Buch & Wirkung
Grundlagenbuch
Werte: Was zählt – und warum unsere Wirtschaft trotzdem anderes misst
Maja Göpel zeigt, dass Werte nicht nur moralische Begriffe sind. Sie stecken in Kennzahlen, Bilanzen, Bürokratie, Wohlstandsdefinitionen und den Regeln des Wettbewerbs. Genau hier beginnt Wirkungsökonomie.
Dieser Beitrag verbindet recherchierte Fakten mit wirkungswissenschaftlicher Analyse und persönlicher Einordnung. Tatsachenbehauptungen sind belegt; Bewertungen geben die Einschätzung der Autorin wieder.
Inhalt der Buchbesprechung
- Worum geht es?
- Der wichtigste Satz steht für mich zwischen den Zeilen
- Genau hier trennt sich Moral von Funktion
- Das BIP-Problem ist kein akademischer Nebenschauplatz
- Das Kapitel über Bilanzierung ist für mich das wirtschaftspolitische Herzstück
- Überraschend wichtig: Göpels Blick auf Bürokratie
- Kooperation: Vielleicht sind wir gesellschaftlich weiter, als wir denken
- Wo ich Göpel widersprechen oder zumindest weitergehen würde
- Ein wichtiger Unterschied: Werte dürfen nicht zur moralischen Keule werden
- Meine Einordnung
- Das Buch
- Quellen und weiterführende Einordnung
- Redaktioneller Hinweis
Es gibt Bücher, bei denen ich beim Lesen denke: Das ist ziemlich genau die Frage, an der ich selbst arbeite – nur von einer anderen Seite her.
Werte. Ein Kompass für die Zukunft von Maja Göpel ist für mich so ein Buch.
Und deshalb würde ich es im Wirkungsticker nicht einfach als „interessantes Sachbuch“ führen. Für mich ist es ein Grundlagenbuch.
Nicht, weil Göpel darin die Wirkungsökonomie beschreibt. Das tut sie nicht. Sondern weil sie die Frage stellt, die vor jeder Wirkungssteuerung beantwortet werden muss:
Was zählt eigentlich?
Das klingt zunächst philosophisch. Ist es aber nur zum Teil.
Denn sobald wir eine Schulnote vergeben, einen Unternehmenswert bestimmen, das Bruttoinlandsprodukt berechnen, eine Investition rentabel nennen, einen Staat als wettbewerbsfähig bezeichnen oder Bürokratie als „zu teuer“ bewerten, haben wir längst entschieden, was zählt und was nicht.
Wirtschaft ist deshalb nie wertfrei.
Sie bewertet ständig.
Nur oft so routiniert, dass wir die Bewertung dahinter gar nicht mehr sehen.
Genau das legt Göpel frei.
Worum geht es?
Das Buch ist kompakt aufgebaut und folgt fünf großen Gedanken.
Erstens: Menschen wollen häufiger kooperieren, als wir glauben. Wir unterschätzen systematisch, wie viel Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln bei anderen vorhanden ist. Öffentliche Debatten, soziale Medien und politische Zuspitzungen können deshalb eine Gesellschaft egoistischer erscheinen lassen, als sie tatsächlich ist.
Zweitens: Wohlstand ist eine Frage des Maßstabs. Wenn unsere Leitindikatoren das Falsche messen, kann ein Land auf dem Papier wachsen und real gleichzeitig ärmer werden – etwa wenn Naturvermögen zerstört, Gesundheit beeinträchtigt, Infrastruktur verschlissen oder gesellschaftlicher Zusammenhalt beschädigt wird.
Drittens: Politik kann wirksam sein, wenn wir Staat und Bürokratie nicht nur nach „mehr“ oder „weniger“ beurteilen. Entscheidend ist, ob Regeln Probleme lösen und ob Institutionen lernfähig sind.
Viertens: Wettbewerbsfähigkeit hängt davon ab, wie wir bilanzieren. Wer Umweltzerstörung, soziale Folgekosten oder langfristige Risiken aus einer Rechnung heraushält, hat nicht neutral gerechnet. Er hat Kosten lediglich woanders hingeschoben.
Und fünftens: Göpel spricht über Anstand – also darüber, welche Umgangsformen und grundlegenden Normen eine Gesellschaft braucht, damit Kooperation überhaupt möglich bleibt.
Der Brandstätter Verlag fasst das selbst ungewöhnlich deutlich zusammen: Göpel fragt, warum in Leitindikatoren wie dem BIP ausgeblendet wird, was tatsächlich zählt, und beschreibt ausdrücklich eine wirkungsorientierte Politik als möglichen Weg aus typischen Lagerkämpfen.
