideen macht andere Kombinationen denkbar. Der Wissensraum wächst dadurch nicht linear, sondern oft explosionsartig.

Das bedeutet: Kommunikation kann mehr tun als Unsicherheit reduzieren. Sie kann einen Prozess in Gang setzen, in dem vorhandenes Wissen immer wieder neu zusammengesetzt wird.

In diesem Moment beginnt ein Diskurs, neues Wissen zu erzeugen.

Doch damit eine solche Wissensproduktion tatsächlich Wirkung entfaltet, reicht es nicht aus, dass Informationen vorhanden sind. Entscheidend ist, ob diese Information auch nutzbar ist.

Und genau hier hilft eine Analogie aus der Thermodynamik, einen wichtigen Unterschied zu verstehen: den Unterschied zwischen Energie und Exergie – oder übertragen auf Kommunikation zwischen Information und Informations-Exergie.

Informations-Exergie: Der Unterschied zwischen Information und Erkenntnis

In der Thermodynamik wird Energie oft in zwei Kategorien unterteilt: Exergie und Anergie. Exergie beschreibt den Anteil der Energie, der tatsächlich Arbeit verrichten kann – also Energie, die noch nutzbar ist. Anergie dagegen bezeichnet Energie, die zwar vorhanden ist, aber nicht mehr in Arbeit umgewandelt werden kann, weil sie bereits gleichmäßig verteilt ist.

Überträgt man diese Unterscheidung auf Kommunikation, entsteht eine überraschend hilfreiche Analogie.

Auch Information ist nicht gleich Information.

Ein Teil der Information, die in einem Diskurs zirkuliert, ist tatsächlich erkenntnisfähig. Sie eröffnet neue Perspektiven, ermöglicht bessere Entscheidungen oder führt zu neuen Hypothesen. Diese Information besitzt einen hohen „Arbeitswert“ für das Denken.

Man könnte sie deshalb als Informations-Exergie bezeichnen.

Ein anderer Teil der Information ist dagegen zwar vorhanden, erzeugt aber keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Dazu gehören Wiederholungen bereits bekannter Argumente, Floskeln, stark vereinfachte Narrative oder Informationen ohne relevanten Kontext.

Diese Information existiert im System, trägt jedoch kaum zur Weiterentwicklung des Wissens bei.

In der thermodynamischen Analogie entspricht sie der Anergie.

Der entscheidende Punkt ist daher nicht die Menge der Information, sondern ihr Anteil an nutzbarer Information. Ein Diskurs kann enorme Mengen an Beiträgen produzieren und trotzdem nur wenig Erkenntnis generieren, wenn der größte Teil der Information redundant oder wenig anschlussfähig ist.

Umgekehrt kann ein einzelner Gedanke mit hoher Informations-Exergie eine ganze Reihe neuer Ideen auslösen. Eine präzise formulierte Frage, eine unerwartete Analogie oder eine neue Hypothese kann den Wissensraum eines Diskurses erheblich erweitern.

Informations-Exergie ist also der Anteil der Information, der tatsächlich neue Möglichkeiten eröffnet.

Doch dieser Prozess bleibt selten statisch. Sobald neue Erkenntnisse entstehen, verändern sie wiederum den Diskurs selbst. Neue Fragen tauchen auf, neue Perspektiven entstehen, und weitere Gespräche werden angestoßen.

Hier zeigt sich ein weiterer zentraler Mechanismus komplexer Kommunikationssysteme: Autopoiesis.

Autopoiesis: Wenn Kommunikation sich selbst erzeugt

Sobald neue Erkenntnisse entstehen, endet der Prozess nicht. Im Gegenteil: Neue Ideen erzeugen fast automatisch neue Fragen, neue Probleme und neue Diskussionen. Genau hier beginnt ein Prozess, den die Systemtheorie als Autopoiesis beschreibt.

Der Begriff wurde von den Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela geprägt und bezeichnet Systeme, die ihre eigenen Elemente immer wieder selbst hervorbringen. In biologischen Systemen bedeutet das beispielsweise, dass Zellen die Bestandteile produzieren, aus denen sie selbst bestehen.

Überträgt man dieses Konzept auf soziale Systeme, ergibt sich eine interessante Beobachtung: Auch Kommunikation kann autopoietisch sein.

