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Nachgehört

Fachkräftemangel ist mehr als eine Frage der Arbeitsstunden

Enzo Weber und Maja Göpel sprechen über Demografie, Teilzeit, Qualifizierung, Transformation und KI. Ein zentraler Gedanke: Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch einen Lohnwettbewerb nach unten, sondern durch Produktivität, Qualifikation, Investitionen, Infrastruktur und Innovation.

Persönliche Meinung und wirkungsökonomische Analyse

Nachgehört · Meinung & Analyse

Beim Thema Arbeit wird erstaunlich schnell moralisch argumentiert. Die einen sagen, in Deutschland müsse wieder mehr gearbeitet werden. Die anderen verweisen auf Kinderbetreuung, Pflege, Teilzeit, schlechte Anreize oder unbezahlte Sorgearbeit.

Die Folge „Fachkräfte NEU DENKEN“ mit Maja Göpel und Enzo Weber ist interessant, weil sie genau diese einfache Gegenüberstellung zerlegt. Das Gespräch zeigt: Wir haben nicht nur ein Mengenproblem. Wir haben ein Systemproblem aus Demografie, Qualifikation, Arbeitsorganisation, Transformation, Investitionen und Übergängen zwischen alten und neuen Tätigkeiten. Offizielle Folge mit vollständigem Transkript

Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit können gleichzeitig steigen

Bereits bei 00:02:27 sagt Weber, 2026 werde erstmals ein Jahr, in dem Deutschland weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen als im Vorjahr. Ab 00:03:28 erklärt er das Erwerbspersonenpotenzial als die Menschen, die dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen. Ab 00:03:35 führt er den erwarteten Rückgang auf den demografischen Effekt und darauf zurück, dass Zuwanderung diesen nicht mehr vollständig kompensiere.

Gleichzeitig steigt nach seiner Darstellung die Arbeitslosigkeit. Genau dieses scheinbare Paradox benennt er bei 00:03:04 ausdrücklich: Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel können nebeneinander bestehen.

Das ist für die Wirkungsanalyse wichtig. Die Diagnose „zu wenig Arbeitskräfte“ ist zu grob. Entscheidend ist, welche Qualifikationen wo gebraucht werden, welche Menschen verfügbar sind und ob Fähigkeiten, Arbeitsplätze und Regionen zusammenfinden.

Mehr Arbeit ist nicht automatisch mehr Wirkleistung

Die Teilzeitdebatte wird ab 00:05:14 konkret. Weber zeigt, wie stark das Ergebnis davon abhängt, aus welcher Perspektive man auf dieselbe Zahl schaut. Wer Teilzeit nur mit Vollzeit vergleicht, sieht zunächst weniger Arbeitsstunden. Wer dagegen historisch betrachtet, dass deutlich mehr Frauen erwerbstätig sind als früher, sieht zusätzliche Erwerbsarbeit.

Bei 00:05:58 sagt Weber, Deutschland habe heute mehr Erwerbsstunden als jemals zuvor. Trotzdem sieht er zusätzliche Potenziale. Ab 00:06:49 verweist er auf die hohe Erwerbsquote von Frauen, aber niedrigere durchschnittliche Arbeitszeiten. Besonders wichtig ist seine Beobachtung ab 00:07:09: Berufliche Entwicklungen von Frauen knicken häufig in der Familienphase ab.

Die Ursachen diskutiert er ab 00:08:48: finanzielle Fehlanreize, Minijob-Regelungen, gesellschaftliche Erwartungen sowie unzureichende Unterstützung bei Kinderbetreuung und Pflege. Ab 00:10:27 nennt er bessere steuerliche Anreize, andere Minijob-Regeln, umfangreichere Betreuung und flexiblere Arbeitszeitmodelle als Ansatzpunkte.

Wirkungsökonomisch ist der Unterschied entscheidend: Arbeitsstunden sind zunächst Input. Ob daraus gesellschaftlich relevante Wirkleistung entsteht, hängt davon ab, welche Tätigkeit ermöglicht wird, welche Fähigkeiten genutzt werden und welche anderen Wirkungen dabei ausgelöst werden.

Mehr Stunden können also Wirkungspotenzial erzeugen. Eine Wirkung liegt aber erst dann vor, wenn tatsächlich eine Zustandsveränderung eingetreten ist. Das Wirkungspotenzial beschreibt dagegen die mögliche zukünftige Zustandsveränderung, die über den jeweiligen Wirkpfad entstehen kann.

Das eigentliche Problem ist oft fehlende Beweglichkeit

Ab 00:17:42 verschiebt Weber den Fokus von der bloßen Fachkräftezahl auf Bewegungen im Arbeitsmarkt. Gut ausgebildete Menschen aus etablierten Industrien müssten ihre Fähigkeiten in neue industrielle Anwendungen übertragen können. Bei 00:18:05 formuliert er zugespitzt, eine Erneuerungskrise lasse sich nicht durch Festhalten am Bestehenden aufhalten; man müsse sich nach vorn modernisieren.

