WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 4 von 31
1. Der Apfel und der Deich#
Eine naive Frage zum Einstieg: Wenn ein Sturm ein Dach abdeckt, wer bezahlt das eigentlich.
Die ehrliche Antwort lautet selten nur die Versicherung.
Stellen wir uns zwei Dinge nebeneinander. Einen Apfel und einen Deich. Der Apfel hat einen Preis. Man legt ihn auf die Waage, das Etikett zeigt eine Zahl, man bezahlt. Der Deich hat keinen Preis im Supermarktsinn. Er hat eine Wirkung. Solange er hält, merkt niemand, dass er da ist. Bricht er, merken es alle. Der Klimawandel ist eine Geschichte über Deiche, nicht über Äpfel. Es geht um Dinge, deren Wert man erst sieht, wenn sie fehlen. Die Wirkungsökonomie beginnt genau hier. Sie fragt nicht zuerst, was etwas kostet, sondern was dabei mitbezahlt wird. Ein günstiger Preis kann teuer sein, wenn er Schäden auslagert, die später jemand anderes trägt. Eine fossil befeuerte Kilowattstunde war jahrzehntelang billig, weil ihre Klimawirkung nicht im Preis stand. Sie stand trotzdem in der Welt. Sie sammelte sich in der Atmosphäre, in den Statistiken der Rückversicherer und am Ende in den Prämien, die heute steigen. Nichts davon war kostenlos. Es war nur unsichtbar. Ökonomen nennen das eine Externalität. Ein Effekt, der bei Dritten landet, ohne im Preis aufzutauchen.
Der Klimawandel ist die größte Externalität der Wirtschaftsgeschichte. Über zwei Jahrhunderte wurde Kohlenstoff verbrannt und der Schaden in die Zukunft verschoben. Diese Zukunft ist jetzt. Und das Bemerkenswerte ist nicht, dass die Wissenschaft das sagt. Das Bemerkenswerte ist, dass es inzwischen die Versicherer sagen, die Banken, die Notenbanken und die Aufsicht. Die nüchternsten Rechner der Wirtschaft holen die Externalität in ihre Bilanzen.
Dieses Dossier handelt von dieser Heimholung. Davon, wie ein physikalischer Befund, das Klima erwärmt sich, zu einem finanziellen Befund wird, Risiko muss neu bepreist werden. Und davon, was das konkret bedeutet, für einen Keller in Niederbayern, für ein Logistikzentrum am Rhein, für ein Ölfeld in der Nordsee und für ein Sparbuch, das in einem Aktienfonds steckt.
WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Ein Schaden ist ein Schaden. Wer versichert ist, bekommt Geld, wer nicht versichert ist, hat Pech gehabt. Der Markt regelt den Rest.
Wirkungslesart: Ein Schaden ist die Spitze einer langen Kette von Wirkungen. Wer ihn trägt, ist eine Verteilungsfrage. Verschiebt sich der Schutz vom Vertrag ins Eigenrisiko, verschiebt sich Vermögen von den Vielen zu den Wenigen, die es sich leisten können. Versicherbarkeit ist deshalb keine Vertragsfrage, sondern eine soziale Frage.
Der Apfel zeigt, was du bezahlst. Der Deich zeigt, was mitbezahlt wird. Der Klimawandel war lange ein unsichtbarer Deich. Jetzt schickt er die Rechnung.
WÖK-GEGENFRAGE Wenn ein billiger Preis nur deshalb billig war, weil er Schäden in die Zukunft verschoben hat, war er
dann je wirklich billig. Und wer hat in der Zwischenzeit den Unterschied eingesteckt.