WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 4 von 16

Ausgangsdiagnose: Warum Produkte heute zu eng gelesen werden#

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Der heutige Produktmarkt unterscheidet präzise nach Preis, Kategorie, Marke, Qualität, Verfügbarkeit und Design. Er unterscheidet aber unzureichend, ob ein Produkt externe Kosten erzeugt, Lieferketten stabilisiert oder zerstört, ökologische Grenzen verletzt, Gesundheit schützt oder gefährdet und demokratische oder soziale Infrastruktur stärkt.

Diese Blindheit erzeugt Fehlanreize: Schädliche Produkte können billig erscheinen, wenn ihre Folgekosten nicht im Preis sichtbar werden. Diese Diagnose ist in den vorhandenen Produktpapieren bereits klar angelegt: Heutige Produktpreise zeigen nur einen Bruchteil der Wahrheit, weil die Wirkung eines Produkts auf Mensch, Planet und Gesellschaft unsichtbar bleibt.

Die Wirkungsökonomie greift diese Diagnose auf und übersetzt sie in eine produktbezogene Steuerungsarchitektur.

Produkte sind deshalb nicht nur Objekte des Konsums, sondern Knotenpunkte gesellschaftlicher Wirkungen. Sie verbinden Landwirtschaft, Industrie, Logistik, Handel, Finanzierung, Werbung, Nutzung und Entsorgung. Ein einzelnes Produkt kann Wasser in Trockenregionen beanspruchen, faire Arbeit ermöglichen oder verhindern, Mikroplastik erzeugen, lokale Wirtschaft stärken, Entsorgungskosten verursachen oder Gesundheit fördern.

Produkt als Wirkungsträger Ein Produkt ist ein Wirkungsträger, weil es Zustandsveränderungen auslöst oder ermöglicht. Diese Zustandsveränderungen können positiv, negativ oder neutral sein. Positive Produktwirkung liegt vor, wenn ein Produkt auf SDGs, Agenda 2030 und SDG+ einzahlt. Negative Produktwirkung liegt vor, wenn es diese Rahmen schwächt, blockiert oder zerstört. Die Wirkungsökonomie unterscheidet dabei nicht zwischen „guten“ und „bösen“ Produkten im moralischen Sinn. Sie fragt: Welche realen Zustände werden verändert? Wer ist betroffen? Welche Wirkung entsteht direkt, indirekt, zeitverzögert oder kumulativ? Welche Wirkungsgrenzen dürfen nicht kompensiert werden?

Ein Produkt ist also kein isolierter Gegenstand, sondern ein Paket aus Wirkungspfaden. Ein T-Shirt enthält Baumwollanbau, Wasserverbrauch, Chemikalien, Arbeitsbedingungen, Transport, Nutzung, Waschverhalten, Haltbarkeit, Reparaturfähigkeit und Recyclingfähigkeit. Ein Apfel enthält Landwirtschaft, Wasser, Boden, Pestizide, Transport, Ernährung, Verpackung und regionale Wertschöpfung. Ein Elektrogerät enthält Rohstoffe, Energie, Reparaturfähigkeit, Datenrechte, Elektroschrott und Produktlebensdauer.

Lebenszykluslogik: vom Rohstoff bis zum Ende Die Lebenszykluslogik verhindert, dass Produktwirkung nur an der Verkaufsstelle betrachtet wird. Die Wirkung beginnt beim Rohstoff und endet nicht mit dem Kauf. Entscheidend sind Rohstoffgewinnung, Herstellung, Lieferkette, Verpackung, Transport, Nutzung, Wartung, Reparatur, Wiederverwendung, Recycling und Entsorgung.