WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 21 von 31
18. Wie viel steht im Feuer#
Die Schätzungen zur Größe der Blase gehen weit auseinander. Das ist kein Mangel, sondern eine ehrliche Auskunft: Die Antwort hängt davon ab, wie schnell und entschlossen die Welt handelt.
Eine vielzitierte Analyse von 2025 beziffert das fossile Vermögen, das durch den Übergang in eine kohlenstoffarme Wirtschaft bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts stranden könnte, auf rund 2,3 Billionen US-Dollar. Ältere Berechnungen kamen auf ähnliche Größenordnungen von gut zwei Billionen Dollar an Projekten, die unwirtschaftlich werden könnten.[17][31] Andere Studien gehen viel weiter. Wer nicht nur die fossilen Projekte selbst betrachtet, sondern das gesamte daran hängende Kapital, kommt auf dramatisch höhere Zahlen. Manche Modelle nennen für ein spätes, abruptes Umsteuern Werte von mehreren hundert Billionen Dollar an gefährdetem Kapital, ein erheblicher Anteil des gesamten Weltvermögens. Solche Zahlen sind keine Prognosen, sondern Warnungen vor dem teuersten aller Pfade: dem ungeordneten.
Warum die Spannweite selbst die Botschaft ist#
Die große Bandbreite der Schätzungen ist kein Zeichen von Unwissen, sondern die eigentliche Erkenntnis.
Wie viel Vermögen strandet, ist keine Naturkonstante. Es hängt vom Tempo und von der Ordnung des Übergangs ab. Ein früher, geplanter Umbau lässt Vermögen kontrolliert an Wert verlieren, über Jahre verteilt und für Investoren absehbar. Ein später, abrupter Umbau, erzwungen durch plötzliche Politik oder einen Schock, vernichtet Vermögen schlagartig und unkontrolliert. Dieselbe Reserve kann je nach Pfad geordnet abschmelzen oder über Nacht wertlos werden.
DIE ZAHL: STRANDED ASSETS rund 2,3 Billionen USD fossiles Vermögen könnte laut Schätzung von 2025 bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts stranden. mehrere hundert Billionen USD gefährdetes Kapital nennen weiter gefasste Modelle für einen späten, ungeordneten Umbau. Die Spannweite selbst ist die Botschaft: Tempo und Ordnung des Übergangs entscheiden über die Höhe.
Das Kapital rotiert bereits#
Stranded Assets sind keine ferne Theorie, denn das Kapital bewegt sich schon. Nach der Internationalen Energieagentur sollten die weltweiten Energieinvestitionen 2025 rund 3,3 Billionen US-Dollar erreichen.
Davon flossen rund 2,2 Billionen in saubere Technologien wie Erneuerbare, Netze, Speicher und Effizienz, doppelt so viel wie die rund 1,1 Billionen für Öl, Gas und Kohle.[34] Das bedeutet nicht, dass fossile Anlagen über Nacht wertlos werden. Es bedeutet aber, dass ihr Bewertungsfundament fragiler wird. Je schneller saubere Technologien skalieren und billiger werden, desto unsicherer werden die Annahmen über Auslastung, Preis und Nachfrage, auf denen der Wert alter Anlagen ruht. Die Blase platzt selten mit einem Knall. Sie verliert die Luft, während daneben etwas Neues wächst.
Der Weltklimarat IPCC weist in seinem sechsten Sachstandsbericht darauf hin, dass Finanzinstitutionen und Märkte Klimarisiken trotz wachsender Aufmerksamkeit weiterhin deutlich unterschätzen und dass die Ausrichtung der Finanzflüsse auf die Klimaziele nur langsam vorankommt. Genau das ist der Kern des Stranded-Asset-Problems: Märkte bewerten erwartete Erträge, aber sie unterschätzen die Voraussetzungen, auf denen diese Erträge beruhen.[35] Für Anleger, auch für die mit einem ganz normalen Aktienfonds in der Altersvorsorge, ist das relevant.
Transitionsrisiko steckt in vielen Portfolios, oft unbemerkt, über Indexfonds, die selbstverständlich auch Energiekonzerne enthalten. Wer langfristig anlegt, ist von der Frage betroffen, ob diese Werte geordnet oder abrupt an Wert verlieren, ob er es weiß oder nicht.
WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Stranded Assets sind ein Problem der Ölkonzerne und ihrer Aktionäre. Den normalen Sparer betrifft das nicht. Wirkungslesart: Transitionsrisiko ist breit gestreut, gerade weil so viele über Fonds indirekt an fossilen Konzernen beteiligt sind. Die Wirkungsökonomie macht sichtbar, dass die Frage des geordneten Übergangs keine Spezialistenfrage ist, sondern eine Frage an jede Altersvorsorge. Wer den Schaden nicht einpreist, trägt ihn später, nur unkontrolliert.
Wie viel Vermögen strandet, ist keine feste Zahl, sondern eine Folge unserer Entscheidungen. Früh und geordnet kostet planbar. Spät und abrupt kostet ein Vielfaches. Die teuerste Variante ist immer das Zuwarten.