Einleitung

In den letzten Wochen ist ein Begriff mit neuer Wucht in die wirtschaftspolitische Debatte zurückgekehrt: das Gemeinwohl. Mit der Gründung eines internationalen „Global Council for a Common Good Economy“ und der prominenten Rolle von Mariana Mazzucato wird deutlich, dass sich etwas verschiebt. Die Diskussion bewegt sich weg von der Frage, wie Märkte reguliert werden können, hin zu der grundsätzlicheren Frage, wie sie überhaupt funktionieren sollen.

Das ist kein kleiner Schritt. Über Jahrzehnte wurde Wirtschaft primär über Effizienz, Wachstum und Kapitalrendite gedacht. Gesellschaftliche und ökologische Wirkung tauchten zwar zunehmend in Berichten, ESG-Ratings und politischen Zielsetzungen auf, blieben aber meist ein Zusatz - ein Korrektiv innerhalb eines Systems, dessen grundlegende Logik unverändert blieb.

Die aktuelle Debatte geht weiter. Sie stellt infrage, ob es ausreicht, Märkte im Nachhinein zu korrigieren. Oder ob wir beginnen müssen, sie von Grund auf anders auszurichten.

Genau hier setzt das Konzept der „Common Good Economy“ an.

Teil 1: Wie die „Common Good Economy“ Märkte konkret steuern will

Der Ansatz der „Common Good Economy“ geht davon aus, dass Märkte nicht automatisch zu gesellschaftlich wünschenswerten Ergebnissen führen. Deshalb sollen sie aktiv gestaltet werden - durch den Staat.

Diese Gestaltung erfolgt nicht über eine neue innere Marktlogik, sondern über die Weiterentwicklung bestehender Instrumente. Konkret bedeutet das: klarere Vorgaben, strengere Regulierung und eine stärkere Verknüpfung wirtschaftlicher Aktivitäten mit gesellschaftlichen Zielen.

In der Praxis heißt das: Der Staat definiert, was als akzeptabel gilt und was nicht. Dafür werden konkrete Grenzwerte, Standards und Bedingungen festgelegt - etwa für CO₂-Emissionen, Ressourcennutzung, Arbeitsbedingungen oder Recyclingfähigkeit. Diese Vorgaben werden in Gesetzen und Verordnungen verankert und durchgesetzt.

Produkte und Unternehmen müssen diese Anforderungen erfüllen, um am Markt teilnehmen zu dürfen. Wird ein Grenzwert überschritten oder ein Standard nicht eingehalten, drohen Sanktionen, zusätzliche Kosten oder im Extremfall der Ausschluss vom Markt.

Die Steuerung erfolgt damit über eine Kombination aus Mindeststandards, Kostenanpassungen wie CO₂-Bepreisung, Förderprogrammen, öffentlichen Aufträgen sowie Berichtspflichten und Transparenzanforderungen. Märkte bleiben bestehen, werden aber innerhalb eines enger gesteckten Rahmens geführt.

Die Datengrundlage dafür entsteht aus mehreren Quellen. Unternehmen liefern Informationen über ihre Aktivitäten, etwa im Rahmen von ESG- und Nachhaltigkeitsberichten. Hinzu kommen staatliche Daten, Zertifizierungen, Prüfungen und zunehmend produktbezogene Informationen wie digitale Produktpässe. Gerade bei globalen Lieferketten - etwa bei Arbeitsbedingungen oder Umweltwirkungen in Entwicklungsländern - bleibt diese Datenerhebung jedoch komplex und oft unvollständig. Bewertung und Durchsetzung werden dadurch zu einem administrativen und politischen Prozess.

Das System funktioniert damit innerhalb klar definierter Grenzen. Unternehmen richten sich an diesen Grenzen aus und optimieren ihre Prozesse so, dass sie regulatorische Anforderungen einhalten und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Entscheidend ist in erster Linie, ob ein Produkt oder eine Aktivität zulässig ist oder nicht. Verbesserungen über die gesetzlich geforderten Mindeststandards hinaus sind möglich, aber nicht systemisch erforderlich. Der Anreiz liegt primär darin, die definierten Schwellenwerte einzuhalten.