Spätestens an dieser Stelle war für mich klar: Dieses Buch gehört in „Buch & Wirkung“.
Der wichtigste Satz steht für mich zwischen den Zeilen
Wir reden ständig über Werte.
Freiheit. Wohlstand. Sicherheit. Leistung. Gerechtigkeit. Verantwortung.
Aber wir tun häufig so, als sei damit bereits klar, was diese Worte konkret bedeuten.
Das ist ein Fehler.
Nehmen wir Freiheit.
Freiheit kann bedeuten: Niemand soll mir vorschreiben, welches Auto ich fahre.
Freiheit kann aber auch bedeuten: Ein Kind soll unabhängig vom Einkommen seiner Eltern gute Bildungschancen haben. Eine alte Frau soll ihre Wohnung im Sommer noch verlassen können, obwohl Hitzewellen zunehmen. Eine Familie soll nicht von einem fossilen Energiepreisschock wirtschaftlich ruiniert werden. Menschen sollen saubere Luft atmen können, ohne sich individuell davor schützen zu müssen.
Das Wort ist dasselbe.
Die Wirkung kann eine völlig andere sein.
Göpel macht genau diese Mehrdeutigkeit sichtbar. Im Gespräch über das Buch beschreibt sie Freiheit nicht nur als Abwesenheit von Eingriffen, sondern auch als reale Möglichkeit, das eigene Leben gestalten zu können. Dafür braucht es Chancengerechtigkeit, funktionsfähige Institutionen und erhaltene Lebensgrundlagen.
Das halte ich für zentral.
Denn politische Auseinandersetzungen wirken oft wie Wertekonflikte, obwohl sie eigentlich Wirkungskonflikte sind.
Fast niemand ist gegen Freiheit.
Fast niemand ist gegen Wohlstand.
Fast niemand ist gegen Sicherheit.
Wir streiten darüber, welche Regeln diese Werte unter realen Bedingungen tatsächlich hervorbringen.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Genau hier trennt sich Moral von Funktion
Das ist für mich der wichtigste Anschluss an die Wirkungsökonomie.
Wirkungsökonomie will nicht festlegen, was ein „guter Mensch“ zu denken hat.
Sie fragt auch nicht zuerst: Ist etwas moralisch richtig?
Sie fragt:
Was bewirkt es?
Wenn ein Produkt billig ist, weil seine Umwelt- und Gesundheitskosten nicht im Preis auftauchen, dann ist das nicht in erster Linie ein Moralproblem.
Es ist ein Informations- und Steuerungsproblem des Marktes.
Wenn ein Unternehmen Gewinne erzielt, während Schäden an Klima, Ressourcen, Gesundheit oder Gesellschaft von anderen getragen werden, dann ist der Gewinn nicht falsch.
Die Rechnung ist unvollständig.
Und wenn Politik Wachstum meldet, während Naturkapital, Infrastruktur oder gesellschaftliche Stabilität abgebaut werden, dann ist das BIP nicht „böse“.
Es misst schlicht etwas anderes als das, was wir umgangssprachlich Wohlstand nennen.
Genau deshalb ist Göpels Buch so hilfreich: Es zeigt, dass die scheinbar technische Welt aus Bilanzen, Kennzahlen und Zielgrößen längst voller Wertentscheidungen steckt.
Die Frage ist also nicht, ob wir bewerten.
Die Frage ist:
Was nehmen wir in die Rechnung hinein – und was lassen wir draußen?
Das BIP-Problem ist kein akademischer Nebenschauplatz
Über das Bruttoinlandsprodukt wird seit Jahrzehnten diskutiert. Dass es kein umfassender Wohlstandsindikator ist, ist keine neue Erkenntnis.
Trotzdem steuert es noch immer einen großen Teil unserer politischen Wahrnehmung.
Das hat Folgen.
Wenn eine Überschwemmung Häuser zerstört und anschließend milliardenschwere Wiederaufbauleistungen nötig werden, können wirtschaftliche Aktivitäten steigen. Der vorherige Verlust von Sicherheit, Vermögen und Lebensqualität erscheint darin aber nicht automatisch als negativer Wohlstandsposten.
Wenn Menschen krank werden und anschließend medizinische Leistungen benötigen, entsteht ökonomische Aktivität. Der Verlust an Gesundheit ist damit noch lange nicht als Wohlstandsverlust bilanziert.
