Meinung & Analyse
Die interessante Frage ist nicht, ob Habeck morgen eine Partei gründet
Das Gerücht um Habeck und Wissing ist unbestätigt. Dahinter liegt aber eine reale politische Entwicklung: Mehrere Akteure beschreiben eine Lücke für ein neues liberales Angebot im demokratischen Zentrum.
Die spannendste Frage an diesem Gerücht ist nicht: Gründen Robert Habeck und Volker Wissing gerade heimlich eine Partei? Dafür gibt es bislang keinen Beleg.
Die interessantere Frage lautet: Warum wirkt diese Geschichte plötzlich so plausibel, dass sie gleichzeitig in unterschiedlichen politischen und journalistischen Kreisen auftaucht?
Denn hier kommen mehrere Entwicklungen zusammen, die einzeln wenig beweisen, gemeinsam aber einen politischen Suchraum sichtbar machen.
Wissing spricht nicht nur abstrakt über Liberalismus
Ende März wird Volker Wissing im F.A.Z. Podcast gefragt, ob es eine neue Partei geben könnte. Er sagt nicht einfach: ausgeschlossen.
Er sagt: Er selbst betreibe keine Parteigründung. Aber solche Überlegungen gebe es. Und auf die Nachfrage, wo, nennt er Menschen mit gesellschaftlicher Verantwortung, darunter Unternehmer und andere, die darüber nachdächten, in Deutschland wieder eine liberale Kraft zu etablieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Wissing äußert keine persönliche Parteifantasie. Er berichtet von einem Umfeld, in dem die Frage bereits konkret gestellt wird. Wer genau dazugehört, sagt er nicht.
Habeck beschreibt dieselbe Lücke
Ende Mai sagt Robert Habeck dann, Deutschland brauche eine liberale Kraft. Die Lücke liege im Zentrum der Demokratie. Und er hebt ausgerechnet Wissing hervor: „Mehr vom Schlage Volker können wir gut gebrauchen.“
Auch daraus wird noch keine gemeinsame Partei. Aber politisch entsteht eine erkennbare Schnittmenge.
Wissing sagt: Menschen überlegen, wie eine liberale Kraft neu etabliert werden könnte. Habeck sagt: Genau diese liberale Kraft fehlt. Und Habeck nennt Wissing einen politischen Typ, von dem es mehr brauche. Das ist der Boden, auf dem ein Gerücht wachsen kann.
Ende September bekommt das Gerücht einen Namen
Dann sagt Dieter Breymann in seinem LinkedIn-Video vom 25. September, in Berlin „wabere“ derzeit die Möglichkeit einer Neugründung herum, bei der Habeck und Wissing eine Rolle spielen könnten. Er beschreibt außerdem, dass eine solche Konstellation aus seiner Sicht für die CDU relevant werden könnte und für Menschen aus deren Umfeld attraktiv sein könnte.
Am selben Tag veröffentlicht „Machtwechsel“ mit Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander eine Folge mit der Überschrift: „Gründet Habeck eine eigene Partei?“
Die Shownotes selbst bleiben vorsichtiger. Sie fragen nach dem Zukunftsplan der Grünen und nach möglichen Kandidaten für die nächste Bundestagswahl.
Das heißt: Auch hier gibt es keine Bestätigung. Aber die Frage ist inzwischen im politischen Medienraum angekommen.
Man sollte daraus nicht zu früh eine Verschwörungsgeschichte bauen
Gerade weil die Puzzleteile so schön zusammenpassen, besteht die Gefahr, daraus zu schnell eine fertige Geschichte zu bauen. Das wäre methodisch falsch.
Wir wissen derzeit nicht: wer Wissings Unternehmer sind, ob Habeck mit ihnen spricht, ob Wissing selbst inzwischen stärker beteiligt ist als im März, ob es einen Arbeitstitel oder eine Organisation gibt, ob überhaupt eine Parteigründung das Ziel ist, oder ob verschiedene Menschen unabhängig voneinander dieselbe politische Lücke sehen.
Diese offenen Punkte sind keine Nebensache. Sie sind der Unterschied zwischen Recherche und Spekulation.
Trotzdem zeigt das Gerücht etwas Reales
Parteien entstehen selten, weil jemand eines Morgens aufwacht und sagt: Wir gründen jetzt eine Partei.
Vorher verändert sich der politische Raum. Bestimmte Positionen finden in bestehenden Parteien weniger Platz. Wählergruppen werden beweglicher. Personen verlassen ihre bisherigen politischen Rollen. Unternehmer, Verbände oder zivilgesellschaftliche Akteure diskutieren neue Angebote. Und irgendwann verdichten sich solche Gespräche zu Organisation.
Ob das hier passiert, wissen wir nicht. Aber genau diese Vorstufe ist inzwischen sichtbar: Es wird über eine liberale Lücke gesprochen. Nicht nur von einem Einzelnen.
Der Begriff „liberal“ ist dabei entscheidend - und keineswegs eindeutig
Wenn von einer „neuen liberalen Kraft“ die Rede ist, kann das sehr Unterschiedliches bedeuten. Wirtschaftsliberal. Gesellschaftsliberal. Bürgerrechtlich. Ökologisch-marktwirtschaftlich. Staatsmodernisierend. Proeuropäisch. Oder eine Mischung daraus.
