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Buch & Wirkung

Männer, die die Welt verbrennen: Wenn Verzögerung ein Geschäftsmodell ist

Christian Stöcker fragt, wer am fossilen Zeitalter verdient und seinen Abschied verzögert. Für die Wirkungsökonomie führt das zu einer unbequemen Frage: Warum kann sich ein Geschäft lohnen, obwohl seine Folgen die Gesellschaft ärmer machen?

Ein Unternehmen verkauft einen Brennstoff. Der Erlös steht in seiner Bilanz. Die Behandlungskosten verschmutzter Luft, ein Teil der Klimaschäden und die Anpassung an steigende Risiken stehen woanders. Bei Menschen, öffentlichen Haushalten und kommenden Generationen. Das ist zunächst eine vereinfachte Veranschaulichung. Aber sie zeigt, warum ein gutes Geschäft nicht automatisch gute Wertschöpfung für die Gesellschaft bedeutet.

Genau an dieser Trennung setzt die Frage an, die Christian Stöckers Buch für „Buch & Wirkung“ interessant macht: Was passiert, wenn diejenigen, die an einer schädlichen Entwicklung verdienen, zugleich Einfluss auf die Regeln und ihre öffentliche Deutung nehmen können?

Zur Textgrundlage: Diese Besprechung prüft die öffentlich zugängliche Grundthese anhand der Verlagsangaben, des Inhaltsverzeichnisses und der bei der Bundeszentrale für politische Bildung verfügbaren Leseprobe. Sie ergänzt diese um eigenständig herangezogene Fachquellen. Ein vollständiger Buchtext lag nicht vor. Deshalb beansprucht sie weder eine Gesamtprüfung aller Buchbelege noch ein Urteil über jedes Kapitel oder die Überarbeitung der Taschenbuchausgabe von 2025.

Nicht fehlendes Wissen, sondern entgegenstehende Interessen

Stöcker rückt Unternehmen, politische Macht und öffentliche Kommunikation ins Zentrum. Seine These: Fossile Einnahmen schaffen ein Interesse daran, den Ausstieg hinauszuschieben; Einfluss auf Politik und Debatten kann dieses Interesse absichern. Bereits die Einleitung grenzt das von der Vorstellung einer einzigen geheimen Weltsteuerung ab. Im Inhaltsverzeichnis folgen auf die wirtschaftlichen Profiteure die Leugnung und Verzögerung, Identitätsfragen, Medienmacht und schließlich erneuerbare Energien. Leseprobe, Buchseiten 9-21 und Inhaltsverzeichnis

Das ist ein nützlicher Perspektivwechsel. Die Frage lautet nicht mehr nur: Warum verstehen Menschen die Klimakrise nicht? Sondern auch: Wer kann vom Fortbestand fossiler Abhängigkeiten profitieren, obwohl deren Schäden bekannt sind?

Allerdings ist ein Interesse noch kein Beweis für eine konkrete Einflussnahme. Ein Gewinn belegt keine gekaufte Entscheidung. Eine ähnliche Position belegt keine Absprache. Eine belastbare Analyse muss die Verbindung zwischen Geld, Handlung, Entscheidung und Folge nachweisen. Sonst ersetzt sie die Erklärung durch eine Verdächtigung.

Ein Fall, in dem der Widerspruch dokumentiert ist

Wie konkret die Wissensfrage werden kann, zeigt eine Untersuchung von Geoffrey Supran, Stefan Rahmstorf und Naomi Oreskes aus dem Jahr 2023. Sie werteten die zwischen 1977 und 2003 von Exxon beziehungsweise ExxonMobil dokumentierten Klimaprojektionen systematisch aus. Die Forschenden fanden überwiegend zutreffende Erwärmungsprojektionen, während öffentliche Aussagen des Unternehmens den eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprachen. PIK zur Studie in Science

Das ist mehr als der pauschale Vorwurf, eine Branche habe es besser wissen können. Hier stehen interne Erkenntnisse und öffentliche Kommunikation als untersuchbare Dokumente nebeneinander. Die Studie beziffert damit aber nicht, wie viele zusätzliche Emissionen eine einzelne Äußerung verursacht hat. Der Widerspruch ist belegt; seine gesamte gesellschaftliche Wirkung ist eine weitergehende Forschungsfrage.