In einem Diskurs erzeugt Kommunikation immer wieder neue Kommunikation. Ein Argument ruft ein Gegenargument hervor. Eine Hypothese führt zu neuen Fragen. Eine neue Erkenntnis wird kommentiert, kritisiert oder weiterentwickelt.

Der Diskurs reproduziert sich selbst.

Diese Dynamik erklärt, warum Wissenssysteme wachsen können. Sobald neue Erkenntnisse entstehen, erweitern sie den Raum möglicher Gespräche. Neue Themen werden diskutierbar, neue Perspektiven werden sichtbar, und weitere Kombinationen von Ideen werden möglich.

Autopoiesis sorgt daher dafür, dass ein produktiver Diskurs nicht statisch bleibt. Er entwickelt sich weiter, weil jede Erkenntnis wiederum neue Kommunikation hervorbringt.

Man kann diesen Prozess als Wissenskreislauf beschreiben:

Kommunikation reduziert Unsicherheit → geteiltes Wissen entsteht → Ideen werden rekombiniert → neue Erkenntnisse entstehen → neue Kommunikation beginnt.

Solange dieser Kreislauf funktioniert, kann ein Diskurs kontinuierlich neues Wissen erzeugen.

Doch dieser Prozess ist nicht selbstverständlich stabil. Kommunikationssysteme können auch in eine andere Dynamik geraten – eine Dynamik, in der sich zwar weiterhin Kommunikation reproduziert, der Anteil wirklich nutzbarer Information jedoch zunehmend sinkt.

Genau an dieser Stelle beginnt eine Entwicklung, die man als Bozo-Dynamik beschreiben kann.

Die Bozo-Dynamik: Wenn Diskurse an Qualität verlieren

Der bisher beschriebene Wissenskreislauf funktioniert nur, solange ein Diskurs genügend Informations-Exergie enthält – also Information, die tatsächlich neue Erkenntnisse ermöglicht. Doch Kommunikationssysteme können auch eine andere Dynamik entwickeln.

In der Startup-Szene gibt es dafür einen Begriff: Bozo-Implosion. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn Organisationen beginnen, Menschen einzustellen oder zu fördern, die weniger kompetent sind als ihre Vorgänger, entsteht eine negative Selektionsdynamik. Mit jeder Iteration sinkt das durchschnittliche Niveau des Systems.

Überträgt man dieses Prinzip auf Diskurse, ergibt sich ein ähnlicher Effekt.

Wenn ein Kommunikationsraum zunehmend von vereinfachten Argumenten, emotionalisierten Debatten oder oberflächlichen Narrativen geprägt wird, verändert sich die Struktur der Kommunikation selbst. Komplexe Argumente werden seltener gehört, differenzierte Perspektiven verlieren Sichtbarkeit, und kompetente Stimmen ziehen sich häufig zurück.

Gleichzeitig werden Beiträge belohnt, die besonders schnell Aufmerksamkeit erzeugen – etwa durch Zuspitzung, Empörung oder einfache Erklärungen für komplexe Probleme.

Dadurch entsteht eine Rückkopplungsschleife: Beiträge mit geringerer Informations-Exergie ziehen weitere Beiträge ähnlicher Qualität an. Der Diskurs reproduziert sich weiterhin autopoietisch, doch die Struktur der Kommunikation verändert sich. Statt Rekombination und Erkenntnisgewinn dominieren zunehmend Wiederholungen und vereinfachte Narrative.

Das System produziert weiterhin große Mengen an Kommunikation, aber der Anteil wirklich nutzbarer Information sinkt.

Diese Dynamik erklärt, warum Diskurse trotz hoher Aktivität an Tiefe verlieren können. Der Wissenskreislauf bleibt formal bestehen – Kommunikation erzeugt weiterhin Kommunikation – doch die Qualität der Information verändert sich.

In thermodynamischen Begriffen könnte man sagen: Die Informations-Exergie eines Diskurses nimmt ab.

Wenn dieser Prozess lange genug anhält, entsteht ein Zustand, in dem zwar immer noch intensiv kommuniziert wird, neue Erkenntnisse jedoch immer seltener entstehen. An diesem Punkt nähert sich ein Diskurs einem Zustand, den man als informationsexergetischen Tod beschreiben könnte.

Wenn Diskurse kippen: Ein Blick auf TikTok-Lives

Diese Dynamik lässt sich heute besonders gut in bestimmten Formaten sozialer Medien beobachten – etwa in vielen TikTok-Livestreams.