Hinzu kommt ein struktureller Effekt, der oft unterschätzt wird: Externalisierung bleibt grundsätzlich möglich. Selbst wenn alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, können Teile der tatsächlichen Kosten weiterhin außerhalb des Preissystems liegen. Ein CO₂-Preis etwa internalisiert nur einen Teil der realen Klimafolgekosten. Die verbleibenden Auswirkungen - etwa durch Extremwetter, Infrastrukturbelastungen oder langfristige ökologische Schäden - werden weiterhin von der Allgemeinheit getragen. Ähnliches gilt für soziale Effekte entlang globaler Lieferketten, bei denen Mindeststandards eingehalten werden können, ohne dass die tatsächlichen Lebensbedingungen vollständig abgebildet sind.

Damit bleibt es für Unternehmen rational, Kosten auszulagern, solange dies innerhalb der regulatorischen Grenzen möglich ist.

Und genau hier zeigt sich ein weiterer zentraler Punkt: Die Logik der Gewinnentstehung bleibt unverändert. Unternehmen erzielen weiterhin Gewinne, indem sie Erlöse maximieren und Kosten minimieren. Wirkung wird durch Regulierung begrenzt oder teilweise eingepreist, aber sie wird nicht zum eigentlichen Maßstab wirtschaftlichen Erfolgs.

Ein Unternehmen kann in diesem System wirtschaftlich erfolgreich sein, obwohl ein Teil der von ihm verursachten Kosten weiterhin von der Gesellschaft getragen wird - solange es sich innerhalb der definierten Regeln bewegt.

Der Marktmechanismus selbst bleibt damit intakt. Preise entstehen weiterhin primär aus Kosten und Nachfrage. Kapital fließt dorthin, wo Rendite erwartet wird - innerhalb eines regulierten Rahmens, aber nicht entlang eines durchgängig wirkungsbasierten Maßstabs.

Genau an diesem Punkt zeigt sich die Grenze dieses Ansatzes.

Teil 2: Das gleiche T-Shirt im regulativen System

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: ein Baumwoll-T-Shirt, produziert in Bangladesch, verkauft in Europa.

Die Produktion verursacht entlang der Lieferkette verschiedene Wirkungen. Baumwollanbau benötigt Wasser und Pestizide, die Herstellung verbraucht Energie, der Transport erzeugt CO₂, und die Arbeitsbedingungen sowie Löhne in der Produktion variieren stark. Gleichzeitig ist das Produkt günstig, skalierbar und wirtschaftlich attraktiv.

Im regulativen System wird dieses T-Shirt nicht direkt über seine Gesamtwirkung bewertet, sondern über die Einhaltung konkreter Vorgaben.

Zunächst definiert der Staat Grenzwerte und Mindeststandards. Dazu gehören beispielsweise Anforderungen an Chemikalien, Umweltauflagen, CO₂-Bepreisung, Mindestanforderungen an Arbeitsbedingungen oder Transparenzpflichten entlang der Lieferkette. Ergänzend kommen Instrumente wie der digitale Produktpass oder Berichtspflichten hinzu, die Informationen über das Produkt liefern sollen.

Das Unternehmen muss nachweisen, dass es diese Anforderungen erfüllt. Die dafür notwendigen Daten stammen aus verschiedenen Quellen: eigene Berichte, Lieferantenerklärungen, Zertifizierungen, Audits und externe Prüfungen. Gerade bei internationalen Lieferketten sind diese Daten oft lückenhaft oder nur mit erheblichem Aufwand überprüfbar.

Sobald das T-Shirt die definierten Anforderungen erfüllt, darf es verkauft werden.

An diesem Punkt setzt die eigentliche Marktlogik ein.

