Nachgehört
Nachgehört: Was Europa von Chinas Industriepolitik lernen kann - und was nicht
Janka Oertel über industrielle Abhängigkeiten, Biomanufacturing und die Frage, wie Europa handlungsfähig bleibt, ohne demokratische Schutzgrenzen aufzugeben
Der konkrete Anlass
Ein Satz aus dem Gespräch bleibt hängen: Europa kann sich nicht einfach kleiner machen, damit der Sturm vorbeizieht. Die Welt wird Europa nicht ignorieren. Genau deshalb geht es in dieser Folge von „NEU DENKEN“ nicht nur um China, Wettbewerb oder neue Technologien. Es geht um die Frage, welche industriellen Fähigkeiten Staaten behalten müssen, wenn Versorgungssicherheit, Klimaschutz und demokratische Selbstbestimmung zusammen gedacht werden sollen.
Maria Göppel spricht mit Janka Oertel, Distinguished Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations und China-Expertin. Das Gespräch wurde am 20. Oktober 2026 veröffentlicht und dauert 67 Minuten. Der Podcast stellt zunächst die geopolitische Ausgangslage vor: China investiert strategisch in Zukunftstechnologien, die USA fördern eigene Schlüsselbranchen, und Europa droht bei der industriellen Skalierung zurückzufallen. Oertel beschreibt China dabei nicht als Vorbild für das gesamte politische System, sondern als „Schrittmacher“ bei industriellen Entwicklungen.
Das Originalargument
Oertels zentrale These lautet: China hat in Bereichen wie Elektromobilität, erneuerbaren Energien und künftig möglicherweise auch der Biotechnologie nicht nur einzelne Produkte gefördert. Die chinesische Führung habe ganze Ökosysteme aufgebaut - von Ausbildung und Forschung über Infrastruktur und Finanzierung bis zum fertigen Produkt und dessen Export. Diese Verbindung von politischem Ziel und vielen aufeinander abgestimmten Instrumenten sei ein wesentlicher Grund dafür, dass China in bestimmten Zukunftsmärkten schnell skalieren konnte.
Die Gesprächspartnerin betont zugleich, dass diese Strategie nicht allein aus Klimaschutzmotiven entstanden sei. China wollte fossile Abhängigkeiten verringern, Versorgungssicherheit erhöhen, industrielle Stärke aufbauen und außenpolitische Hebel gewinnen. Umwelt- und Klimapolitik erscheinen in dieser Darstellung deshalb als Teil einer umfassenderen Sicherheits- und Industriestrategie. Oertel verweist darauf, dass saubere Luft, sauberes Wasser und geringere Abhängigkeiten auch innenpolitisch stabilisierend wirken können. Diese Aussage ist im Gespräch eine analytische Einordnung der Gästin, kein unabhängig belegter Kausalitätsnachweis für alle genannten Fälle.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem europäischen Umgang mit dieser Herausforderung. Oertel kritisiert einen „Zickzackkurs“, der Investitionsentscheidungen erschwere. Europa könne zwar einzelne Maßnahmen aus dem Draghi-Bericht aufgreifen, verliere aber den Zusammenhang, wenn Kapitalmarktunion, Energieunion, Forschung, Skalierung, Marktzugang und Schutz gegen strategische Abhängigkeiten nicht gemeinsam verfolgt würden. Der Draghi-Bericht wurde im September 2024 im Auftrag der Europäischen Kommission vorgelegt und verbindet Wettbewerbsfähigkeit mit Innovation, Dekarbonisierung und der Verringerung strategischer Abhängigkeiten. (commission.europa.eu)
Biomanufacturing: der schwer sichtbare nächste Industriekonflikt
Besonders anschaulich wird das Gespräch beim Thema Biomanufacturing. Gemeint sind biologische Produktionsverfahren, mit denen Lebensmittel, Chemikalien, Materialien, Medikamente oder Treibstoffe hergestellt werden können. Oertel erklärt den Unterschied zur klassischen chemischen Produktion anhand des Produktionsprozesses: In einem biologischen System arbeiten Mikroorganismen, deren Verhalten schwerer stabil zu halten ist. Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, erneuerbarer Energie und Prozesssteuerung könnten jedoch dazu beitragen, solche Verfahren besser zu skalieren.
Die von Oertel und Nina Schmelzer veröffentlichte ECFR-Studie beschreibt Biomanufacturing als möglichen neuen Produktionsbereich für Lebensmittel, Treibstoffe, Chemikalien und Materialien. Sie argumentiert außerdem, dass China diesen Bereich als strategische Technologie für Resilienz und Selbstversorgung behandelt und dafür Industriepolitik, Infrastruktur, Regulierung und Investitionen verbindet. (ecfr.eu)
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen hochwertigen Spezialprodukten und billigen Grundstoffen. Ein individuell zugeschnittenes Medikament kann hohe Preise erzielen. Ein Grundstoff für Dünger oder industrielle Massenproduktion muss dagegen gegen fossile oder bereits etablierte Alternativen bestehen. Oertels Warnung richtet sich deshalb nicht nur auf die Frage, welches Produkt am Ende erfolgreich ist. Entscheidend sei, wer die Produktionsprozesse, Tanks, Anlagen, Vorprodukte und Skalierungskapazitäten kontrolliert.