Livestreams beginnen häufig mit einer produktiven Idee: Menschen kommen zusammen, diskutieren Themen, stellen Fragen, tauschen Perspektiven aus. In der Anfangsphase kann ein solcher Raum durchaus den beschriebenen Wissenskreislauf durchlaufen. Unterschiedliche Wissensbestände treffen aufeinander, Unsicherheiten werden geklärt, und manchmal entstehen tatsächlich neue Gedanken oder Perspektiven.

Doch in vielen Fällen verändert sich die Dynamik im Laufe der Zeit.

Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit entsteht besonders leicht durch Konflikt, Zuspitzung oder emotionale Reaktionen. Dadurch verschiebt sich die Struktur des Diskurses: Beiträge mit hoher emotionaler Resonanz verbreiten sich schneller als komplexe oder differenzierte Argumente.

Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung der Teilnehmenden. Menschen, die an differenzierten Diskussionen interessiert sind, ziehen sich häufig zurück, wenn Gespräche zunehmend von Konflikten oder Wiederholungen geprägt werden. Zurück bleibt ein Publikum, das stärker auf schnelle Reaktionen und einfache Narrative reagiert.

Der Diskurs wird dadurch autopoietisch stabilisiert – allerdings auf einem anderen Niveau.

Es wird weiterhin gesprochen, kommentiert und reagiert. Streams können stundenlang laufen und tausende Beiträge erzeugen. Doch der Anteil an Information, der tatsächlich neue Erkenntnisse ermöglicht, sinkt oft deutlich.

Viele Gespräche drehen sich dann um dieselben Themen, dieselben Argumente und dieselben Konflikte. Neue Ideen entstehen selten, weil der Raum für Rekombination immer kleiner wird.

Genau hier zeigt sich die zuvor beschriebene Bozo-Dynamik in der Praxis: Kommunikation reproduziert sich selbst, aber der exergetische Anteil der Information – also der Teil, der neue Möglichkeiten eröffnet – nimmt ab.

Ein Livestream kann in diesem Zustand weiterhin sehr aktiv erscheinen. Kommentare fließen, Diskussionen laufen, Emotionen sind hoch. Doch inhaltlich bewegt sich der Diskurs kaum noch.

Das System kommuniziert – aber es lernt nicht mehr.

Und damit nähert sich der Diskurs dem Zustand, den wir zuvor als informationsexergetischen Tod beschrieben haben.

Warum offene Diskurse diesen Zustand überwinden können

So drastisch dieser Zustand klingt, ist er selten endgültig. Der entscheidende Unterschied zwischen physikalischen Systemen und gesellschaftlichen Diskursen besteht darin, dass Kommunikation keine geschlossenen Systeme sind.

Neue Perspektiven können jederzeit auftauchen. Neue Akteure können einen Diskurs betreten. Neue Daten oder Ereignisse können bestehende Narrative infrage stellen. Jeder dieser Impulse kann neue Informations-Exergie in ein System bringen.

Ein einziger präziser Gedanke, eine neue Analogie oder eine unerwartete Frage kann einen stagnierenden Diskurs wieder in Bewegung bringen. Plötzlich entstehen neue Verbindungen zwischen Ideen, und der Raum möglicher Erkenntnisse erweitert sich erneut.

In diesem Moment beginnt der Wissenskreislauf wieder zu funktionieren: Unsicherheit wird reduziert, Wissen wird geteilt, Ideen werden rekombiniert, und neue Erkenntnisse entstehen.

Der entscheidende Punkt ist daher nicht, möglichst viel Information zu produzieren. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, Kommunikationsräume zu schaffen, in denen Informations-Exergie entstehen kann – Räume, in denen neue Perspektiven sichtbar werden und Rekombination möglich bleibt.

Denn genau dort entsteht das, was Kommunikation im besten Fall leisten kann: die kontinuierliche Erweiterung unseres gemeinsamen Wissens.

Die entscheidende Frage: Wie erhält man Informations-Exergie im Diskurs?

Wenn man das Modell der „Thermodynamik des Diskurses“ ernst nimmt, wird eine zentrale Frage sichtbar: Wie können Kommunikationsräume so gestaltet werden, dass Informations-Exergie erhalten bleibt?