Gerade Habeck und Wissing würden politisch nicht deshalb interessant, weil sie identische Positionen vertreten. Sondern weil beide aus unterschiedlichen Parteitraditionen kommen und trotzdem öffentlich eine ähnliche Leerstelle beschreiben.
Damit würde eine mögliche Neugründung nicht automatisch einfach „FDP 2.0“ oder „Grüne ohne Linke“ sein. Welche programmatische Richtung tatsächlich entstünde, könnte man erst beurteilen, wenn es ein Programm, Personal oder zumindest verbindliche Grundsätze gäbe.
Für die CDU wäre eine solche Entwicklung strukturell relevant
Breymanns CDU-Perspektive ist deshalb analytisch interessant. Eine neue Partei müsste nicht zwangsläufig hauptsächlich ehemalige FDP- oder Grünen-Wähler ansprechen. Wenn sie sich als bürgerlich, gesellschaftsliberal, wirtschaftlich pragmatisch und proeuropäisch positionierte, könnte sie theoretisch auch Wähler ansprechen, die sich in der heutigen CDU nicht vollständig wiederfinden.
Ob das tatsächlich passieren würde, lässt sich heute nicht seriös prognostizieren. Aber genau deshalb ist der Satz von Breymann über die mögliche Attraktivität für Menschen aus seinem eigenen politischen Umfeld bemerkenswert. Er beschreibt eine mögliche Konkurrenz innerhalb des demokratischen Zentrums, nicht lediglich eine Verschiebung zwischen Grün und Gelb.
Wirkungsökonomisch zählt nicht der Parteiname, sondern die Funktion
Eine neue Partei wäre zunächst einmal weder gut noch schlecht. Die funktionale Frage lautet: Welches Problem löst sie?
Vergrößert sie tatsächlich die politische Repräsentation? Bringt sie bisher getrennte Interessen konstruktiv zusammen? Erhöht sie die Fähigkeit zu tragfähigen Mehrheiten? Oder produziert sie lediglich eine weitere Marke und zusätzliche Fragmentierung?
Wirkungsökonomisch reicht es nicht zu sagen: Neue Partei = mehr Wettbewerb = gut.
Denn politischer Wettbewerb hat mehrere mögliche Wirkungen. Er kann Menschen wieder an demokratische Prozesse binden. Er kann bestehende Parteien zu programmatischer Klärung zwingen. Er kann neue Koalitionsoptionen eröffnen.
Er kann aber auch Mehrheiten komplizierter machen und politische Fragmentierung verstärken. Welche Wirkung dominiert, hängt von Programm, Wählerschaft, Koalitionsfähigkeit und institutionellem Verhalten ab.
Quellen
Recherchegrundlage
Volker Wissing im F.A.Z. Podcast für Deutschland, 30.03.2026 Volker Wissing im F.A.Z. Podcast für Deutschland
Robert Habeck zur liberalen Lücke und zu Volker Wissing, 30.05.2026 Robert Habeck zur liberalen Lücke und zu Wissing
Früher genannte Podcastquelle „Progressiv trifft Konservativ - Wahl Spezial“, 20.09.2026 / veröffentlicht 21.09.2026. Kein Beleg, dass die Breymann-Passage dort gefallen ist; diese Links dokumentieren nur die korrigierte Quellenzuordnung: Progressiv trifft Konservativ: frühere Quellenzuordnung nicht belegt Wahl Spezial: frühere Episodenzuordnung nicht belegt
Die konkrete Breymann-Passage wurde anhand des bereitgestellten Videoausschnitts mit eingeblendeten Untertiteln rekonstruiert. Natalie hat als Quelle Breymanns LinkedIn-Beitrag vom 25.09.2026 nachgereicht. Dort ist eine Transkriptspur öffentlich sichtbar; sie ist kein Volltranskript der zuvor genannten Podcastfolge. Ob die Passage auch dort gefallen ist, ist nicht belegt. Breymanns LinkedIn-Video: Berliner Gerücht über eine mögliche Neugründung
Machtwechsel, 25.09.2026: „Gründet Habeck eine eigene Partei?“ Nachgefragt: Warum war Merkel die Kanzlerin der Nichtwähler? Gründet Habeck eine eigene Partei?
Wissensgrenze
Stand 26.09.2026 gibt es keinen öffentlich belastbaren Beleg dafür, dass Robert Habeck und Volker Wissing gemeinsam eine Partei gründen oder organisatorisch an einer Parteigründung arbeiten. Die Namen der von Wissing erwähnten Unternehmer und anderen Personen sind öffentlich weiterhin nicht verlässlich identifiziert.
Quellen und Originale
- Dieter Breymann / LinkedIn: Breymanns LinkedIn-Video: Berliner Gerücht über eine mögliche Neugründung
- F.A.Z. / Podscan: Volker Wissing im F.A.Z. Podcast für Deutschland
- Kölner Stadt-Anzeiger: Robert Habeck zur liberalen Lücke und zu Wissing
- Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander / Machtwechsel: Nachgefragt: Warum war Merkel die Kanzlerin der Nichtwähler? Gründet Habeck eine eigene Partei?
- Progressiv trifft Konservativ / LetsCast: Progressiv trifft Konservativ: frühere Quellenzuordnung nicht belegt
- Apple Podcasts: Wahl Spezial: frühere Episodenzuordnung nicht belegt
