Wir leben in einem paradoxen Moment der Wirtschaftsgeschichte. Noch nie war es so leicht, Reichweite zu erzeugen. Noch nie wurde so viel Aufmerksamkeit monetarisiert. Und noch nie war der Zusammenhang zwischen ökonomischem Erfolg und gesellschaftlichem Wert so brüchig.
Was heute vielfach als Leistung gilt, erzeugt messbaren Schaden. Was ökonomisch funktioniert, untergräbt Produktivität, Zusammenhalt und Demokratie. Um dieses Paradoxon zu beschreiben, reicht der klassische Werkzeugkasten der Ökonomie nicht mehr aus. Wir brauchen einen neuen Begriff und eine neue Perspektive.
Ich nenne dieses Phänomen: Schadenökonomie.
Wenn das, was als Debatte gilt, keine mehr ist
Ein Großteil dessen, was heute als öffentliche oder politische Debatte bezeichnet wird, erfüllt die Kriterien einer Debatte nicht mehr. Statt Argumenten, Abwägung und Erkenntnisgewinn dominieren persönliche Angriffe, gezielte Empörung, moralische Abwertung und polarisierender Personen-Content.
Es geht nicht um Problemlösung, sondern um Aufmerksamkeit. Nicht um Erkenntnis, sondern um Erregung. In vielen kulturellen Kontexten existiert dafür ein Begriff: Fitna, also gezielte Spaltung von innen. Nicht durch offene Konfrontation, sondern durch Daueraufhetzung, Misstrauen und Eskalation.
Entscheidend ist: Das ist kein individuelles Fehlverhalten. Es ist systemisch belohntes Verhalten.
Der Wirkungsmechanismus
Der Wirkungsmechanismus dieser Kommunikationslogik ist gut nachvollziehbar. Emotionen steigen, Spaltung nimmt zu, Vertrauen und Lösungsfähigkeit sinken. Menschen verbleiben im permanenten Stress- und Alarmmodus.
Psychologisch wie arbeitsökonomisch ist gut belegt: Unter Dauerstress sinken Konzentration, Kooperationsfähigkeit, Entscheidungsqualität und Innovationskraft. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene bedeutet das sinkende Produktivität, höhere Fehlerquoten, geringere Innovationsleistung und steigende Transaktionskosten.
Was individuell als mentale Erschöpfung beginnt, wirkt sich kumuliert als Produktivitätsverlust und Wachstumsbremse aus. Ökonomisch gesprochen: Aufmerksamkeit wird gebunden, ohne Wert zu schaffen.
Reichweite als Schadensmultiplikator
Reichweite ist kein neutraler Verstärker. Sie skaliert Wirkung. Je größer die Reichweite spaltender, emotionalisierender Inhalte, desto größer werden Produktivitätsverlust, Vertrauensverlust, Innovationshemmung und gesellschaftliche Destabilisierung.
Gute Debatten verschwinden dabei nicht, weil Menschen sie grundsätzlich nicht wollen. Sie verschwinden, weil Aufmerksamkeit umtrainiert wird: weg von Komplexität, hin zu Dauererregung.
Wo Dauerbeschallung dominiert, haben gute Debatten kaum eine Chance. Die Ökonomie der Plattform belohnt nicht automatisch den Beitrag zum Gemeinwohl, sondern den Beitrag zur Verweildauer.
Externalisierte Kosten
Die entstehenden Schäden tauchen in keiner klassischen Bilanz auf. Sie erscheinen als Zeitverlust, Stress, mentale Erschöpfung, Polarisierung, Vertrauensverlust in Institutionen und sinkende demokratische Handlungsfähigkeit.
Diese Kosten werden nicht von denjenigen getragen, die Reichweite, Klicks oder politische Vorteile erzielen. Sie werden auf Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie abgewälzt. Demokratie, sozialer Zusammenhalt und Produktivität tragen die Kosten.
Der Wirkungszusammenhang lässt sich zugespitzt als Fitna-Wirkungskoeffizient beschreiben:
Fitna-Wirkungskoeffizient = (Emotion + Spaltung) / (Vertrauen + Lösungen)
Je höher der Koeffizient, desto größer die gebundene Aufmerksamkeit, der Produktivitätsverlust und die externalisierten Kosten für Gesellschaft und Demokratie.
Wenn Schaden Geschäftsmodell wird
Schadenökonomie ist mehr als das Vorhandensein externalisierter Kosten. Externalisierte Kosten sind in der Ökonomie seit Langem bekannt: Umweltverschmutzung, Gesundheitsfolgen, soziale Belastungen. Sie entstehen häufig als Nebenwirkungen ansonsten produktiver Tätigkeiten.
Schadenökonomie beginnt dort, wo externalisierte Kosten nicht mehr Nebenfolge, sondern Geschäftsmodell sind. Also dort, wo Gewinn, Reichweite oder politische Wirkung nur deshalb entstehen, weil Stress, Spaltung, Vertrauensverlust oder Destabilisierung ausgelagert werden.
Auch bestimmte mediale Geschäftsmodelle lassen sich so einordnen: nicht, weil sie eine Meinung vertreten, sondern weil ihr wirtschaftlicher Erfolg systematisch auf Skandalisierung, Polarisierung und der Externalisierung demokratischer Kosten beruht.
Wenn journalistische Zuspitzung vereinzelt zu Empörung führt, ist das eine Externalität. Wenn Geschäftsmodelle jedoch systematisch auf Dauererregung, Skandalisierung und Polarisierung setzen und profitabler werden, je größer der gesellschaftliche Schaden ist, dann handelt es sich nicht mehr um eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, sondern um Schadenökonomie.