Denn der entscheidende Unterschied zwischen produktiven und degenerierenden Diskursen liegt nicht in der Menge der Kommunikation. Beide können extrem aktiv sein. Der Unterschied liegt im Anteil der Information, die tatsächlich neue Möglichkeiten eröffnet.

Mehrere Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle.

Erstens: Diversität der Perspektiven. Rekombination von Wissen funktioniert nur dann gut, wenn unterschiedliche Wissensräume aufeinandertreffen. Wenn alle Beteiligten ähnliche Erfahrungen, Denkweisen oder Informationsquellen haben, schrumpft der Raum möglicher Kombinationen. Vielfalt erhöht dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass unerwartete Verbindungen zwischen Ideen entstehen.

Zweitens: Strukturelle Offenheit. Diskurse müssen neue Akteure und neue Fragen zulassen. Systeme, die stark von festen Rollen oder wiederkehrenden Narrativen geprägt sind, neigen dazu, sich selbst zu stabilisieren. In solchen Umgebungen reproduziert Kommunikation vor allem bestehende Muster.

Drittens: Aufmerksamkeit für Qualität statt für Lautstärke. Viele digitale Kommunikationsräume belohnen Beiträge, die schnell Aufmerksamkeit erzeugen. Doch Aufmerksamkeit ist nicht dasselbe wie Erkenntnis. Wenn Aufmerksamkeit zum zentralen Selektionsmechanismus wird, verschiebt sich die Dynamik eines Diskurses häufig in Richtung emotionaler Reaktionen statt in Richtung komplexer Argumente.

Schließlich spielt auch etwas eine Rolle, das oft unterschätzt wird: Fragen.

Gute Fragen sind häufig die stärkste Quelle von Informations-Exergie. Eine präzise formulierte Frage kann den Wissensraum eines Diskurses erweitern, weil sie neue Verbindungen zwischen Ideen sichtbar macht.

In diesem Sinne sind produktive Diskurse weniger durch Antworten geprägt als durch die Qualität der Fragen, die sie hervorbringen.

Kommunikation als kollektiver Erkenntnisprozess

Betrachtet man Kommunikation aus dieser Perspektive, verändert sich auch unser Verständnis von Diskursen.

Gespräche sind nicht nur Mittel zum Austausch von Meinungen oder Informationen. Sie sind ein kollektiver Prozess, in dem Wissen entsteht, sich verändert und erweitert.

Unsicherheit wird reduziert, gemeinsames Wissen aufgebaut, Ideen werden rekombiniert, neue Erkenntnisse entstehen – und diese Erkenntnisse führen wiederum zu neuen Fragen. Der Diskurs entwickelt sich weiter.

Dieser Prozess ist nie vollständig abgeschlossen. Er bleibt dynamisch, weil jedes neue Verständnis den Raum möglicher Gedanken erweitert.

Doch genau deshalb ist die Qualität von Kommunikationsräumen so entscheidend. Wenn Diskurse degenerieren und sich nur noch selbst reproduzieren, verliert ein System seine Fähigkeit zur Erkenntnisproduktion.

Wenn sie dagegen offen bleiben für neue Perspektiven und neue Kombinationen von Wissen, können sie zu einem der stärksten Motoren von Innovation werden.

Die Zukunft unserer Wissensgesellschaft hängt daher weniger davon ab, wie viel wir kommunizieren – sondern davon, wie wir kommunizieren.

Denn Kommunikation kann entweder Energie in Form von Erkenntnis erzeugen.

Oder sie kann diese Energie langsam verlieren.

Von der Thermodynamik zur Verantwortung im Diskurs

Wenn man Diskurse durch die Linse von Entropie, Exergie und Autopoiesis betrachtet, entsteht eine interessante Konsequenz: Kommunikation ist nicht nur Austausch – sie ist ein energetischer Prozess im Wissenssystem einer Gesellschaft.

Jeder Beitrag in einem Diskurs verändert dessen Struktur. Manche Beiträge erhöhen die Informations-Exergie eines Systems: Sie eröffnen neue Perspektiven, verbinden Ideen oder stellen präzise Fragen. Andere Beiträge erhöhen lediglich das Kommunikationsvolumen, ohne den Erkenntnisraum zu erweitern.

Beides ist Kommunikation. Aber die Wirkung auf das System ist sehr unterschiedlich.

