Das schachbrett der oeffentlichk… · Onlinefassung · Abschnitt 23 von 29

Wirtschaft#

PDF-Fassung

sichtbar, was die bisherige Beleuchtung in den Schatten verschiebt.

10.1 Preise sind real - aber selektiv Zu sagen, ein Preis sei selektiv, bedeutet nicht, er sei erfunden oder wertlos. Ein Kaufpreis ist real, ein Lohn ist real, ein Zinssatz ist real. Selektiv ist die Grenze dessen, was darin erscheint. Diese Grenze wird durch Verträge, Rechnungslegung, Haftung, Besteuerung, Subventionen, Macht und Datenverfügbarkeit gezogen.

Ein T-Shirt für fünf Euro kann an der Kasse tatsächlich fünf Euro kosten. Dennoch können Wasserbelastung, Gesundheitsrisiken, niedrige Löhne, Abfall und spätere Entsorgung teilweise anderswo anfallen. Eine „kostenlose“ Plattform kann monetär null Euro verlangen und zugleich Aufmerksamkeit, Daten, psychische Belastung oder demokratische Debattenqualität beanspruchen. Eine scheinbar günstige Heizung kann über Lebensdauer, Brennstoffpreis, CO2-Risiko, Finanzierung und Gebäudewert teurer oder riskanter sein, als der Anschaffungspreis signalisiert. Das Produkt ist deshalb nicht notwendig billig, nur weil der Marktpreis niedrig ist. Es kann lediglich so erscheinen, weil ein Teil der Wirkung im ökonomischen Schatten liegt.

10.2 Externalisierung ist eine Zurechnungsentscheidung Externalitäten werden oft wie ein unvermeidliches Naturphänomen beschrieben. Tatsächlich hängen sie davon ab, wo Systemgrenzen gezogen werden: Wer darf welche Ressource nutzen? Wer haftet? Wer kann Schäden nachweisen und einklagen? Welcher Zeitraum zählt? Welche Werte werden gemessen? Welcher Diskontsatz entwertet Zukunftsschäden? Nicht der Schaden ist konstruiert. Konstruiert ist die Bilanzgrenze, die entscheidet, ob er im Preis, in der Unternehmensrechnung, im Staatshaushalt, in Krankenkassenbeiträgen, im Immobilienwert oder gar nicht sichtbar wird. Der Verlust eines Ökosystems, eine Atemwegserkrankung oder ein Vertrauensschaden bleibt real, auch wenn kein Buchungssatz ihn erfasst.

10.3 Preise beobachten nicht nur - sie wirken Der Preis ist zugleich Messgröße und Intervention. Er beschreibt eine Transaktionsbedingung und verändert Verhalten. Höhere oder niedrigere Preise beeinflussen Nachfrage, Investitionen, Produktentwicklung, Standortentscheidungen und Innovation. Ein dauerhaft günstiger fossiler Energieträger stabilisiert andere Infrastrukturen als ein verlässlich eingepreistes Klimarisiko. Ein niedriger Lohn kann kurzfristig Kosten reduzieren, aber Automatisierung, Qualifizierung, Gesundheit und Nachfrage anders beeinflussen als ein höherer Lohn. Damit wird der Preis selbst zum gesellschaftlichen „Wirkstoff (didaktische Analogie)“: Er trägt ein Wirkungspotenzial, das über Erwartungen, Budgets und Investitionsrechnungen wirksam wird. Seine Wirkung hängt wiederum von Empfängerstruktur und Resonanzraum ab. Ein Preisaufschlag wirkt bei einem wohlhabenden Haushalt anders als bei einem einkommensarmen; bei einem Unternehmen mit Alternativtechnologie anders als bei einem technisch eingeschlossenen Betrieb.

10.4 Der ökonomische Schatten ist oft zeitlich und räumlich verschoben Viele schädliche Wirkungen treten später oder anderswo auf. Der heutige Gewinn kann im Unternehmen erscheinen, während Gesundheitskosten Jahre später im Sozialsystem, Klimaschäden in einer anderen Region und Entsorgungskosten bei Kommunen anfallen. Diese Trennung erzeugt eine systematische Wahrnehmungsverzerrung: Der private Nutzen ist konzentriert und sichtbar; die gesellschaftlichen Kosten sind verteilt, verzögert und statistisch schwerer zuzuordnen.

Die internationale Kommission um Stiglitz, Sen und Fitoussi hat für Wohlstands- und Fortschrittsmessung gezeigt, dass ökonomische Kennzahlen wichtige Leistungen erbringen, aber Lebensqualität, Verteilung, Nachhaltigkeit und nichtmarktliche Leistungen nur unvollständig abbilden. Was nicht gemessen wird, verschwindet leicht aus der politischen Steuerung (Stiglitz, Sen & Fitoussi 2009).

Wirkungsblindheit: Wirkung fehlt nicht, nur weil sie in Preis und Bilanz fehlt. Dann fehlt dem System der Sensor - nicht der Schaden.