Für die Einordnung ist diese Trennung entscheidend: Unvollständig bezifferte Folgen machen dokumentierte Irreführung nicht belanglos. Sie erlauben aber auch keine beliebige Schadenszurechnung.

Die Rechnung endet nicht an der Unternehmensgrenze

Die Leseprobe verweist auf die große Subventionsschätzung eines IWF-Arbeitspapiers von 2023. Gerade solche Zahlen brauchen eine saubere Übersetzung: Die für 2022 geschätzten sieben Billionen US-Dollar waren nicht sieben Billionen direkte Überweisungen an Energiekonzerne. Nur 18 Prozent entfielen nach der verwendeten Definition auf explizite Subventionen. Der größere Teil bestand aus nicht eingepreisten Umweltkosten und entgangenen Verbrauchsteuern. IWF-Arbeitspapier 2023/169

Auch die spätere Untersuchung von 2025 trennt beides: Für 2024 nennt sie rund 725 Milliarden US-Dollar explizite und 6,7 Billionen US-Dollar implizite Subventionen. Das sind modellgestützte Bewertungen nach dieser Methodik, keine identischen Haushaltsposten. Die neueren Zahlen sind eine Ergänzung dieser Besprechung, keine dem Buch nachträglich zugeschriebene Aussage. IWF-Arbeitspapier 2025/270

Der wirkungsökonomische Punkt braucht keine ungenaue Milliardendramaturgie. Wenn Kosten außerhalb der Geschäftsrechnung anfallen, kann ein Preis günstig erscheinen, obwohl die Bereitstellung gesellschaftlich teuer ist. Die Rechnung verschwindet nicht. Andere bezahlen sie, zum Teil später und an einem anderen Ort.

Verzögerung braucht keine offene Klimaleugnung

Man kann die Erderwärmung anerkennen und wirksames Handeln trotzdem aufschieben. Die Forschung zu „Discourses of climate delay“ beschreibt unter anderem das Verschieben von Verantwortung, unzureichende Ersatzlösungen, die einseitige Betonung von Nachteilen des Klimaschutzes und die Darstellung von Veränderung als aussichtslos. Die Autoren betonen zugleich: Soziale Sorgen sind legitim; ihre Typologie misst weder die Häufigkeit jedes Arguments noch dessen konkrete Wirkung auf Menschen und Politik. Lamb und Mitautoren, 2020

Ein konstruiertes Beispiel macht die Unterscheidung greifbar. „Eine neue Heizung ist für diesen Haushalt nicht bezahlbar“ benennt ein Problem, das gelöst werden muss. „Deshalb dürfen wir das Heizsystem grundsätzlich nicht verändern“ macht aus dem Problem eine dauerhafte Blockade. Dazwischen liegen Finanzierung, soziale Absicherung, geeignete Technik und ein realistischer Zeitplan.

Nicht jede Kritik am Umbau ist Verzögerungspolitik. Der Prüfstein ist, ob ein Einwand zu einer tragfähigeren Lösung führt oder die ungelöste Schwierigkeit immer wieder als Grund dient, gar nichts zu verändern.

Der mögliche Kreislauf hinter der Verzögerung

Die folgende Grafik beschreibt ein zu prüfendes Zusammenspiel. Sie unterstellt weder jedem Unternehmen dieselbe Strategie noch jeder politischen Entscheidung eine fossile Steuerung.

Wie sich fossile Abhängigkeit selbst verstärken kann

Bedingter Wirkpfad: Wirtschaftliche Interessen werden erst durch konkrete Handlungen und Entscheidungen gesellschaftlich wirksam.