Das Unternehmen kalkuliert den Preis weiterhin klassisch: Produktionskosten, Transport, Abgaben wie CO₂-Preis, Margen und Wettbewerbssituation bestimmen den Endpreis. Ziel ist es, Erlöse zu maximieren und Kosten zu minimieren - auch dort, wo ein Teil der Kosten nicht vollständig im eigenen System anfällt.

Die regulatorischen Vorgaben fließen dabei als zusätzliche Kosten oder Einschränkungen ein. Wird beispielsweise ein CO₂-Preis erhoben, erhöht sich der Preis leicht. Werden strengere Umweltauflagen eingeführt, steigen Produktionskosten. Werden Mindeststandards verschärft, müssen Prozesse angepasst werden.

Das Unternehmen reagiert darauf rational.

Es optimiert seine Produktion so, dass alle Grenzwerte eingehalten werden - aber möglichst knapp. Jede Verbesserung über das erforderliche Maß hinaus verursacht zusätzliche Kosten, ohne zwingend einen entsprechenden wirtschaftlichen Vorteil zu bringen.

Ein Beispiel: Liegt der zulässige CO₂-Wert pro Produkt bei einem bestimmten Schwellenwert, wird das Unternehmen versuchen, genau darunter zu bleiben - nicht deutlich darunter. Ähnlich verhält es sich bei Arbeitsstandards oder Umweltauflagen. Solange die Vorgaben erfüllt sind, besteht kein systemischer Anreiz, darüber hinauszugehen.

Auch Externalisierung bleibt in diesem Rahmen möglich. Selbst wenn alle gesetzlichen Anforderungen eingehalten werden, sind nicht alle Auswirkungen vollständig im Preis enthalten. Ein CO₂-Preis bildet nur einen Teil der tatsächlichen Klimafolgekosten ab. Langfristige Schäden, infrastrukturelle Belastungen oder globale Ungleichgewichte werden weiterhin teilweise von der Allgemeinheit getragen.

Das Ergebnis ist ein System, das Produkte schrittweise verbessert und schädliche Ausprägungen begrenzt. Extreme Fälle werden ausgeschlossen, Mindeststandards werden angehoben, und ineffiziente oder besonders belastende Varianten verschwinden mit der Zeit vom Markt.

Doch die grundlegende Logik bleibt bestehen.

Das T-Shirt wird weiterhin produziert, solange es wirtschaftlich attraktiv ist. Seine Wettbewerbsfähigkeit ergibt sich weiterhin aus Kosten, Preis und Nachfrage - nicht aus seiner gesamten Wirkung. Wirkung beeinflusst das Ergebnis indirekt über Regulierung, aber sie ist nicht der zentrale Maßstab der Entscheidung.

Genau an diesem Punkt setzt der alternative Ansatz an.

Teil 3: Das gleiche T-Shirt in der Wirkungsökonomie

Betrachten wir das gleiche T-Shirt noch einmal - Baumwolle aus Bangladesch, Verarbeitung, Transport nach Europa, Verkauf im Handel.

Der Unterschied beginnt nicht bei den Regeln, sondern beim Maßstab.

In der Wirkungsökonomie wird das Produkt nicht primär daran gemessen, ob es bestimmte Grenzwerte einhält. Stattdessen wird seine tatsächliche Wirkung entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfasst. Dazu gehören ökologische Effekte wie CO₂-Emissionen, Wasserverbrauch und Chemikalieneinsatz ebenso wie soziale Aspekte, etwa Arbeitsbedingungen und Entlohnung.

Die dafür notwendigen Daten entstehen nicht in einem zusätzlichen Berichtssystem, sondern aus den bestehenden Strukturen, die sich derzeit ohnehin aufbauen: verpflichtende Nachhaltigkeitsberichte, Lieferkettendaten, produktbezogene Informationen und standardisierte Indikatoren. Diese Daten werden vereinheitlicht, vergleichbar gemacht und zu einem konsistenten Wirkungswert zusammengeführt.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Konsequenz.