Der Wirkpfad lässt sich - unter den im Gespräch genannten Bedingungen - so zusammenfassen:
- Strategische Priorität
- Forschung, Infrastruktur und Finanzierung werden gebündelt
- biologische Produktionsverfahren erreichen industrielle Größenordnung
- Abhängigkeiten bei Grundstoffen und Vorprodukten verschieben sich
- Europas Versorgungssicherheit und regulatorischer Handlungsspielraum verändern sich.
Die Pfeile zeigen den im Text beschriebenen Zusammenhang. Bedingungen und Belegstatus stehen in der zugehörigen Einordnung; die Grafik ist kein zusätzlicher Wirkungsnachweis.
Das ist ein bedingter Wirkpfad, keine bereits vollständig eingetretene Wirkung. Die Studie belegt die strategische Einordnung des Themas und benennt vorhandene europäische Kapazitäten. Ob und wann daraus eine dominante chinesische Stellung in einzelnen Märkten entsteht, bleibt offen.
Was an der Analyse trägt
Die Stärke des Gesprächs liegt in der Verbindung von Industrie-, Klima- und Sicherheitspolitik. Es bleibt nicht bei der Frage, ob eine Technologie „grün“ ist. Stattdessen wird gefragt, welche Rohstoffe und Produktionsschritte sie benötigt, wo diese Kapazitäten liegen, wer Standards setzt und welche Abhängigkeiten dadurch entstehen können.
Für den Menschen bedeutet das zunächst ein Potenzial: resilientere Lieferketten können die Verfügbarkeit von Medikamenten, Lebensmitteln, Energie und industriellen Vorprodukten verbessern. Davon profitieren besonders Menschen, die bei Engpässen oder steigenden Preisen wenig ausweichen können. Gleichzeitig können neue Abhängigkeiten entstehen - etwa wenn Europa fossile Lieferketten durch eine einseitige Abhängigkeit von chinesischer Technologie, Infrastruktur oder biologischen Grundstoffen ersetzt.
Für den Planeten liegt ein mögliches positives Potenzial in der Verringerung fossiler Inputs, effizienteren Produktionsverfahren und einer geringeren Flächen- oder Rohstoffintensität. Dieses Potenzial ist aber an Bedingungen geknüpft: Die Energie muss tatsächlich emissionsarm sein, biologische Verfahren dürfen nicht nur zusätzliche Nachfrage nach Ressourcen erzeugen, und Risiken für Biodiversität, Gesundheit und Landwirtschaft brauchen wirksame Schutzgrenzen. Im Gespräch werden diese Fragen angesprochen, aber nicht empirisch für einzelne Verfahren beantwortet.
Für die Demokratie ist die industrielle Basis nicht nur eine Wohlstandsfrage. Wer keine eigenen Kapazitäten in strategischen Technologien besitzt, kann Regeln und Standards schwerer mitgestalten. Das ist ein plausibler institutioneller Wirkpfad. Er bedeutet jedoch nicht, dass jede staatliche Förderung automatisch demokratisch positiv wirkt. Auch öffentliche Investitionen brauchen Transparenz, Kontrolle, Wettbewerb und Schutz vor Machtkonzentration.
Wo die Quellenprüfung Grenzen zeigt
Das Gespräch ist ein journalistisches Interview. Es enthält überprüfbare Hinweise, aber auch Einschätzungen, zugespitzte Beispiele und Prognosen. Aussagen zu chinesischen Marktanteilen, Sozialabgaben, Verschuldung, Genehmigungszeiten, einzelnen Unternehmensstandorten oder der angeblich vollständigen Zielerreichung von „Made in China 2025“ sollten nicht als gesicherte Tatsachen aus dem Gespräch übernommen werden, ohne jeweils eine eigene amtliche oder wissenschaftliche Quelle heranzuziehen.
Auch die Aussage, China sei bei bestimmten Technologien bereits klar führend, muss nach Technologie, Messgröße und Zeitraum differenziert werden. Forschung, Patente, Pilotanlagen, industrielle Produktionskapazität, Exportvolumen und Marktanteile sind nicht dasselbe. Die ECFR-Studie stützt die strategische Relevanz von Biomanufacturing und verweist auf europäische Kapazitäten. Sie ersetzt aber keine vollständige Markt- oder Wirkungsbilanz.
Die Folge belegt deshalb vor allem ein Argumentationsangebot: Europa soll industrielle Zukunft nicht als Abfolge einzelner Produkte behandeln, sondern als System aus Forschung, Energie, Kapital, Regulierung, Infrastruktur, Nachfrage und demokratischer Kontrolle. Die beobachtete Wirkung der Folge selbst - etwa ihre Reichweite oder politische Resonanz - ist nicht belegt und wird hier nicht behauptet.
Quellen und Originale
- Mission Wertvoll: Industrie NEU DENKEN mit Janka Oertel - NEU DENKEN - Podcast
- Mission Wertvoll / Podigee: Offizielles Transkript: Industrie NEU DENKEN mit Janka Oertel
- European Council on Foreign Relations: The future is fermented: How Europe can succeed in the next industrial race
- European Commission: The Draghi report on EU competitiveness
- European Commission: The future of European competitiveness - Part A
