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Nachgehört: Eine Partei wirkt lange bevor sie regiert

Lanz und Precht sprechen über Gramsci, kulturelle Hegemonie und den Aufstieg der AfD. Der entscheidende Punkt liegt davor: Politische Wirkung beginnt nicht erst mit Ministerien und Gesetzen, sondern dort, wo sich Wahrnehmung, Sprache und gesellschaftliche Normalität verändern.

Persönliche Meinung und wirkungsökonomische Analyse

Nachgehört: Eine Partei wirkt lange bevor sie regiert

Die Folge „AfD: Auf dem Weg zur blauen Hegemonie?“ von Lanz + Precht stellt eine Frage, die weit über Wahlergebnisse hinausgeht: Wie wird eine politische Kraft gesellschaftlich führend, bevor sie staatliche Macht übernimmt?

Richard David Precht greift dafür Antonio Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie auf. Seine Kernaussage: Politische Macht entsteht nicht ausschließlich durch Parlamente. Wer Vorstellungen davon prägt, was normal, plausibel und sagbar erscheint, verändert bereits den gesellschaftlichen Raum, in dem spätere politische Entscheidungen getroffen werden. Markus Lanz verbindet diesen Gedanken insbesondere mit dem Auftreten rechter Akteure in sozialen Medien und im politischen Vorfeld.

Dieser Grundgedanke ist wichtig. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt für Teile der Neuen Rechten tatsächlich eine Strategie der Metapolitik: gesellschaftliche Deutungen sollen im vorpolitischen Raum beeinflusst und eigene Positionen in öffentlichen Debatten verankert werden. Das ist zunächst eine Beschreibung einer politischen Strategie - noch kein Nachweis dafür, dass jede konkrete Kommunikation auch die behauptete Wirkung erzielt.

Demografie und Wahlverhalten: Befund und Grenzen

Interessant ist in der Folge auch die Verbindung zur Demografie Sachsen-Anhalts. Precht beschreibt Schrumpfung, Alterung und das Gefühl leerer werdender Orte als gesellschaftlichen Hintergrund. Der demografische Befund selbst ist real: Das Statistische Landesamt prognostiziert von 2022 bis 2040 einen Rückgang der Bevölkerung Sachsen-Anhalts von rund 2,15 auf 1,83 Millionen Menschen. Gleichzeitig erwartet es ein erhebliches Geburtendefizit, das durch Wanderungsgewinne nicht ausgeglichen wird.

Aber daraus folgt nicht automatisch eine bestimmte Wahlentscheidung. Demografie schafft Bedingungen. Sie erklärt nicht allein politische Präferenzen. Zwischen leerer werdenden Orten und einem Kreuz auf dem Wahlzettel liegen Erfahrungen mit Infrastruktur, Arbeit, Repräsentation, Zugehörigkeit, Parteien, Medien und persönlichem Umfeld. Wer diese Kette überspringt, verwechselt Kontext mit Ursache.

Dasselbe gilt für junge Männer und die AfD. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD tatsächlich deutlich mehr Stimmen von Männern als von Frauen. Die Bundeswahlleiterin weist für die AfD bei Männern einen um 8,5 Prozentpunkte höheren Stimmenanteil als bei Frauen aus. Das ist ein beobachteter Wahlbefund. Warum einzelne Menschen so wählen, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Soziale Medien können dabei eine Rolle spielen - aber auch hier braucht es für konkrete Wirkungsbehauptungen eigene Evidenz.

Wirkungsökonomisch weitergedacht

Genau hier würde ich wirkungsökonomisch einen Schritt weitergehen: Eine Partei wirkt lange bevor sie regiert.

Wir schauen bei Parteien häufig erst auf die erste Wirkungsordnung: Wie viele Stimmen bekommen sie? Welche Sitze? Welche Gesetze können sie verabschieden? Doch gesellschaftliche Wirkung beginnt früher.

