Arbeitspapier folgencheck wirkun… · Onlinefassung · Abschnitt 5 von 18
4. Anschluss an die sprachwissenschaftliche Vorarbeit#
Die online veröffentlichte Arbeit von Justin Kraft analysiert sprachliche Manipulationsstrategien der AfD anhand ausgewählter Beispiele und stellt sie in einen historischen Vergleich mit dem Sprachgebrauch des Nationalsozialismus. Für dieses Arbeitspapier ist vor allem zweierlei wichtig: Erstens zeigt die Arbeit, dass manipulative politische Sprache nicht nur in offenen Lügen besteht, sondern in wiederkehrenden sprachlichen Operationen. Zweitens warnt sie vor einer vorschnellen Gleichsetzung und arbeitet gerade dadurch präziser heraus, welche Parallelen und Unterschiede analytisch relevant sind.
Kraft nutzt das Konzept diskriminierender Sprechakte. Diskriminierung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur Beschimpfung, sondern eine kategoriale Behandlung von Menschen oder Gruppen: Individuen werden weniger als konkrete Personen wahrgenommen, sondern als Vertreter einer zugeschriebenen Kategorie. Daraus ergeben sich fünf Funktionen, die für den Folgencheck zentral sind: Trennung, Distanzierung, Akzentuierung, Abwertung und Festschreiben. Diese fünf Funktionen lassen sich wirkungsoekonomisch übersetzen. Trennung schafft die Grenze zwischen "wir" und "die". Distanzierung vergrößert den emotionalen und moralischen Abstand. Akzentuierung macht Unterschiede wichtiger als Gemeinsamkeiten. Abwertung senkt die Hemmung, die andere Gruppe schlechter zu behandeln. Festschreiben macht Personen zu Typen und verringert die Bereitschaft, Ambivalenz, Biografie oder Einzelfall wahrzunehmen. Genau hier liegt die Brücke vom Sprachgebrauch zur Systemwirkung: Der Effekt besteht nicht nur in verletzenden Worten, sondern in veränderten Wahrscheinlichkeiten sozialer Wahrnehmung.
Krafts Analyse der Höcke-Rede auf dem Kyffhäusertreffen 2019 zeigt zudem ein Muster, das für den Folgencheck besonders relevant ist: Gemeinschaftsbildung nach innen, Feindbildbildung nach außen, Opferinszenierung der eigenen Gruppe, Abwertung der Gegner, Zuspitzung durch Hyperbeln und schließlich Mobilisierung. Die Analyse arbeitet heraus, dass die Rede nicht primär auf sachliche Überzeugung durch Argumente setzt, sondern auf Polarisierung, Rollenverteilung und emotionale Aktivierung. Der Schlussimpuls - Aufstehen und Zurückholen - wird dadurch vorbereitet, dass vorher ein Resonanzraum aus Bedrohung, Verlust und legitimer Gegenwehr aufgebaut wurde. Der historische Vergleich in der Arbeit legt nahe, dass der Sprachgebrauch der AfD nicht einfach mit NS-Sprache identisch gesetzt werden darf. Ein wichtiger Unterschied liegt in der Mehrdeutigkeit und im möglichen Rückzug.
Während nationalsozialistische Quellen häufig radikaler und direkter formulieren, arbeitet die AfD in vielen Fällen mit scheinbar eindeutigen, aber interpretativ offenen Formulierungen. Diese Mehrdeutigkeit ist für den Folgencheck entscheidend: Wirkung kann entstehen, ohne dass die Aussage rechtlich oder faktisch eindeutig greifbar ist. Genau deshalb braucht es eine Analyse der Wirkungspotenziale.
Von der Sprachfunktion zur Wirkungsfolge#
Sprachliche Funktion nach Kraft Mechanik Mögliche Wirkungsfolge im WÖk- Raster Trennung A und Nicht-A werden als getrennte Lager sichtbar gemacht. Gesellschaftliche Konflikte erscheinen als Lagerkampf; Kompromiss wirkt wie Verrat. Distanzierung Der Abstand zwischen eigener Gruppe und Fremdgruppe wird vergrößert. Empathie sinkt; politische Gegnerschaft kann zur moralischen Unvereinbarkeit werden. Akzentuierung Unterschiede werden hervorgehoben, Gemeinsamkeiten ausgeblendet. Komplexe Problemlagen schrumpfen auf Identitätsunterschiede; Lösungsräume verengen sich. Abwertung Die Fremdgruppe wird moralisch, kulturell oder intellektuell herabgesetzt. Missachtung wird normalisiert; harte Maßnahmen wirken plausibler. Festschreiben Individuen gelten als typische Vertreter einer Kategorie. Einzelfall, Biografie und Rechtsprüfung verlieren Sichtbarkeit; Pauschalurteile werden anschlussfähiger. Der Folgencheck nimmt diese Funktionen auf, erweitert sie aber um eine systemische Frage: Welche demokratischen Infrastrukturen werden durch solche Sprachmuster berührt? Dazu zählen nicht nur Institutionen, sondern auch soziale Voraussetzungen: Vertrauen, Deutungsoffenheit, Fehlerfähigkeit, Kritikfähigkeit,