Besonders interessant wird es ab 00:20:16. Weber argumentiert, dass technische Fachkräfte auch in einer ökologischen Transformation gebraucht werden. Bei 00:20:27 nennt er neue Produktionsverfahren, Windkraft- und Wasserstofftechnik als Beispiele. Seine Pointe ab 00:20:59: Häufig gehe es eher um Weiterentwicklung als um vollständiges Umschulen.

Ab 00:21:30 beschreibt er den dafür nötigen Wirkpfad sehr konkret: Beratung, Vermittlung, gezielte Qualifizierung und gegebenenfalls finanzielle Unterstützung sollen einen Wechsel in neue Anwendungen ermöglichen.

Wirkpfad: Strukturwandel → bisherige Tätigkeit verliert Nachfrage → vorhandene Fähigkeiten werden frei → Beratung und Qualifizierung öffnen einen neuen Anwendungspfad → neue Beschäftigung und Wertschöpfung werden möglich.

Das ist zunächst Wirkungspotenzial. Ob tatsächlich Beschäftigung, Einkommen und neue Wertschöpfung entstehen, muss später beobachtet werden.

Festhalten kann individuell vernünftig und systemisch trotzdem problematisch sein

Ab 00:24:06 erklärt Weber einen Teil der Beharrung sogar mit früherem Erfolg. Deutschland klammere sich an Strukturen, mit denen es lange sehr erfolgreich gewesen sei. Das sei kein irrationales Verhalten. Erfahrung, beruflicher Stolz und bestehende Sicherheit hätten einen realen Wert.

Bei 00:25:00 kommt daraus eine wichtige Steuerungsfrage: Politik, Personalpolitik, Arbeitsmarktpolitik und Steuerpolitik müssten so gestaltet sein, dass der Schritt in etwas Neues gegenüber dem Festhalten am Bestehenden zur attraktiveren Strategie wird.

Menschen reagieren auf Anreize, Risiken und Handlungsmöglichkeiten. Wenn ein Wechsel mit hohem Risiko verbunden ist und das Festhalten zunächst Sicherheit verspricht, kann Stillstand individuell rational sein - selbst wenn er systemisch langfristig schlechter wirkt.

Wettbewerb nach oben: hohe Löhne brauchen hohe Produktivität

Zwischen 00:32:52 und 00:36:37 formuliert Weber einen der stärksten Gedanken der Folge. Er widerspricht der Vorstellung, Wettbewerbsfähigkeit sei im Kern gleichbedeutend mit niedrigeren Lohnkosten. Löhne seien Einkommen, finanzierten Sozialversicherungen und stünden mit Produktivität in Zusammenhang. Seine Gegenrichtung lautet: „Wir müssen nach oben konkurrieren, besser werden.“

Dabei ist wichtig, Webers Argument nicht zu verkürzen. Er sagt nicht: Hohe Löhne allein machten eine Volkswirtschaft wettbewerbsfähig. Er verbindet sie ausdrücklich mit Top-Qualifikationen, Innovationsbedingungen, Investitionsanreizen, Infrastruktur und wirtschaftlichen Netzwerken. Wenige Minuten zuvor nennt er Datennetze, Rechenzentren, Wasserstoffnetze und moderne Verkehrsinfrastruktur als Investitionen, die neue Geschäftsmodelle ermöglichen können.

Seine zugespitzte Aussage, Deutschland solle möglichst die höchsten Lohnkosten Europas haben, ist deshalb kein Plädoyer für von der Produktivität entkoppelte Kostensteigerungen. Unmittelbar danach sagt er selbst: Wenn die Produktivität pro Stunde nicht steigt, kann auch pro Stunde nicht dauerhaft mehr bezahlt werden. Er verweist auf schwache Investitionen und stagnierende Produktivität als Kernproblem.

Damit entsteht ein anderer Standortbegriff:

Qualifikation + Investitionen + Infrastruktur + Innovation → höhere Produktivität und neue Wertschöpfung → hohe Löhne werden tragfähig → Einkommen und Finanzierung sozialer Sicherung können mitwachsen.

Das ist der Wohlstandswettbewerb nach oben: nicht über das billigste Arbeiten, sondern darüber, produktiver, innovativer und leistungsfähiger zu werden. Genau dadurch bekommt die Fachkräftedebatte eine andere Richtung. Qualifizierung ist dann nicht bloß Reparatur eines Mangels, sondern Teil einer Wohlstandsstrategie.