Die zweite Ordnung betrifft den Resonanzraum. Welche Themen bestimmen Gespräche? Welche Begriffe werden ständig wiederholt? Welche Gruppen werden als Problem beschrieben? Welche Antworten erscheinen plötzlich selbstverständlich? Eine einzelne Rede, ein Video oder ein Influencerpost verändert noch keine Gesellschaft. Aber Wiederholung, Reichweite, soziale Zugehörigkeit und Anschlusskommunikation können einen Resonanzraum schaffen, in dem bestimmte Deutungen häufiger verfügbar werden.

Die dritte Ordnung ist noch wichtiger: Was verändert sich an gesellschaftlichen Entscheidungsstrukturen, weil sich dieser Resonanzraum verschoben hat? Andere Parteien übernehmen Themen oder Sprache. Medien verändern ihre Auswahl und Fragestellungen. Menschen organisieren sich anders. Kandidaten werden gewählt, weil ihre Positionen inzwischen weniger randständig erscheinen. Erst hier entsteht aus Kommunikation potenziell politische Strukturwirkung.

Das ist kein Automatismus. Resonanz ist noch keine Zustimmung, Sichtbarkeit noch keine Hegemonie und ein virales Video noch keine empirisch nachgewiesene Einstellungsänderung. Gerade deshalb sollte man bei Begriffen wie „kulturelle Hegemonie“ vorsichtig sein. Sie sind analytisch hilfreich, dürfen aber nicht zum Ersatz für Wirkungsmessung werden.

Vom Resonanzraum zur möglichen Strukturwirkung

Die Übersicht ist ein bedingtes Wirkungsmodell. Sie belegt keine Wirkung der konkreten Folge und keine bereits erreichte Hegemonie.

StufeMöglicher ÜbergangWas dafür belegt werden müsste
KommunikationAussagen erreichen andere Menschen.Tatsächliche Rezeption statt bloßer Veröffentlichungszahl.
ResonanzDeutungen werden aufgegriffen und wiederholt.Welche Akteure sie in welchem Zusammenhang übernehmen.
EntscheidungenÜbernommene Deutungen beeinflussen Handlungen.Beobachtbare Entscheidung und tragfähiger Zusammenhang.
StrukturenWiederholte Entscheidungen verändern Regeln oder Machtoptionen.Dauerhafte Zustandsänderung gegenüber einem benannten Vergleich.
Natalie Weber mit Kopfhörern und Smartphone am Tisch

Meine Einordnung

Für mich liegt deshalb der stärkste Gedanke dieser Folge nicht in der Behauptung, die AfD habe bereits eine vollständige kulturelle Hegemonie erreicht. Das wäre empirisch viel zu groß. Interessanter ist die Warnung vor einem analytischen Fehler: Wir betrachten Parteien häufig erst dann als wirksam, wenn sie regieren.

Das ist zu spät.

Politische Wirkung kann vorher beginnen: wenn sich Sprache verschiebt, wenn gesellschaftliche Zugehörigkeit neu organisiert wird, wenn ein Milieu dauerhaft Präsenz schafft und wenn andere Akteure anfangen, innerhalb seines Deutungsrahmens zu reagieren.

Dabei gilt wirkungsökonomisch eine wichtige Grenze. Demokratische Schutzräume lassen sich nicht einfach gegen andere Vorteile verrechnen. Wenn ein politischer Prozess beispielsweise tatsächlich Grundrechte, unabhängige Institutionen oder gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt, wäre ein wirtschaftlicher oder organisatorischer Nutzen kein automatischer Ausgleich. Das ist Nichtkompensation: Manche Schäden müssen zuerst verhindert werden, bevor wir über den übrigen Saldo sprechen.

Deshalb sollten wir auch politische Kommunikation nicht nur fragen: Was wurde gesagt? Sondern: Wer greift es auf? Welche Deutung wird normaler? Welche Handlungsmöglichkeiten entstehen daraus? Und lässt sich diese Veränderung tatsächlich beobachten?

Gramsci liefert dafür einen Gedankenrahmen. Die Wirkungsökonomie ergänzt die entscheidende Prüffrage:

Aus Resonanz wird erst dann belegte Wirkung, wenn sich ein Zustand verändert. Aber wer nur auf Wahltage und Regierungsämter schaut, sieht einen großen Teil der politischen Wirkung überhaupt nicht.

Quellen und Originale