Arbeitspapier Doppelte Wesentlic… · Onlinefassung · Abschnitt 2 von 72

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Die doppelte Wesentlichkeitsprüfung ist einer der wichtigsten Übergangspunkte zwischen klassischer Nachhaltigkeitsberichterstattung und echter Wirkungssteuerung. Sie zwingt Unternehmen, Nachhaltigkeit nicht nur als Image-, Compliance- oder Investorenthema zu behandeln, sondern aus zwei Richtungen zu betrachten: erstens als Wirkung des Unternehmens auf Menschen, Umwelt und Gesellschaft, zweitens als Wirkung ökologischer, sozialer, politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen auf das Unternehmen selbst.

Die erste Richtung wird in der ESRS-Sprache Impact Materiality genannt. Sie fragt: Welche tatsächlichen oder möglichen Auswirkungen entstehen durch Produkte, Dienstleistungen, Standorte, Lieferketten, Investitionen, Beschäftigung, Daten, Kommunikation und Geschäftsmodelle? Diese Perspektive ist Inside-Out. Das Unternehmen schaut aus sich heraus in die Welt: Was verändern wir?

Die zweite Richtung wird Financial Materiality genannt. Sie fragt: Welche Nachhaltigkeitsthemen werden für das Unternehmen selbst finanziell, strategisch oder operativ relevant? Diese Perspektive ist Outside-In. Die Welt schaut in das Unternehmen hinein: Was verändert unser Umfeld an unseren Kosten, Risiken, Chancen, Lieferketten, Märkten, Finanzierungsmöglichkeiten, Versicherbarkeit und unserer langfristigen Resilienz? Der entscheidende Punkt lautet: Ein Thema kann wesentlich sein, wenn es aus einer der beiden Perspektiven wesentlich ist. Es muss nicht in beiden Perspektiven gleichzeitig wesentlich sein.

Gerade darin liegt der Fortschritt gegenüber älteren Reporting-Logiken. Nicht nur der finanzielle Nutzen oder Schaden für das Unternehmen zählt. Auch die Wirkung auf Betroffene, Ökosysteme, Arbeitsbedingungen, Lieferketten, Menschenrechte oder demokratische Stabilität kann ein Thema berichtspflichtig und steuerungsrelevant machen.

Gleichzeitig ist doppelte Wesentlichkeit kein fertiges Impact-Management-System. Sie identifiziert, welche Themen wichtig sind. Sie beschreibt noch nicht automatisch, wie Ziele gesetzt, Daten gesteuert, Budgets verändert, Lieferanten entwickelt, Produkte umgestaltet, Preise angepasst, Kapitalströme gelenkt oder Entscheidungen korrigiert werden. Genau hier beginnt die Lücke zwischen Reporting und Wirkungsökonomie. In der heutigen Unternehmenspraxis führt die doppelte Wesentlichkeitsanalyse typischerweise zu einer Liste von IROs: Impacts, Risks and Opportunities, also Auswirkungen, Risiken und Chancen.

Diese IROs werden Themen, Unterthemen und Datenpunkten zugeordnet. Daraus entstehen Berichtspflichten zu Governance, Strategie, Managementansatz, Kennzahlen und Zielen.

Unternehmen berichten dann etwa über Treibhausgasemissionen, Energieverbrauch, Wasserentnahme, Verschmutzung, Biodiversität, Ressourcenverbrauch, eigene Belegschaft, Beschäftigte in der Wertschöpfungskette, betroffene Gemeinschaften, Verbraucher:innen, Produktsicherheit, Datenschutz und Geschäftsethik.

Was heute häufig fehlt, ist die Rückkopplung dieser Informationen in Entscheidungen. Eine doppelte Wesentlichkeitsprüfung kann formal gut durchgeführt sein und trotzdem folgenlos bleiben, wenn sie im Nachhaltigkeitsteam endet. Dann entsteht Berichtswissen, aber keine Wirkungssteuerung. Ein Unternehmen weiß dann zwar, dass Wasserstress, Living Wage, Biodiversität, Fachkräftemangel oder CO2-Kosten wesentlich sind. Es ändert aber nicht zwingend Einkaufskriterien, Capex-Freigaben, Lieferantenverträge, Produktdesign, variable Vergütung, Risikolimits oder Portfolioentscheidungen.

Impact-Management beginnt dort, wo die Erkenntnisse der Wesentlichkeitsanalyse in Verantwortung, Ziele, Maßnahmen, Ressourcen, Steuerung und Lernen übersetzt werden. Impact-Controlling beginnt dort, wo diese Ziele laufend geplant, gemessen, analysiert, prognostiziert und in Entscheidungen zurückgeführt werden. Impact-Marketing beginnt dort, wo Wirkung nach innen und außen verständlich, überprüfbar und nicht irreführend kommuniziert wird.

Für die Wirkungsökonomie ist die doppelte Wesentlichkeit deshalb ein wichtiger Zwischenschritt, aber nicht das Ziel. Sie macht sichtbar, welche Nachhaltigkeits- und Wirkungsthemen relevant sind. Die Wirkungsökonomie fragt weiter: Wie werden diese Informationen zu Steuerungsdaten? Wie wirken sie in Preise, Steuern, Kapitalzugang, Beschaffung, Förderung, Produktpässe, Wirkungsfonds, Wirkungshaushalte, Unternehmensführung und demokratische Entscheidung zurück?