Zusammenhang auf einen Blick
  1. Einnahmen aus fossilen Geschäftsmodellen
  2. Mittel und Anreize für politische oder kommunikative Einflussnahme
  3. Mögliche Verzögerung wirksamer Umstellung
  4. Längere Nutzung oder neue Bindung an fossile Anlagen
  5. Fortbestehende Absatzmöglichkeiten und Interessen am Erhalt
  6. Rückkopplung zu Einnahmen aus fossilen Geschäftsmodellen

Die Pfeile zeigen den im Text beschriebenen Zusammenhang. Bedingungen und Belegstatus stehen in der zugehörigen Einordnung; die Grafik ist kein zusätzlicher Wirkungsnachweis.

Gegenpfad

Zusammenhang auf einen Blick
  1. Finanzierung, Aussagen und Entscheidungen transparent prüfen
  2. Schutzgrenzen und tatsächliche Folgekosten berücksichtigen
  3. Tragfähige Alternativen und soziale Übergänge organisieren
  4. Ergebnisse prüfen und Fehlsteuerung korrigieren

Die Pfeile zeigen den im Text beschriebenen Zusammenhang. Bedingungen und Belegstatus stehen in der zugehörigen Einordnung; die Grafik ist kein zusätzlicher Wirkungsnachweis.

Konzeptionelles Wirkungsmodell, keine empirische Kausalitätsmessung. Die verstärkende Rückkopplung ist kein positives Werturteil. Einfluss, Entscheidung und Folge müssen im Einzelfall belegt werden; die Gegenmaßnahmen sind Prüf- und Gestaltungsansätze, keine bereits nachgewiesene Gegenwirkung.

Warum zählt dabei die Zeit? Der IPCC beschreibt, dass verzögerter Klimaschutz emissionsintensive Infrastruktur verfestigt und spätere Umstellungen erschwert. Auch Investitionen, die vorzeitig an Wert verlieren, sowie steigende Kosten und Schäden gehören zu den Risiken. Neue Anlagen sind deshalb nicht nur heutige Ausgaben. Ihre Laufzeiten beeinflussen künftige Handlungsmöglichkeiten. IPCC-Synthesebericht 2023, Abschnitt C.2

Das lässt sich als gekoppelte Folge betrachten: Zuerst bleibt eine emissionsintensive Nutzung länger bestehen. Danach können zusätzliche Anpassungs- und Umstellungslasten entstehen. Auf einer weiteren Ebene kann die Verteidigung der gebundenen Investitionen neue Veränderung erschweren. Nicht jede Stufe folgt zwangsläufig; ihre Stärke hängt von Technik, Regeln, Nachfrage und verfügbaren Alternativen ab.

Was dabei für Mensch, Planet und Demokratie auf dem Spiel steht

Der Vergleichsmaßstab ist nicht eine Welt ohne Energieversorgung. Es ist eine verlässlich versorgte Gesellschaft, die fossile Abhängigkeiten früher durch geeignete, emissionsärmere Lösungen ersetzt. Ob eine konkrete Alternative diesem Anspruch genügt, muss einschließlich Netzen, Speichern, Ressourcenbedarf und sozialer Zugänglichkeit geprüft werden.

BereichZu prüfendes RisikoBedingung und Beleggrenze
MenschMehr Gesundheitsbelastungen und später höhere Anpassungslasten gegenüber einer früheren wirksamen EmissionsminderungNegativer Pfad, wenn vermeidbare Emissionen fortbestehen. Allgemeiner Zusammenhang fachlich gestützt; kein individueller Schaden wird hier einem Buchakteur zugerechnet.
PlanetHöhere kumulierte Emissionen und wachsende Belastung von ÖkosystemenNegativer Pfad bei tatsächlicher Verzögerung wirksamer Minderung. Deren Umfang ist fallbezogen zu ermitteln.
DemokratieSchlechtere Bedingungen für informierte Entscheidungen und wirksame KontrolleNegativer institutioneller Risikopfad, wenn belegte Irreführung oder verdeckte Einflussnahme Entscheidungen beeinträchtigt. Keine pauschale Demokratieschadensmessung für eine ganze Branche.

Die ersten beiden Pfade stützen sich auf die Klima- und Kostenforschung; der dritte ist die hier daraus entwickelte institutionelle Prüffrage, gestützt auf den dokumentierten Kommunikationskonflikt. Ein Buch kann solche Fragen sichtbar machen. Ob es Einstellungen oder Entscheidungen verändert, ist damit noch nicht nachgewiesen. Aufmerksamkeit ist nicht schon Wirkung.

