Das schachbrett der oeffentlichk… · Onlinefassung · Abschnitt 10 von 29
Botschaft#
Ordnung und Erfahrung zusammenwirken. Die erlebte Helligkeit entsteht im System. Adelsons Wahrnehmungsforschung erklärt den konkreten Mechanismus über Helligkeitskonstanz und Kontext; Maturana liefert den erkenntnis- und systemtheoretischen Rahmen dafür, warum Wahrnehmen grundsätzlich nicht mit Abbilden gleichgesetzt werden darf.
3.1 Strukturdeterminiert bedeutet nicht: von außen unberührbar Der Begriff wird leicht missverstanden. Strukturdeterminiertheit heißt nicht, dass Umwelt unwichtig wäre oder ein System beliebig reagieren könne. Ohne den konkreten Reiz gäbe es diese konkrete Veränderung nicht. Aber die Umwelt ist Auslöser, nicht Bauplan der Reaktion. Welche Veränderungen überhaupt möglich sind, wird durch die Organisation und den jeweiligen Zustand des Systems begrenzt.
Ein einfaches Bild: Derselbe Druck auf eine Türklingel, eine Klaviertaste und einen Lichtschalter führt zu völlig verschiedenen Ergebnissen. Der Finger liefert jeweils einen Impuls. Das Ergebnis wird durch die Struktur des jeweiligen Systems bestimmt. Bei lebenden und sozialen Systemen ist die Struktur allerdings dynamisch, historisch gewachsen und vielfach rückgekoppelt.
3.2 Strukturelle Kopplung: Warum Erfahrung die spätere Wirkung verändert Maturana bezeichnet die Geschichte wiederkehrender, aufeinander bezogener Veränderungen von System und Umwelt als strukturelle Kopplung. Das visuelle System ist über Evolution, Entwicklung und Alltagserfahrung an eine Welt gekoppelt, in der Schatten und wechselnde Beleuchtung normal sind. Darum kompensiert es Beleuchtung. Kommunikation verändert ebenfalls die Struktur, auf die spätere Kommunikation trifft: Begriffe werden vertraut, Erwartungen entstehen, Vertrauen wächst oder sinkt, Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Damit kommt Zeit in das Wirkungsmodell. Eine Aussage wirkt nicht nur im Moment ihrer Äußerung. Sie kann die Bedingungen verändern, unter denen die nächste Aussage verstanden wird. Die erste Wiederholung eines Begriffs erzeugt vielleicht Irritation, die fünfzigste Vertrautheit. Eine politische Formel kann zunächst als extrem gelten, später als normale Kategorie. Eine Preisänderung kann kurzfristig Nachfrage verschieben und langfristig Investitionen, Infrastruktur und Gewohnheiten umbauen.
3.3 Kommunikation ist keine Paketübertragung von Bedeutung Im Alltagsmodell sendet Person A eine Information, Person B empfängt dieselbe Information und sollte folglich dasselbe verstehen. Maturanas Ansatz widerspricht dieser Paketmetapher. Laute, Zeichen und Gesten können Verhalten koordinieren, aber Bedeutung wird nicht wie ein Gegenstand von einem Kopf in den anderen transportiert. Die Äußerung trifft auf einen strukturierten Beobachter und löst dort eine eigene Zustandsveränderung aus. Das erklärt, warum ein Satz bei einer Person Trost, bei einer anderen Bevormundung und bei einer dritten gar nichts auslösen kann. Der Sender kontrolliert die Wirkung nicht vollständig. Er beeinflusst jedoch den Auslöser, die Form, die Dosis, den Zeitpunkt, den Kontext und damit das Wirkungspotenzial. Gerade deshalb bleibt kommunikative Verantwortung bestehen.
Maturana in einem Satz: Ein Impuls bestimmt nicht seine Wirkung; er trifft auf ein strukturdeterminiertes System, das gemäß seiner eigenen Struktur reagiert.
3.4 Beobachterabhängigkeit ist kein Freibrief für Beliebigkeit Aus Maturana folgt kein „Alles ist nur Ansicht“. Beim Schachbrett können die Pixel gemessen werden. Beim Kleid kann das physische Gewebe untersucht werden. Aussagen können wahr oder falsch sein. Emissionen, Krankheiten, Arbeitszeiten und Überschwemmungsschäden existieren nicht bloß als Meinung.
Beobachterabhängigkeit bedeutet vielmehr, dass wir auf Wirklichkeit nur durch Unterscheidungen, Messverfahren, Begriffe und Systemstrukturen zugreifen.
Die sachliche Konsequenz ist deshalb nicht Relativismus, sondern methodische Demut: Wir müssen offenlegen, was gemessen wird, welche Grenzen gesetzt werden, welche Kontexte fehlen und welche alternativen Deutungen oder Wirkmechanismen möglich sind. Objektivität entsteht nicht dadurch, dass der
Beobachter unsichtbar gemacht wird, sondern dadurch, dass Beobachtung nachvollziehbar, überprüfbar und korrigierbar organisiert wird.