WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 13 von 34

11. Wirkungsgewicht und Aufmerksamkeitsgewicht#

PDF-Fassung

Die Kernprüfung#

Die wichtigste methodische Ergänzung des öffentlichen Wirkungsraums ist die Unterscheidung zwischen Aufmerksamkeitsgewicht und Wirkungsgewicht. Aufmerksamkeitsgewicht beschreibt, wie sichtbar und emotional präsent ein Thema ist. Wirkungsgewicht beschreibt, welche realen Zustände berührt werden:

Gesundheit, Sicherheit, Einkommen, Bildung, Teilhabe, Klima, Biodiversität, Infrastruktur, Rechtsstaatlichkeit, Vertrauen, Medienqualität und demokratische Stabilität.

Erst der Vergleich zeigt, ob eine Debatte angemessen, überhitzt, unterbelichtet oder ablenkend ist. Eine Gesellschaft kann nicht nur daran scheitern, dass sie falsche Dinge glaubt. Sie kann auch daran scheitern, dass sie über die falschen Dinge zu viel und über die richtigen Dinge zu wenig spricht.

Aufmerksamkeit Wirkungsgewicht Diagnose Antwort hoch hoch Berechtigte Schwerpunktdebatte Schnelle, faktenbasierte und handlungsfähige Bearbeitung hoch niedrig Überhitzung oder Ablenkung Resonanz-Kompass, Deeskalation, Agenda-Radar niedrig hoch Blinder Fleck Agenda-Radar, Storytelling, institutionelle Sichtbarkeit niedrig niedrig Randthema Nicht aufblasen; beobachten

Indikatoren für Aufmerksamkeitsgewicht#

 Medienpräsenz und Schlagzeilenhäufigkeit  Social-Media-Dynamik, Shares, Kommentare, Hashtags  Politische Wiederholung und Fraktionskommunikation  Talkshow- und Boulevard-Tauglichkeit  Emotionale Aktivierung und Konfliktpotenzial  Personalisierung, Skandalwert, Feindbildfähigkeit

Indikatoren für Wirkungsgewicht#

 Zahl und Verletzlichkeit betroffener Menschen  Dauer und Irreversibilität möglicher Zustandsveränderungen  Systemische Hebelwirkung auf Mensch, Planet und Demokratie  Rückkopplung auf Vertrauen, Rechtsstaat, Medienqualität und politische Handlungsfähigkeit  Folgekosten, Präventionsnutzen und Resilienzbeitrag  Verbindung zu SDGs, Agenda 2030 und SDG+

Warum diese Unterscheidung politisch heikel ist#

Die Prüfung darf nicht so wirken, als solle Bürgerinnen und Bürgern vorgeschrieben werden, worüber sie sprechen dürfen. Es geht nicht um eine Hierarchie legitimer Sorgen. Es geht um Orientierung. Menschen dürfen auch über Randthemen laut streiten. Medien dürfen zugespitzte Konflikte zeigen. Parteien dürfen Themen setzen. Aber eine demokratische Öffentlichkeit braucht die Fähigkeit, sich selbst zu fragen:

Vergrößert diese Debatte unsere Korrekturfähigkeit oder bindet sie Ressourcen an eine Welle, während die tiefe Strömung unberührt bleibt?