2026 01 17 meinungsfreiheit brau… · Onlinefassung · Abschnitt 5 von 21
1. Das Missverständnis der Meinungsfreiheit#
Die Reaktionen auf die Günther-Debatte folgen einem bekannten Muster. Sobald Regulierung, Verantwortung oder Grenzen erwähnt werden, wird Meinungsfreiheit als bedroht markiert. Dabei wird sie häufig so verstanden, als müsse sie vor allem eines sein: konsequenzlos.
Dieses Verständnis ist historisch erklärbar. Meinungsfreiheit entstand als Schutzrecht gegen staatliche Unterdrückung - gegen Willkür, Zensur und Gewalt. Sie sollte verhindern, dass Macht entscheidet, was gesagt werden darf. Doch dieses Freiheitsverständnis stammt aus einer Zeit, in der öffentliche Kommunikation überschaubar, langsam und begrenzt wirksam war. Heute ist das anders. Aussagen entfalten Reichweite, prägen Diskurse, verschieben Wahrnehmungen und Normalitäten. Sie können Vertrauen stärken - oder systematisch untergraben. Sie können Orientierung schaffen - oder Verwirrung normalisieren. Und sie können demokratische Institutionen stützen - oder dauerhaft delegitimieren. Meinungsfreiheit existiert deshalb nicht im luftleeren Raum. Sie wirkt immer - ob wir das thematisieren oder nicht. Der zentrale Denkfehler der aktuellen Debatte besteht darin, Meinungsfreiheit weiterhin ausschließlich als Abwehrrecht zu behandeln, während ihre gesellschaftlichen Wirkungen ausgeblendet werden.
Genau hier liegt der Punkt, an dem Daniel Günther - bewusst oder unbewusst - richtig ansetzt.
Denn eine Demokratie lebt nicht davon, dass alles gesagt werden kann. Sie lebt davon, dass öffentliche Kommunikation eine verbindende Funktion erfüllt: dass Sprache Orientierung ermöglicht, dass Wissen unterscheidbar bleibt, dass Wahrheit nicht beliebig wird und dass Konflikte austragbar bleiben, ohne den gemeinsamen Boden zu zerstören. Wo diese Funktion verloren geht,