In digitalen Räumen wird diese Unterscheidung besonders relevant. Plattformen können enorme Mengen an Kommunikation erzeugen, ohne dass automatisch mehr Erkenntnis entsteht. Wenn Aufmerksamkeit zum dominierenden Selektionsmechanismus wird, kann der Diskurs leicht in eine Dynamik geraten, in der immer mehr gesprochen wird, aber immer weniger Neues entsteht.

Die Herausforderung besteht deshalb darin, Diskurse so zu gestalten, dass sie rekombinationsfähig bleiben.

Rekombination ist der Schlüssel zu Innovation – nicht nur in Wissenschaft und Wirtschaft, sondern auch im gesellschaftlichen Denken. Neue Ideen entstehen dort, wo unterschiedliche Wissensräume aufeinandertreffen und miteinander verbunden werden können.

Diskurse, die diese Verbindung ermöglichen, erhöhen die Informations-Exergie eines Systems. Diskurse, die sich dagegen immer stärker auf wiederholte Narrative oder Konflikte konzentrieren, verlieren diese Fähigkeit.

Damit wird Kommunikation selbst zu einer Form von Verantwortung.

Nicht im moralischen Sinne, sondern im systemischen: Jeder Beitrag entscheidet ein kleines Stück darüber, ob ein Diskurs mehr Erkenntnis erzeugt – oder ob er sich lediglich selbst reproduziert.

Fazit: Die Thermodynamik des Diskurses

Das Modell der „Thermodynamik des Diskurses“ beschreibt Kommunikation als dynamischen Prozess mit zwei möglichen Entwicklungen.

Im produktiven Fall beginnt Kommunikation mit Unsicherheit, reduziert diese durch Austausch von Wissen und schafft einen gemeinsamen Wissensraum. In diesem Raum können Ideen rekombiniert werden, wodurch neue Erkenntnisse entstehen. Diese Erkenntnisse erzeugen wiederum neue Kommunikation – ein autopoietischer Wissenskreislauf entsteht.

Im degenerativen Fall bleibt zwar die Kommunikationsaktivität hoch, doch der Anteil nutzbarer Information sinkt. Narrative wiederholen sich, Perspektiven verengen sich, und der Raum für Rekombination schrumpft. Der Diskurs produziert weiterhin Kommunikation, aber kaum noch neue Erkenntnisse.

In der thermodynamischen Analogie entspricht dies einem Verlust an Informations-Exergie.

Die entscheidende Frage für jede Wissensgesellschaft lautet daher nicht, wie viel kommuniziert wird.

Die entscheidende Frage lautet:

Erzeugt unsere Kommunikation neue Erkenntnisse – oder reproduziert sie nur sich selbst?

Denn genau darin entscheidet sich, ob ein Diskurs lebendig bleibt oder langsam seine Energie verliert.

Ein neuer Blick auf digitale Diskursräume

Wenn man dieses Modell auf unsere heutige Medienlandschaft anwendet, wird ein grundlegendes Problem sichtbar. Die Architektur vieler digitaler Plattformen ist nicht primär darauf ausgelegt, Informations-Exergie zu maximieren, sondern Aufmerksamkeit zu maximieren.

Aufmerksamkeit folgt jedoch anderen Regeln als Erkenntnis.

Beiträge, die starke Emotionen auslösen, verbreiten sich oft schneller als komplexe Argumente. Zuspitzungen sind leichter verständlich als differenzierte Analysen. Konflikte erzeugen mehr Interaktion als gemeinsame Problemlösung.

Aus Sicht eines Aufmerksamkeitsökosystems ist das völlig logisch. Plattformen optimieren auf Engagement: Kommentare, Likes, Shares, Verweildauer. All diese Signale zeigen, dass Menschen reagieren.

Doch Reaktion ist nicht dasselbe wie Erkenntnis.

Wenn ein Kommunikationssystem dauerhaft auf diese Signale optimiert wird, verschiebt sich seine Struktur. Inhalte, die schnell Aufmerksamkeit erzeugen, werden häufiger sichtbar. Inhalte, die mehr kognitive Anstrengung erfordern, verlieren dagegen oft an Reichweite.

Das Ergebnis ist eine Diskursumgebung, in der die Menge der Kommunikation wächst, während der Anteil wirklich nutzbarer Information nicht zwangsläufig steigt.

Genau hier wird die zuvor beschriebene thermodynamische Analogie besonders anschaulich: Das System produziert immer mehr Energie in Form von Kommunikation, aber der Anteil der Energie, der tatsächlich „Arbeit leisten“ kann – also Erkenntnis ermöglicht – nimmt ab.