Wenn natürliche Ressourcen schneller verbraucht werden, kann daraus kurzfristig Wertschöpfung entstehen. Die sinkende Verfügbarkeit für die Zukunft steht nicht zwangsläufig in derselben Rechnung.
Das ist der Kern dessen, was ich in der Wirkungsökonomie mit Vorgriffswohlstand beschreibe:
Wir können heute wohlhabend aussehen, indem wir Ressourcen verbrauchen, Schäden verschieben und Rechnungen an die Zukunft weiterreichen.
Das ist kein echter Wohlstandsgewinn.
Es ist ein Vorgriff.
Und irgendwann kommt die Rechnung zurück.
Göpel formuliert diese Kritik nicht mit meinem Begriff, aber sie arbeitet an derselben Sollbruchstelle: Wohlstand muss daran gemessen werden, was erhalten und ermöglicht wird – nicht nur daran, wie viel ökonomische Aktivität gerade stattfindet.
Das Kapitel über Bilanzierung ist für mich das wirtschaftspolitische Herzstück
Unternehmen handeln auf Basis von Zahlen.
Investitionen werden gerechnet. Risiken werden bewertet. Kapital wird zugeteilt. Produkte werden verglichen. Geschäftsmodelle werden skaliert oder eingestellt.
Deshalb ist die Frage, was in einer Bilanz erscheint, nicht bloß Buchhaltung.
Sie ist Steuerung.
Göpel fordert, Natur, Soziales und Menschlichkeit in unseren ökonomischen Bewertungen ernster zu nehmen.
Ich würde den Gedanken noch einen Schritt weiter zuspitzen:
Solange zwei Technologien denselben Markt betreten, obwohl die eine einen Teil ihrer realen Kosten auf die Allgemeinheit abwälzt, haben wir keine echte Technologieoffenheit.
Wir haben eine verzerrte Konkurrenz.
Ein Produkt, dessen Klimaschäden, Luftschadstoffe, Ressourcenverbrauch oder Gesundheitsfolgen außerhalb seines Preises bleiben, ist nicht automatisch effizienter als die Alternative.
Es sieht nur billiger aus.
Das ist ein fundamentaler Punkt der Wirkungsökonomie:
Marktwirtschaft funktioniert nur dann wirklich gut, wenn Preise möglichst viel von der relevanten Wirkung transportieren.
Nicht, weil der Staat den Gewinner bestimmen soll.
Sondern damit der Wettbewerb ihn bestimmen kann.
Das ist ein Unterschied, der in vielen heutigen Debatten verloren geht.
Überraschend wichtig: Göpels Blick auf Bürokratie
Ich mag an dem Buch, dass Göpel nicht in die einfache Falle „Staat gut“ gegen „Staat schlecht“ gerät.
Sie fragt funktional.
Eine Regel kann notwendig sein und trotzdem miserabel gebaut.
Eine Behörde kann unverzichtbar sein und trotzdem ineffizient arbeiten.
Bürokratieabbau kann Probleme lösen – oder Schutzmechanismen zerstören.
Mehr Regulierung kann Wirkung verbessern – oder lediglich zusätzliche Formulare erzeugen.
Das ist eine Denkweise, die ich für wesentlich halte.
Denn auch hier ist die übliche politische Debatte zu grob.
Viel Staat oder wenig Staat ist keine Wirkungskennzahl.
Die richtige Frage lautet:
Erfüllt eine Regel ihre Funktion zu vertretbaren Kosten – und welche Nebenwirkungen erzeugt sie?
In der Wirkungsökonomie würde ich deshalb nicht fragen, ob Regulierung „wirtschaftsfreundlich“ oder „wirtschaftsfeindlich“ ist.
Ich würde fragen:
Löst sie das Problem? Ist sie verständlich? Ist sie kontrollierbar? Ist sie technologieoffen im funktionalen Sinn? Sind ihre Kosten niedriger als die Schäden, die sie verhindert? Und lässt sie sich verbessern, wenn die Wirkung ausbleibt?
Das ist wesentlich nüchterner als viele politische Schlagworte.
Kooperation: Vielleicht sind wir gesellschaftlich weiter, als wir denken
Ein sehr kluger Teil des Buches betrifft das, was Sozialwissenschaften als pluralistische Ignoranz beschreiben: Menschen können privat ähnliche Einstellungen haben und trotzdem glauben, die Mehrheit denke anders.
Das ist politisch enorm relevant.
Wenn ich glaube, alle anderen seien egoistisch, kompromisslos und ausschließlich auf den eigenen Vorteil aus, werde ich mich selbst anders verhalten.
Ich sichere mich ab.
Ich kooperiere weniger.
