WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 22 von 31
19. Vom Ölfeld zum Eigenheim#
Der wichtigste Gedanke dieses Teils: Stranded Assets sind nicht nur fossil. Auch ein Haus kann stranden. Damit schließt sich der Kreis zur Versicherbarkeit aus Teil B.
Bislang klang stranden nach Ölfeldern und Kohlegruben, nach einem Problem ferner Konzerne. Doch das Prinzip ist allgemeiner. Ein Vermögenswert strandet immer dann, wenn veränderte Bedingungen ihn vorzeitig entwerten. Diese Bedingungen müssen nicht nur Klimapolitik sein. Sie können auch Klimagefahr sein. Damit kehren wir zur Mechanik aus den Teilen B und C zurück. Ein Haus in einer Hochrisikolage kann stranden, wenn seine Versicherbarkeit schwindet, seine Beleihbarkeit sinkt und seine Verkäuflichkeit leidet. Es steht physisch unversehrt da, verliert aber an Wert, weil der Markt seine Zukunft anders bewertet. Das ist genau die vierte Verschiebung aus Kapitel 6: von der Schadensfrage zur Finanzierungsfrage. Ein gestrandetes Eigenheim ist die private Variante der Carbon Bubble.
Zwei Wege ins Stranden#
Es lohnt, die beiden Pfade nebeneinanderzulegen. Ein fossiles Vermögen strandet durch Transitionsrisiko:
Die Welt entscheidet sich gegen seine Nutzung. Ein Eigenheim in der Flussaue strandet durch physisches Risiko: Die Natur und in ihrem Gefolge der Markt entscheiden sich gegen seinen Standort. Verschiedene Ursachen, dasselbe Ergebnis. Vermögen, das vorzeitig an Wert verliert, ohne dass es zerstört wurde.
ZWEI WEGE INS STRANDEN Transitionsrisiko. Ein Kohlekraftwerk strandet, weil CO2 teuer wird und die Politik umsteuert. Der Wert sinkt durch den Umbau. Physisches Risiko. Ein Haus in der Risikolage strandet, weil Versicherung und Kredit teurer werden oder ausbleiben. Der Wert sinkt durch die Gefahr.
Gemeinsam. Beide verlieren an Wert, obwohl sie physisch unversehrt sind. Die Bewertung der Zukunft holt die Gegenwart ein. Diese Parallele ist der Grund, warum das Dossier Versicherung, Finanzmarkt und Stranded Assets zusammen erzählt. Es sind nicht drei Themen, sondern eine einzige Bewegung, betrachtet aus drei Entfernungen. Beim einzelnen Keller heißt sie Selbstbehalt. Bei der Bank heißt sie Kreditrisiko. Beim Konzern heißt sie Carbon Bubble. Es ist immer dieselbe Heimholung der Externalität, nur in unterschiedlichem Maßstab. WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Mein Haus ist solide gebaut und unversehrt. Sein Wert ist sicher, solange ihm physisch nichts passiert. Wirkungslesart: Der Wert eines Hauses entsteht nicht aus seinen Mauern allein, sondern aus der Erwartung von Versicherbarkeit, Finanzierbarkeit und Verkäuflichkeit. Die Wirkungsökonomie zeigt, dass diese Erwartungen kippen können, lange bevor das erste Wasser im Keller steht. Ein Vermögenswert ist nur so stabil wie die Zukunft, die der Markt ihm zutraut.
Stranden ist nicht den Ölkonzernen vorbehalten. Auch ein Eigenheim kann stranden, nicht durch Wasser im Keller, sondern durch Skepsis im Markt. Versicherbarkeit, Kreditwürdigkeit und Wert fallen gemeinsam, oder sie halten gemeinsam.
WÖK-GEGENFRAGE Wenn ein unversehrtes Haus und ein ungefördertes Ölfeld auf dieselbe Weise stranden können, durch eine veränderte Erwartung an ihre Zukunft, wie sicher ist dann irgendein Vermögen, dessen Wert auf der Annahme ruht, dass morgen wie gestern ist.
T E I L F Die wirkungsökonomische Synthese Was zusammengehört, zusammengedacht. Und was daraus folgt.