Dieser Wirkungswert bleibt nicht im Reporting stehen und wird auch nicht nur politisch bewertet. Er wird direkt in die ökonomische Logik übersetzt.

Das bedeutet konkret: Die Wirkung des T-Shirts beeinflusst unmittelbar seinen Preis, seine Besteuerung und seine Attraktivität für Kapital. Ein Produkt mit hoher Umweltbelastung, problematischen Arbeitsbedingungen und langen Transportwegen erhält einen entsprechend negativen Wirkungswert. Dieser wirkt sich direkt wirtschaftlich aus - etwa durch höhere Abgaben, geringere Margen oder erschwerten Zugang zu Finanzierung.

Ein nachhaltiger produziertes T-Shirt hingegen wird systemisch begünstigt. Es ist nicht nur „besser“ im moralischen Sinne, sondern wirtschaftlich attraktiver. Es kann günstiger angeboten werden, erhält besseren Zugang zu Kapital und erzielt stabilere Renditen.

Der Marktmechanismus bleibt bestehen - aber seine Entscheidungsgrundlage verändert sich.

Unternehmen reagieren auch hier rational. Sie optimieren weiterhin ihre Prozesse, aber nicht mehr auf die Einhaltung von Mindeststandards, sondern auf die Verbesserung ihrer Wirkung. Jede Reduktion von Emissionen, jede Verbesserung von Arbeitsbedingungen, jede effizientere Nutzung von Ressourcen wirkt sich direkt auf ihre wirtschaftliche Position aus.

Damit entsteht ein kontinuierlicher Anreiz.

Es gibt keine harte Grenze, die eingehalten werden muss, sondern eine durchgängige Bewertung. Ein Produkt ist nicht einfach „zulässig“ oder „nicht zulässig“, sondern es wird entlang seiner tatsächlichen Wirkung eingeordnet - und entsprechend behandelt.

Auch Externalisierung verliert damit ihre Grundlage. Kosten, die bislang außerhalb des Systems lagen, werden in die ökonomische Bewertung integriert. Ein Unternehmen kann seine Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr dadurch steigern, dass es negative Auswirkungen auf die Allgemeinheit verlagert. Diese wirken sich unmittelbar auf Preis, Besteuerung und Kapitalzugang aus.

Das verändert die Logik von Gewinn.

Gewinn entsteht nicht mehr primär durch die Differenz zwischen Erlösen und möglichst niedrig gehaltenen Kosten. Er entsteht als Ergebnis positiver Wirkung. Unternehmen sind dann wirtschaftlich erfolgreich, wenn sie zur Stabilität und Weiterentwicklung des Systems beitragen.

Das gleiche T-Shirt wird damit anders bewertet. Es konkurriert nicht mehr nur über Preis und Marketing, sondern über seine tatsächliche Wirkung.

Und genau darin liegt der Unterschied: Während das regulative System Produkte innerhalb definierter Grenzen verbessert, verändert die Wirkungsökonomie die Grundlage, auf der sie überhaupt konkurrieren.

Teil 4: Warum das kein Upgrade ist, sondern ein Systemwechsel

Die Unterschiede zwischen den Ansätzen liegen nicht im Zielbild. In beiden Fällen geht es darum, wirtschaftliche Aktivität stärker an ihrer Wirkung auf Mensch, Umwelt und Gesellschaft auszurichten. Auch die Instrumente - Daten, Transparenz und politische Zielsetzungen - nähern sich zunehmend an.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Struktur der Steuerung.

Im regulativen Ansatz wird Wirkung definiert und anschließend über politische Prozesse in das Wirtschaftssystem übersetzt. Grenzwerte werden festgelegt, Standards eingeführt, Programme aufgesetzt. Märkte reagieren auf diese Vorgaben, bleiben aber in ihrer grundlegenden Logik unverändert. Preise entstehen weiterhin primär aus Kosten und Nachfrage, Kapital folgt weiterhin Renditeerwartungen. Wirkung beeinflusst diese Prozesse, aber sie ersetzt sie nicht.