Ich misstraue stärker.
Und irgendwann erschaffen wir gemeinsam genau die Gesellschaft, vor der wir uns ursprünglich gefürchtet haben.
Das ist wieder eine Rückkopplung.
Wahrnehmung verändert Verhalten. Verhalten verändert Realität. Realität bestätigt die Wahrnehmung.
Auch deshalb sind Kommunikation und Frames keine Nebensache.
Sie verändern reale Systeme.
Wo ich Göpel widersprechen oder zumindest weitergehen würde
Gerade weil mir das Buch so nah ist, sehe ich auch sehr deutlich, wo für mich der nächste Schritt beginnt.
Ein Kompass zeigt eine Richtung.
Er steuert aber noch kein System.
Zu wissen, dass Gesundheit, intakte Natur, Fairness, Sicherheit oder Chancengerechtigkeit wichtig sind, beantwortet noch nicht die Frage, wie wir bei Zielkonflikten entscheiden.
Wie viel zusätzliche Klimawirkung ist akzeptabel, wenn eine Maßnahme gleichzeitig Arbeitsplätze schafft?
Wie vergleichen wir kurzfristige soziale Kosten mit langfristigen Gesundheitsgewinnen?
Wie verhindern wir, dass jede politische Gruppe einfach ihre eigenen Werte zur Wirkung erklärt?
Und wie übersetzen wir abstrakte Ziele in Marktpreise, Steuern, Investitionsentscheidungen und kommunale Steuerung?
Hier braucht es Operationalisierung.
Messgrößen.
Wirkungsketten.
Bewertungsregeln.
Transparenz.
Regelmäßige Evaluation.
Und vor allem die Bereitschaft, eine Maßnahme wieder zu ändern, wenn ihre reale Wirkung nicht der beabsichtigten entspricht.
Das ist für mich die Brücke von Göpels Werte-Kompass zur Wirkungsökonomie als Steuerungsmodell.
Göpel fragt: Was zählt?
Wirkungsökonomie fragt anschließend:
Wie machen wir sichtbar, was davon durch eine konkrete wirtschaftliche oder politische Entscheidung tatsächlich besser oder schlechter wird?
Ein wichtiger Unterschied: Werte dürfen nicht zur moralischen Keule werden
Der Titel des Buches kann leicht missverstanden werden.
„Werte“ klingt schnell nach einer Debatte darüber, wer moralisch auf der richtigen Seite steht.
Gerade das wäre für mich die falsche Schlussfolgerung.
Wenn Nachhaltigkeit zur moralischen Identitätsfrage wird, verlieren wir Menschen, die dieselben funktionalen Ziele vielleicht aus ganz anderen Gründen unterstützen würden.
Saubere Luft kann für die eine Person Klimaschutz sein.
Für die andere Gesundheitspolitik.
Für eine dritte Standortpolitik.
Für eine vierte Unabhängigkeit von Energieimporten.
Das Ergebnis kann trotzdem dasselbe sein.
Wirkungsorientierte Politik muss deshalb unterschiedliche Begründungen aushalten können.
Sie braucht nicht dieselbe Moral.
Sie braucht überprüfbare Ziele und funktionierende Regeln.
Und genau deshalb gefällt mir an Göpels Ansatz, dass sie Werte stärker als gemeinsame Orientierung und weniger als Zugehörigkeit zu einem politischen Lager behandelt.
Quellen und weiterführende Einordnung
- Brandstätter Verlag, offizielle Buchseite und Kapitelübersicht: https://www.brandstaetterverlag.com/buch/werte/
- Maja Göpel, offizielle Buchübersicht: https://www.maja-goepel.de/buecher/
- SWR Kultur, Gespräch mit Maja Göpel zu „Werte“, 30.01.2025: https://www.swr.de/swrkultur/literatur/werte-ein-kompass-fuer-die-zukunft-neues-buch-von-maja-goepel-100.html
- SWR1 Leute, Gespräch über Werte und gesellschaftliche Zukunft, 28.01.2025: https://www.swr.de/swr1/leute/politoekonomin-maja-goepel-ueber-zukunft-der-gesellschaft-100.html
Redaktioneller Hinweis
„Buch & Wirkung“ ist ein manuell kuratiertes Format des Wirkungstickers. Die Beiträge werden nicht automatisiert erzeugt. Ausgangspunkt ist jeweils ein ausgewähltes Buch; im Mittelpunkt stehen Zusammenfassung, kritische Einordnung und die Frage, welche Wirkungsmechanismen für Mensch, Planet und Demokratie sichtbar werden.