Kein neues Muster, aber eine neue Dimension
Dieses Prinzip ist nicht völlig neu. Geschäftsmodelle, die auf Schaden beruhen, existieren seit Langem: etwa dort, wo systematisch psychologische Schwächen, Suchtmechanismen, kognitive Verzerrungen oder Machtasymmetrien ausgenutzt werden.
Auch Alkohol- und Tabakmärkte lassen sich teilweise in diese Logik einordnen. Nicht jeder Konsum ist Schadenökonomie. Entscheidend ist der strukturelle Punkt, an dem gesundheitlicher Schaden, Abhängigkeit und Folgekosten kalkulierter Teil des Geschäftsmodells werden.
Der Unterschied zur heutigen Schadenökonomie liegt nicht im Mechanismus, sondern in der Skalierung. Digitale Reichweite, algorithmische Verstärkung und permanente Aufmerksamkeit verwandeln punktuelle Schädigungen in flächendeckende gesellschaftliche Wirkungen.
Schadenökonomie ist damit kein neues Laster, sondern ein altes Muster mit systemischer Reichweite.
Die Tragik der Aufmerksamkeit
An dieser Stelle verschiebt sich die Problemlage. Schadenökonomie ist nicht nur eine Frage individueller Schädigung, sondern eine Frage kollektiver Zurechnung. Der verursachte Schaden trifft gemeinsame Güter: Vertrauen, Aufmerksamkeit, soziale Kohäsion und demokratische Handlungsfähigkeit.
Damit nähert sich Schadenökonomie der Tragik der Allmende. Jeder einzelne Akteur handelt für sich rational und profitabel, während der kumulierte Schaden ein gemeinsames Gut zerstört, für das sich niemand unmittelbar verantwortlich fühlt.
Der destruktiv Handelnde schädigt damit nicht nur andere, sondern ein System, von dem er selbst kurzfristig profitiert und das er langfristig untergräbt.
Von Wertschöpfung zu destruktiver Wertschöpfung
In einer wirkungsorientierten Perspektive ist das keine Wertschöpfung mehr. Geld wird bewegt. Reichweite wird generiert. Macht wird aufgebaut. Doch der Netto-Wirkungsbeitrag ist negativ.
Das gilt für mediale Logiken ebenso wie für politische Strategien, die systematisch Polarisierung, Skandalisierung oder Misstrauen erzeugen. Solche Strategien können ökonomisch und medial wirksam sein, während sie wirkungsseitig destabilisieren.
Schaden wird dann nicht zum Betriebsfehler, sondern zur Quelle von Gewinn, Reichweite oder Macht. Nicht zur Quelle von Wert.
Das Paradoxon: Leistung ist nicht Wert
Hier wird ein tiefer liegendes Problem sichtbar. In der klassischen Ökonomie gilt Reichweite als Leistung. Aufmerksamkeit zu erzeugen gilt als Erfolg. Wer Klicks, Views oder Mobilisierung schafft, leistet etwas.
Doch genau hier kippt die Logik. Leistung wird bislang output-blind bewertet. Sie misst Aktivität, nicht Wirkung. In der alten Logik kann jemand enorme Reichweite erzeugen, Menschen aufhetzen, Diskurse zerstören und dennoch als leistungsstark gelten, weil Zahlen stimmen.
Das ist das eigentliche Paradoxon unserer Zeit: Leistung ohne Wert.
Gewinn, Leistung und Wert auseinanderdenken
Gewinn misst Zahlungsbereitschaft. Reichweite misst Aufmerksamkeit. Beides sagt für sich genommen nicht, ob Wert entsteht.
Der präzisere Maßstab lautet: Nicht jede Leistung ist wertschaffend. Manche Leistung ist systemisch zerstörerisch. Solange Leistung nicht an Wirkung gekoppelt wird, bleibt Schadenökonomie rational, attraktiv und erfolgreich.
Schadenökonomie ist deshalb kein moralischer Vorwurf, sondern eine analytische Kategorie für ökonomisches Handeln, das kurzfristig funktioniert und langfristig Systeme schwächt.
Nichtlinearität, Kipppunkte und negative Selektion
Schadenökonomie folgt keiner linearen Logik. Der einzelne Beitrag, der einzelne Klick, der einzelne Creator ist nicht das Problem. Entscheidend ist die Summe und ihre Wirkung auf das System.
Die Dynamik ist nichtlinear: Lange bleibt der Schaden scheinbar beherrschbar. Doch ab bestimmten Schwellenwerten verändern sich die Spielregeln selbst. Aufmerksamkeit verschiebt sich, Diskurse kippen, Vertrauen bricht abrupt weg. Es entstehen Kipppunkte, nach denen sich das System schneller in Richtung Destabilisierung bewegt.
Gleichzeitig wirkt ein zweiter Mechanismus: Verdrängung. Je erfolgreicher polarisierender und aufhetzender Content wird, desto schwieriger wird es für konstruktive, erklärende und differenzierende Inhalte, Sichtbarkeit zu erlangen. Konstruktive Stimmen verlieren Reichweite, Motivation und Präsenz.
Damit entsteht eine Monopolisierung der Aufmerksamkeit: nicht durch formale Macht, sondern durch algorithmische Selektion. Schadenökonomie wächst nicht nur, weil destruktive Inhalte zunehmen, sondern weil konstruktive Alternativen verschwinden.
Fazit: Der notwendige Perspektivwechsel
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Ist es legal? Ist es profitabel? Die entscheidende Frage lautet: Welche Wirkung erzeugt es und wer trägt die Kosten?
Erst wenn Wirkung zum Maßstab wird, lassen sich wertschaffende Leistung und ökonomisch organisierte Zerstörung unterscheiden.
Gewinn ist kein Beweis für Wert. Wirkung schon.