WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 4 von 15

2. Der bessere Begriff: von Nachhaltigkeit zu Systemresilienz#

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Krankheiten, Energieabhängigkeit, Infrastrukturversagen, Ungleichheit, Vertrauensverlust, Korruption, Klimafolgen, Biodiversitätsverlust und Koordinationsversagen.

Der Name Sustainable Development Goals ist deshalb nicht falsch im politischen Sinn. Er war wahrscheinlich anschlussfähig, diplomatisch und konsensfähig. Systemisch ist er aber zu weich. Er klingt nach Entwicklung, Zielbild und Nachhaltigkeit. Präziser wäre: Global Risk and Resilience Goals, Systemic Resilience Goals oder zivilisatorisches Risikomanagement. Für diesen Aufsatz ist die stärkste Formulierung: Die SDGs sind das globale Risiko- und Resilienzregister; SDG+ ist die Erweiterung um die Korrektur- und Steuerungsfähigkeit moderner Gesellschaften. Die zentrale These dieses Dossiers lautet daher: Nachhaltigkeit ist nicht der primäre Gegenstand.

Nachhaltigkeit ist der sichtbare Zustand, der entsteht, wenn ökologische, soziale, ökonomische und institutionelle Risiken nicht mehr externalisiert, verdrängt oder schöngerechnet werden. Sie ist das Abfallprodukt, oder freundlicher formuliert: das Ergebnis gelingender Systemstabilisierung.

Die Wirkungsökonomie geht einen Schritt weiter als klassisches Risikomanagement. Klassisches Risikomanagement fragt meist: Welche Risiken bedrohen unser Unternehmen, unser Kapital, unsere Lieferfähigkeit, unsere Reputation? Wirkungsökonomie fragt zusätzlich: Welche Risiken erzeugen wir selbst für andere, für Lieferketten, für Ökosysteme, für Demokratien, für kommende Generationen – und wann kommen diese Risiken als Kosten, Haftung, Regulierung, Instabilität, Versicherungsprämie oder Vertrauensverlust zurück? Kernformel Nachhaltigkeit ist das Nebenprodukt vollständiger Risikointelligenz. Die SDGs beschreiben, welche Zustände stabil bleiben müssen. SDG+ beschreibt, welche Systemfähigkeiten diese Stabilität überhaupt ermöglichen. Die Wirkungsökonomie ist die Rückkopplungsarchitektur, die beides messbar, nicht kompensierbar und entscheidungswirksam macht.

2. Der bessere Begriff: von Nachhaltigkeit zu Systemresilienz Der Begriff Nachhaltigkeit hat kommunikativ viel geleistet. Er ist breit anschlussfähig, positiv besetzt und international etabliert. Genau darin liegt aber auch sein Problem: Er klingt häufig nach Haltung, Bericht, Zukunftswunsch oder moralischem Zusatz. Unternehmen können Nachhaltigkeit als Abteilung organisieren, Staaten als Strategie veröffentlichen, Investoren als ESG-Filter nutzen und Konsument:innen als Label wahrnehmen. Dadurch wird der Begriff oft additiv: Er steht neben dem eigentlichen Geschäft, neben der eigentlichen Steuerpolitik, neben den eigentlichen Marktpreisen.

Risikomanagement ist härter. Es fragt nicht: Wollen wir nett zur Welt sein? Es fragt: Welche Zustände gefährden unsere Handlungsfähigkeit? Welche Ereignisse oder Entwicklungen können Versorgung, Kapital, Legitimität, Gesundheit, Infrastruktur oder Vertrauen beschädigen? Welche Frühwarnsignale zeigen, dass ein System kippen kann? Resilienz ist noch präziser, weil sie nicht nur die Vermeidung einzelner Risiken meint, sondern die Fähigkeit eines Systems, Schocks aufzunehmen, sich anzupassen, zu lernen und zentrale Funktionen zu erhalten. Ein resilientes System verhindert nicht jede Störung. Aber es bricht nicht sofort zusammen, wenn Störungen eintreten.