Was der starke Titel nicht ersetzen kann

Der Titel benennt Verantwortung sehr zugespitzt. Für eine Wirkungsanalyse reicht die Personalisierung allein nicht. Auch nach einem Wechsel einzelner Führungspersonen können Regeln, Anlagen, Finanzierungen und Abhängigkeiten fortbestehen. Umgekehrt lässt sich individuelles Handeln nicht allein aus der Branchenzugehörigkeit ableiten.

Die produktive Frage ist deshalb: Welche Entscheidungen halten eine schädliche Struktur aufrecht, welche Interessen tragen sie, und wo lässt sie sich ändern? Dazu gehört auch, vermeintliche Lösungen zu prüfen. Ein erneuerbares Projekt wird nicht durch sein Etikett folgenlos. Rohstoffbedarf, Eingriffe vor Ort, Arbeitsbedingungen und Versorgungssicherheit gehören in den Vergleich. Das rechtfertigt keinen fossilen Stillstand, sondern verlangt einen besseren Umbau.

Dabei braucht es Schutzgrenzen statt bloßer Verrechnung: Nichtkompensation bedeutet, schwere Verletzungen von Grundrechten oder ökologischen Schutzgrenzen nicht mit Gewinnen an anderer Stelle aufzurechnen. Für die anschließende Priorisierung fragt die WÖk mit der Reverse Merit Order zuerst nach den schwerwiegendsten vermeidbaren negativen Wirkungen und ihren Ursachen. Eine moralische Rangliste von Menschen entsteht daraus nicht.

Natalie Weber

Meine Einordnung

Mich überzeugt an der zugänglichen Grundthese vor allem, dass sie die Klimadebatte aus der bequemen Vorstellung herausholt, es fehle nur noch an der richtigen Erklärung. Wissen kann vorhanden sein, während die wirtschaftlichen Anreize weiterhin in die entgegengesetzte Richtung zeigen. Dann genügt es nicht, dieselben Fakten noch einmal lauter zu sagen.

Ich würde Stöckers Ansatz deshalb als Ausgangspunkt für eine Prüfung von Macht und Geschäftsmodellen nutzen, nicht als Ersatz für die Belege im Einzelfall. Gerade ein scharfer Befund wird stärker, wenn er zwischen dokumentierter Einflussnahme, plausibler Folge und offener Frage unterscheidet. Die Schärfe gehört in die Schlussfolgerung, nicht in das Überspringen der Beweiskette.

Für mich führt das zu einer einfachen Anforderung: Ein Unternehmen darf seinen Erfolg nicht allein daran messen, was nach Abzug seiner eigenen Kosten übrig bleibt. Es muss sich auch daran messen lassen, welche Zustände sein Geschäft für andere verändert. Und Politik muss Regeln so gestalten, dass die Bewahrung eines schädlichen Geschäftsmodells nicht länger wirtschaftlich attraktiver bleibt als dessen Überwindung.

Ein Geschäft ist nicht deshalb gute Wertschöpfung, weil der Gewinn privat sichtbar ist und die Schäden anderswo anfallen.

Das Buch

Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Ullstein, Hardcover, erschienen am 14. März 2024, 336 Seiten, ISBN 978-3-550-20282-7. Offizielle Buchseite

Seit dem 30. Mai 2025 gibt es eine laut Verlag vollständig aktualisierte Taschenbuchausgabe mit 352 Seiten, ISBN 978-3-548-07040-7. Die hier geprüfte Leseprobe stammt aus der ursprünglichen Ausgabe; beide Textstände werden nicht gleichgesetzt. Taschenbuch beim Verlag

Quellen

Buchthesen, unabhängige Fachbefunde und persönliche Bewertung sind getrennt. Die Grafik ist eine konzeptionelle WÖk-Einordnung. Sie enthält keine Personen-Scores und behauptet weder gemessene Buchwirkung noch einen Nachweis sämtlicher dargestellter Verbindungen.

Quellen und Originale