WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 5 von 31

2. Was die Erde misst#

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Zweite naive Frage: Ein einzelnes warmes Jahr, ein einzelner Sturm, ist das schon der Klimawandel. Nein. Aber die Linie, auf der sie liegen, ist es.

2024 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und das erste Kalenderjahr, in dem die globale Mitteltemperatur rund 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau lag. Damit wurde zum ersten Mal über ein ganzes Jahr die Marke von 1,5 Grad überschritten, an der sich das Pariser Abkommen orientiert.

Ein einzelnes Jahr über 1,5 Grad ist noch nicht der Bruch des Pariser Ziels, das sich auf langjährige Mittel bezieht. Aber es ist ein Signal, wie nah die Linie schon ist.[20] Wichtig ist, den Durchschnitt richtig zu lesen. 1,5 Grad klingt nach wenig. Es ist ja nur die Differenz zwischen einem angenehmen und einem etwas wärmeren Tag. Genau diese Intuition führt in die Irre. Der Durchschnitt ist nicht die Erfahrung. Die Erwärmung verschiebt nicht den ganzen Wetterteppich um ein gleichmäßiges Stück, sie dehnt vor allem die Ränder. Hitzewellen werden länger und heißer. Starkregen wird heftiger, weil wärmere Luft mehr Wasser hält. Dürreperioden werden hartnäckiger. Es sind die Extreme, nicht der Mittelwert, die Dächer abdecken, Keller fluten und Ernten verbrennen.

Warum der Durchschnitt das falsche Maß ist#

Dass die Schäden an den Rändern entstehen, lässt sich beziffern. Die Europäische Umweltagentur hat alle Verluste durch wetter- und klimabezogene Extreme in der EU von 1980 bis 2024 ausgewertet. Das Ergebnis: Wenige Ereignisse machen den Großteil der Schäden aus. Die größten fünf Prozent der Ereignisse verursachten 59 Prozent aller Verluste. Das größte eine Prozent allein verursachte 37 Prozent.

[32] Für jeden, der Risiko trägt, ist das die eigentliche Botschaft. Mit einem Durchschnitt kann man kalkulieren.

Mit einer Verteilung, in der ein einziges Jahrhundertereignis ein Drittel aller Schäden bringt, kann man es kaum. Versicherer und Banken nennen das Tail-Risk, das Risiko im äußersten Rand der Verteilung. Genau dort, wo der Durchschnitt nichts mehr aussagt, wird über Tragfähigkeit entschieden.

Vom globalen Mittel zum lokalen Schaden#

Für den Finanzmarkt ist relevant, dass diese Extreme örtlich und plötzlich auftreten. Ein Versicherer kann mit einem stabilen Durchschnitt gut leben. Er kalkuliert ihn ein. Womit er schlechter leben kann, ist eine wachsende Streuung, in der seltene Großschäden häufiger und teurer werden. Genau das beobachten die Rückversicherer. Die globalen versicherten Schäden aus Naturkatastrophen lagen 2025 bei rund 107 bis 108 Milliarden US-Dollar. Es war das sechste Jahr in Folge oberhalb der Marke von 100 Milliarden. Die gesamtwirtschaftlichen Schäden lagen je nach Quelle bei etwa 220 bis 224 Milliarden US-Dollar, von denen knapp die Hälfte versichert war, der höchste Anteil in den Aufzeichnungen.

Munich Re hob für 2025 besonders die Zunahme der sogenannten Non-Peak-Perils hervor, also Waldbrände, schwere Gewitter und Fluten jenseits der großen Wirbelstürme. Diese zusammen verursachten rund 166 Milliarden US-Dollar Gesamtschaden und rund 98 Milliarden US-Dollar versicherte Schäden. Die Gefahr verschiebt sich also nicht nur in der Höhe, sondern auch in der Art: weg von den wenigen großen Namen, hin zu vielen mittleren Ereignissen, die in der Summe schwerer wiegen.[19]

Der größte Einzeltreiber 2025 waren die Waldbrände, vor allem in Los Angeles, mit den höchsten versicherten Waldbrandschäden aller Zeiten von rund 40 Milliarden US-Dollar.[18][19] DIE ZAHL: SECHS JAHRE ÜBER 100 MILLIARDEN rund 107 bis 108 Mrd. USD versicherte Naturkatastrophenschäden weltweit 2025. Sechstes Jahr in Folge über 100 Milliarden. rund 220 Mrd. USD gesamtwirtschaftliche Schäden 2025. Nur knapp die Hälfte war versichert.

rund 40 Mrd. USD allein durch Waldbrände, vor allem in Los Angeles. Höchster Wert aller Zeiten.

Ein vergleichsweise ruhiges Schadenjahr in Deutschland, wie 2025 mit rund 1,4 Milliarden Euro nach einem schweren 2024, ist deshalb trügerisch. Es ist die Ruhe zwischen zwei Wellen, nicht das Ende der Flut. Die Statistik der Extreme kennt gute und schlechte Jahre. Der Trend darunter zeigt nach oben.

WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Ein warmes Jahr ist Wetter, kein Beweis. Man sollte nicht aus einem Sommer auf die Zukunft schließen. Wirkungslesart: Ein warmes Jahr ist ein Datenpunkt auf einer Linie. Die Wirkungsfrage lautet nicht, ob ein einzelnes Ereignis zählt, sondern in welche Richtung sich die Wahrscheinlichkeiten verschieben.

Wer Risiken trägt, plant nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den Rändern. Dort entstehen die Schäden, dort entstehen die Prämien.

Der Durchschnitt täuscht. Der Klimawandel zeigt sich nicht in der Mitte der Verteilung, sondern an ihren Rändern. Und dort wird Versicherung gemacht und Vermögen verloren.

WÖK-GEGENFRAGE Wenn die Schäden in schlechten Jahren immer höher werden, die guten Jahre aber gleich ruhig bleiben, wer legt dann eigentlich genug zurück für den Mittelwert über die Zeit.