Ein besonders greifbarer Unterschied zeigt sich dabei in der Rolle konkreter Grenzwerte.

Im regulativen System kommt einzelnen Schwellenwerten eine zentrale Bedeutung zu. Ob ein Produkt zulässig ist oder nicht, hängt oft davon ab, ob bestimmte Grenzen eingehalten werden - etwa ein CO₂-Wert pro Einheit, ein Schadstoffgrenzwert oder definierte Mindeststandards in der Lieferkette. Die Festlegung dieser Werte ist ein politischer Prozess. Ob ein Grenzwert bei 50 oder 60 Euro pro Tonne CO₂ liegt, ist nicht allein technisch bestimmt, sondern Ergebnis von Verhandlungen, Prioritäten und Mehrheiten. Entsprechend können sich diese Werte im Zeitverlauf verändern.

Für Unternehmen entsteht daraus eine klare Logik: Entscheidend ist, die definierten Schwellenwerte einzuhalten. Investitionen und Innovationen orientieren sich daran, regulatorische Anforderungen zu erfüllen - nicht zwingend daran, die bestmögliche Wirkung zu erzielen.

Die Steuerung bleibt damit ein fortlaufender politischer Prozess. Sie erfordert kontinuierliche Anpassung, neue Regelwerke und die Definition immer weiterer Detailvorgaben. Unternehmen orientieren sich an diesen Vorgaben und optimieren ihr Verhalten innerhalb der gesetzten Grenzen. Wirtschaftlicher Erfolg hängt damit nicht nur von Marktbedingungen ab, sondern auch davon, wie sich regulatorische Rahmenbedingungen entwickeln.

Diese Dynamik bringt eine strukturelle Unsicherheit mit sich. Politische Mehrheiten, gesellschaftliche Prioritäten und internationale Entwicklungen können die Regeln verändern. Selbst wenn Anpassungen meist schrittweise erfolgen, bleibt die Steuerung an einen Prozess gebunden, der außerhalb des Marktes liegt.

Die Wirkungsökonomie setzt an einem anderen Punkt an. Sie verändert nicht primär die Regeln, sondern den Maßstab. Wirkung wird nicht nachgelagert bewertet, sondern direkt in die ökonomische Logik integriert. Preise, Steuern und Kapitalflüsse orientieren sich nicht mehr ausschließlich an Kosten und Rendite, sondern an der tatsächlichen Wirkung wirtschaftlicher Aktivitäten.

Damit verschiebt sich die Steuerung vom Eingriff zur Systemlogik.

Der Markt bleibt bestehen, aber seine Funktionsweise verändert sich. Unternehmen handeln weiterhin rational und verfolgen wirtschaftliche Ziele. Doch das, worauf sie optimieren, verschiebt sich grundlegend. Erfolg ergibt sich nicht mehr daraus, Erlöse zu maximieren und Kosten - auch durch Externalisierung - zu minimieren, sondern daraus, positive Wirkung zu erzeugen und negative zu vermeiden.

Auch die Rolle der Politik verändert sich dadurch grundlegend. Sie verschwindet nicht - im Gegenteil. Die Festlegung der Wirkungsdimensionen, der Indikatoren und ihrer Gewichtung bleibt eine normative Entscheidung. Die Wirkungsökonomie ist daher nicht unpolitisch.

Der Unterschied liegt jedoch in der Struktur dieser Entscheidungen. Während im regulativen System eine Vielzahl einzelner Grenzwerte, Vorgaben und Programme definiert und regelmäßig angepasst werden muss, konzentriert sich die Wirkungsökonomie auf die Festlegung eines übergreifenden Maßstabs. Politik verschiebt sich damit von der permanenten Detailsteuerung hin zur Definition der Systemlogik.