Warum offene Wissenssysteme trotzdem resilient bleiben können

Trotz dieser Dynamiken haben offene Wissenssysteme eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie können sich immer wieder erneuern.

Gesellschaftliche Diskurse sind keine isolierten Systeme. Sie stehen ständig in Wechselwirkung mit neuen Daten, neuen Erfahrungen und neuen Akteuren. Wissenschaftliche Entdeckungen, technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Ereignisse oder persönliche Erfahrungen können jederzeit neue Informations-Exergie in das System einbringen.

Ein einziges neues Konzept kann manchmal ausreichen, um einen stagnierenden Diskurs wieder zu öffnen.

Solche Momente entstehen oft dann, wenn unterschiedliche Wissensräume miteinander verbunden werden – etwa wenn wissenschaftliche Erkenntnisse in gesellschaftliche Debatten einfließen oder wenn Perspektiven aus verschiedenen Disziplinen miteinander kombiniert werden.

Gerade deshalb sind interdisziplinäre Räume, offene Diskussionen und diverse Perspektiven so wichtig. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass neue Kombinationen von Wissen entstehen können.

In der Sprache unseres Modells: Sie erhöhen die Chance, dass Rekombination wieder möglich wird und neue Informations-Exergie entsteht.

Kommunikation als Infrastruktur einer Wissensgesellschaft

Am Ende führt dieses Modell zu einer überraschend einfachen, aber weitreichenden Erkenntnis.

Kommunikation ist nicht nur ein Mittel, um Informationen zu übertragen. Sie ist die Infrastruktur, durch die eine Gesellschaft Wissen erzeugt.

Jeder Diskursraum – ob wissenschaftliches Journal, Parlament, Podcast oder TikTok-Livestream – ist ein kleines Wissenssystem. In jedem dieser Systeme entscheidet sich ständig neu, ob Kommunikation zu Erkenntnis führt oder ob sie sich lediglich selbst reproduziert.

Die Qualität dieser Systeme bestimmt langfristig, wie innovationsfähig eine Gesellschaft bleibt.

Wenn Kommunikationsräume Rekombination ermöglichen, können neue Ideen entstehen. Wenn sie dagegen zunehmend von Wiederholung und Konfliktdynamiken geprägt sind, sinkt der Anteil an nutzbarer Information.

Die Herausforderung unserer Zeit besteht daher weniger darin, mehr Informationen zu erzeugen. Information gibt es längst im Überfluss.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Diskursräume zu schaffen, in denen Informations-Exergie entstehen und erhalten bleiben kann.

Denn genau dort beginnt der Prozess, der Wissen wachsen lässt.

Die zentrale Frage für unsere Diskurse

Wenn man Kommunikation aus dieser Perspektive betrachtet, verändert sich der Blick auf viele aktuelle Debatten.

Oft wird darüber gestritten, wer recht hat, welche Meinung richtig ist oder welche Information wahr oder falsch ist. Diese Fragen bleiben natürlich wichtig. Doch aus systemischer Sicht gibt es eine noch grundlegendere Frage:

Erhöht ein Beitrag die Informations-Exergie eines Diskurses – oder senkt er sie?

Eröffnet er neue Perspektiven? Ermöglicht er neue Kombinationen von Ideen? Oder reproduziert er lediglich bestehende Narrative?

Diskurse sind lebendige Systeme. Sie können Wissen erzeugen, Innovation ermöglichen und kollektives Lernen vorantreiben. Sie können aber auch in Zustände geraten, in denen Kommunikation zwar ständig stattfindet, der Erkenntnisgewinn jedoch gegen Null geht.

Die Zukunft einer Wissensgesellschaft hängt daher nicht nur von Daten, Technologien oder künstlicher Intelligenz ab. Sie hängt auch davon ab, wie wir miteinander sprechen, welche Fragen wir stellen und welche Formen von Kommunikation wir belohnen.

Denn Kommunikation kann entweder zu einem Kreislauf werden, der ständig neue Erkenntnisse hervorbringt.

Oder zu einem System, das sich selbst immer wieder reproduziert – ohne wirklich Neues zu erzeugen.

Der Unterschied zwischen beiden Zuständen ist letztlich einfach:

Nicht die Menge der Information entscheidet, sondern ihre Exergie.

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