WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 7 von 29

6. Planetare Grenzen und die reale Ressourcenfrage#

PDF-Fassung

MMT erinnert daran, dass Geld nicht die letzte Grenze ist. Die Wirkungsökonomie ergänzt: Die letzte Grenze liegt in realen Systembedingungen. Dazu gehören Arbeitskräfte, Zeit, Vertrauen, Energie, Material, Wissen, Institutionen und ökologische Tragfähigkeit.

Die Planetary-Boundaries-Forschung beschreibt planetare Grenzen als wissenschaftlich definierte Leitplanken für jene globalen Prozesse, die Stabilität und Resilienz des Erdsystems sichern. Das Stockholm Resilience Centre betont, dass diese Grenzen interdependent sind und nicht isoliert betrachtet werden können [E9]. Für öffentliche Finanzen bedeutet das: Der Staat kann nicht nur fragen, ob eine Ausgabe finanziell oder konjunkturell möglich ist. Er muss fragen, ob sie innerhalb planetarer, sozialer und demokratischer Stabilitätsbedingungen wirkt. Eine Investition in fossile Infrastruktur kann kurzfristig Beschäftigung und Nachfrage schaffen.

Makroökonomisch kann sie funktionieren. Wirkungsökonomisch kann sie trotzdem Verlustleistung sein, wenn sie Emissionen, Abhängigkeiten und künftige Klimakosten erhöht.

Eine Investition in Bildung, Pflege oder Klimaanpassung kann kurzfristig teuer wirken und keinen schnellen finanziellen Return zeigen. Wirkungsökonomisch kann sie dennoch hohe Wirkleistung sein, weil sie Folgekosten vermeidet, Resilienz stärkt und künftige Handlungsspielräume eröffnet.

Die WÖk nimmt deshalb die reale Ressourcenfrage ernster als eine rein finanzielle Debatte. Sie sagt: Geld kann Verfügbarkeit signalisieren, aber nicht reale Kapazität garantieren. Ein Wirkungshaushalt muss prüfen, ob die notwendigen Ressourcen vorhanden sind oder erst aufgebaut werden müssen. Wenn der Staat Milliarden für Sanierung bereitstellt, aber Baukapazitäten, Planungsstellen, Genehmigungsprozesse und Fachkräfte fehlen, entsteht ein Engpass. Dann ist die Frage nicht mehr nur Finanzierung, sondern Wirkungsfähigkeit. So wird Inflation aus WÖk-Sicht nicht nur als monetäres Phänomen verstanden. Inflation kann entstehen, wenn zusätzliche Zahlungsfähigkeit auf reale Engpässe trifft. Sie kann aber auch durch Abhängigkeiten, Lieferkettenrisiken, Energiepreisschocks, Klimaschäden, Wohnungsknappheit oder Marktmacht verursacht werden. Eine wirkungsökonomische Finanzpolitik muss daher zwischen Nachfrageinflation, Angebotsengpässen, Verteilungskonflikten und systemischen Knappheiten unterscheiden.

Die Frage lautet nicht: Mehr Schulden ja oder nein?

Die Frage lautet: Trifft zusätzliche staatliche Finanzierung auf freie oder auf knappe reale Kapazitäten - und baut sie die Engpässe ab oder verschärft sie sie?

7. Von Staatsschulden zu Wirkungsverschuldung Der Begriff Staatsschuld ist zu eng, wenn er nur finanzielle Verpflichtungen meint. Aus WÖk-Sicht gibt es mehrere Formen von Staatsverschuldung. Finanzielle Staatsschuld ist sichtbar. Sie steht in Haushalten, Anleihebeständen, Zinsausgaben und Schuldenquoten. Infrastrukturelle Staatsschuld entsteht, wenn Brücken, Schulen, Schienen, Krankenhäuser, Netze, Verwaltungsdigitalisierung oder öffentliche Gebäude vernachlässigt werden.