KI ist weder automatisch Jobvernichter noch Wohlstandsmaschine

Auch die KI-Debatte behandelt Weber nicht eindimensional. Ab 00:46:09 sagt er ausdrücklich, dass Menschen durch die technologische Veränderung unter Druck geraten. Bei 00:46:25 nennt er Übersetzungsleistungen als Beispiel für Tätigkeiten, deren Nachfrage zurückgeht. Gleichzeitig betont er ab 00:47:04, dass die Beschäftigung von Akademikerinnen und Akademikern insgesamt weiter hoch sei und ihre Lern- und Abstraktionsfähigkeit gute Voraussetzungen für Weiterentwicklung biete.

Ein zweiter wichtiger Punkt folgt bei 00:47:48: Neue Technologien üben Macht aus - und zwar zugunsten derjenigen, die sie kontrollieren. Weber verbindet deshalb technologische Dynamik mit Wettbewerb, Gründungen und Alternativen.

Damit wird aus der reinen Beschäftigungsfrage eine systemische Frage: Wer verfügt über Technologie, wer kann sie produktiv einsetzen, wer trägt Anpassungskosten und wer erhält mögliche Produktivitätsgewinne?

Auch hier gilt die Trennung: KI besitzt Wirkungspotenziale in unterschiedliche Richtungen. Eine tatsächliche Wirkung können wir erst dort feststellen, wo reale Zustände - etwa Beschäftigung, Einkommen, Arbeitsqualität oder Machtverteilung - tatsächlich verändert wurden.

Veränderungsfähigkeit braucht Sicherheit und Freiräume zugleich

Später verbindet Weber Innovation mit Organisationskultur. Ab 00:55:54 spricht er vom vorhandenen Kreativ- und Innovationspotenzial. Zugleich benennt er Sicherheitsbedürfnisse, erworbene Expertise und Verlustängste. Bei 00:56:20 folgert er daraus, dass Mechanismen geschaffen werden müssten, die Vorangehen ermöglichen und belohnen, Qualifizierung unterstützen und eigene Entwicklungsspielräume eröffnen.

Bei 01:00:03 betont er zusätzlich die Unsicherheit von Innovation: Das Ziel sei nicht vollständig bekannt. Ab 01:00:20 beschreibt er Innovation sinngemäß als einen Prozess, in dem viele Versuche scheitern können und einzelne dafür sehr erfolgreich werden. Anschließend weitet er diesen Gedanken auf Förderpolitik aus: ausprobieren, prüfen, weiterführen oder wieder beenden.

Das ergänzt die klassische Standortdebatte: Zukunftsfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass ein politischer Akteur im Voraus jede Gewinnertechnologie kennt. Sie braucht auch Strukturen, die Lernen ermöglichen.

Natalie Weber mit Kopfhörern und Smartphone am Tisch

Meine Einordnung

Für mich liegt ein zentraler Kern dieser Folge genau in Webers Gedanken eines Wohlstandswettbewerbs nach oben statt nach unten.

Ich finde daran besonders wichtig, dass hohe Löhne hier nicht gegen Wettbewerbsfähigkeit ausgespielt werden. Sie sind auch nicht einfach politisch zu verordnender Wohlstand. Tragfähig werden sie gemeinsam mit Produktivität, Qualifikation, Investitionen, guter Infrastruktur, Innovation und neuen Geschäftsmodellen. Wenn die Antwort auf wirtschaftlichen Druck dagegen vor allem lautet, Arbeit billiger zu machen, wird aus Standortpolitik schnell ein Wettbewerb darum, wer mit weniger Einkommen und schwächerer Absicherung auskommt.

Genau deshalb passt dieser Teil für mich so gut zur Wirkungsökonomie. Die entscheidende Frage ist nicht nur: Was kostet Arbeit? Sondern: Welche Strukturen machen menschliche Fähigkeiten produktiv und ermöglichen damit höhere Wertschöpfung, gute Einkommen und gesellschaftliche Stabilität?

Damit verändert sich auch der Blick auf den Fachkräftemangel. Wenn Menschen ihre Arbeitszeit erhöhen würden, aber Betreuung fehlt, ist das nicht einfach ein Motivationsproblem. Wenn hervorragend qualifizierte Menschen aus einer schrumpfenden Industrie keinen Übergang in neue Anwendungen finden, fehlt nicht zwingend Fähigkeit - möglicherweise fehlt der Wirkpfad, der Fähigkeit in neue Wertschöpfung übersetzt.

Arbeitsmarktpolitik wird dadurch zwangsläufig größer als Arbeitsmarktpolitik. Sie verbindet sich mit Bildungs-, Familien-, Migrations-, Innovations-, Infrastruktur-, Industrie- und Transformationspolitik. Und sie bekommt ein anderes Zielbild: nicht möglichst billige Arbeit, sondern Bedingungen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten weiterentwickeln und so einsetzen können, dass daraus mehr Produktivität, mehr Wertschöpfung und ein höherer, breiter tragfähiger Wohlstand entstehen können.

Quellen und Originale