Das erhöht die Stabilität der Rahmenbedingungen. Unternehmen orientieren sich weniger an wechselnden Einzelvorgaben und mehr an einem konsistenten Wirkungsmaßstab. Anpassungen erfolgen nicht primär durch politische Eingriffe, sondern durch die kontinuierliche Verbesserung von Daten und deren Integration in die Systemmechanik.

Ein weiterer Unterschied zeigt sich im Umgang mit Externalitäten. Im regulativen System werden negative Effekte begrenzt, verteuert oder verboten, soweit sie erfasst und politisch adressiert werden können. Ein Teil der tatsächlichen Kosten bleibt jedoch häufig außerhalb des Systems und wird weiterhin von der Allgemeinheit getragen.

In der Wirkungsökonomie werden diese Effekte systematisch in die ökonomische Bewertung integriert. Externalisierung verliert ihre wirtschaftliche Attraktivität, weil sie sich direkt auf Preise, Besteuerung und Kapitalzugang auswirkt. Unternehmen können ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr dadurch steigern, dass sie Kosten auslagern.

Damit verändert sich auch das Verständnis von Gewinn. Gewinn entsteht nicht mehr primär aus der Differenz zwischen Erlösen und möglichst niedrigen Kosten, sondern als Ergebnis positiver Wirkung. Wirtschaftlicher Erfolg wird damit zu einem Indikator für systemisch sinnvolle Wertschöpfung.

Diese Verschiebung betrifft jedoch nicht nur Märkte im engeren Sinne. Sie reicht darüber hinaus.

Der Ansatz der „Common Good Economy“ konzentriert sich primär auf wirtschaftspolitische Hebel - insbesondere Unternehmen, Innovation und staatliche Investitionen. Eine Ausweitung auf weitere Bereiche wie Einkommen, Vermögen, Konsum, Wohnungsmarkt oder wissenschaftliche Aktivitäten wäre grundsätzlich möglich, würde jedoch zusätzliche Gesetze, Grenzwerte und Programme erfordern.

Damit entsteht eine strukturelle Grenze. Je mehr gesellschaftliche Bereiche gesteuert werden sollen, desto komplexer wird das System. Für jede Dimension müssen eigene Regelwerke definiert, angepasst und durchgesetzt werden. Die Steuerung fragmentiert sich in eine Vielzahl einzelner Eingriffe.

Die Wirkungsökonomie verfolgt hier einen anderen Ansatz. Sie basiert auf einem einheitlichen Maßstab, der über alle Bereiche hinweg gilt. Ob es sich um ein Produkt, ein Einkommen, eine Investition, eine Mietstruktur oder eine wissenschaftliche Aktivität handelt - entscheidend ist die Wirkung auf das Gesamtsystem.

Damit entfällt die Notwendigkeit, für jeden Bereich separate Steuerungslogiken zu entwickeln. Steuerung entsteht nicht durch die Addition von Regeln, sondern durch die Konsistenz des Maßstabs.

Der Unterschied lässt sich am Ende auf eine einfache Frage reduzieren:

Wer entscheidet?

Im regulativen System entscheidet die Politik, was zulässig ist, und der Markt bewegt sich innerhalb dieser Grenzen. In der Wirkungsökonomie entscheidet die Wirkung selbst, welche Aktivitäten sich durchsetzen.

Das ist kein gradueller Unterschied. Es ist ein Wechsel der Systemlogik.

Wir stehen nicht vor der Frage, ob wir bessere Regeln brauchen. Sondern vor der Frage, ob wir endlich den Maßstab ändern, nach dem das System funktioniert.

Solange Wirkung nicht entscheidet, entscheidet etwas anderes. Und genau das ist das eigentliche Problem.

Die „Common Good Economy“ definiert, was erreicht werden soll - die Wirkungsökonomie bestimmt, wie sich das System tatsächlich verhält.

 

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