Von der Wissensgesellschaft zur … · Onlinefassung · Abschnitt 15 von 22
12. Medien, Öffentlichkeit und Desinformation als Wirkungsraum#
Das ist der Grund, warum der Apfel und das T-Shirt so starke Beispiele bleiben.
Ein T-Shirt kann ein Bio-Baumwoll-Label tragen und trotzdem problematische Arbeitsbedingungen enthalten.
Es kann Recyclinganteile haben und trotzdem Mikroplastik freisetzen. Es kann klimatisch besser erscheinen und trotzdem durch einen Modezyklus Überkonsum antreiben. Darum reicht kein einzelnes Label und kein Durchschnittswert. Die Wirkungsökonomie braucht Scorecards, WÖk-IDs, Benchmarks, Datenqualitätsklassen, Reverse Merit Order und Wirkungsgrenzen. Das kritischste Feld darf nicht durch schöne Einzelwerte verdeckt werden.
Nichtkompensationsprinzip Ein Kuchen wird nicht dadurch essbar, dass die Erdbeeren schön sind, wenn im Teig Glassplitter stecken. Genau deshalb braucht die Wirkungsökonomie Nichtkompensation und Reverse Merit Order.
12. Medien, Öffentlichkeit und Desinformation als Wirkungsraum Die Wirkungsgesellschaft darf nicht bei Produkten stehen bleiben. Eine moderne Gesellschaft wird nicht nur durch Waren geprägt, sondern durch öffentliche Resonanzräume. Medien, Plattformen, Creator, politische Kommunikation und Suchmaschinen entscheiden mit, was sichtbar wird, wem geglaubt wird, was empört, was verbindet, was entwertet und was korrigierbar bleibt.
In der Wissensgesellschaft lautete die Hoffnung: Mehr Information führt zu besserer Meinungsbildung. In der digitalen Realität zeigt sich: Mehr Information kann auch mehr Verwirrung, Polarisierung und Manipulation bedeuten, wenn Reichweitenlogiken Empörung, Angst und Identitätskonflikte belohnen.
Ein Faktencheck ist deshalb wichtig, aber begrenzt. Er prüft Aussagen und schafft Korrekturwissen. Doch wenn die falsche Behauptung millionenfach ausgespielt wurde und die Korrektur kaum Reichweite bekommt, bleibt die Rückkopplung schwach. Es ist, als würde man nach dem Brand einen kleinen Zettel an die Wand hängen: „Das Feuer war nicht in Ordnung.“
Ein Folgencheck geht einen Schritt weiter. Er fragt nicht nur: Stimmt die Aussage? Er fragt: Welche Wirkpfade öffnet die Aussage? Aktiviert sie Misstrauen? Markiert sie Gruppen als Feinde? Entwürdigt sie Menschen? Erhöht sie die Wahrscheinlichkeit, dass Institutionen nicht mehr als legitim wahrgenommen werden? Oder stärkt sie Orientierung, Fairness, Gemeinsinn und Korrekturfähigkeit?
Damit kommt der Folgencheck der Wirkungsgesellschaft näher. Aber auch er bleibt zunächst Analyse. Die eigentliche WÖk-Frage lautet: Was folgt daraus für Plattformarchitektur, politische Werbung, Monetarisierung, Medienförderung, Bildungsprogramme, Transparenzpflichten und demokratische Schutzmechanismen? Die EU-Politik geht in Teilen bereits in diese Richtung. Der Digital Services Act verlangt von sehr großen Online-Plattformen und Suchmaschinen, systemische Risiken zu identifizieren, zu analysieren und zu mindern.
Der EU-Verhaltenskodex gegen Desinformation wurde als Code of Conduct in den Rahmen des DSA integriert. Das sind wichtige Schritte in Richtung Wirkungslogik, weil sie Plattformen nicht nur als neutrale Übermittler, sondern als systemisch wirksame Infrastrukturen behandeln.