WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 8 von 31

5. Was konkret unter die Räder kommt#

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Jetzt wird es konkret. Sieben Felder, an denen sich zeigt, wie der Schutz sich verschiebt. Für jeden Punkt: was passiert, was es privat bedeutet, was es für Unternehmen bedeutet.

Die folgenden sieben Punkte sind keine Theorie. Sie beschreiben, wie heute in Deutschland Verträge gebaut sind und wo die Deckung endet. Wer seine eigene Police danebenlegt, wird die meisten dieser Begriffe darin wiederfinden, oder schmerzhaft vermissen.

5.1 Starkregen, Hochwasser, Überschwemmung: nicht automatisch versichert#

versichert In Deutschland sind Sturm und Hagel in der Wohngebäudeversicherung meist Standard.

Überschwemmung, Starkregen, Rückstau, Erdrutsch, Schneedruck, Lawinen und ähnliche Elementargefahren brauchen aber einen eigenen Baustein, die Elementar- oder Naturgefahrenversicherung. 2025 hatten laut GDV nur rund 59 Prozent der Wohngebäude diesen Schutz.

2024 waren es 57 Prozent bei Wohngebäuden und nur 41 Prozent beim Hausrat.[3][4] Die Größenordnung zeigt das vergleichsweise ruhige Jahr 2025. Von den rund 1,4 Milliarden Euro versicherten Naturgefahrenschäden entfielen rund eine Milliarde auf Sturm und Hagel, die im Standard versichert sind, und nur rund 400 Millionen auf Elementargefahren wie Überschwemmung und Starkregen, die den Zusatzbaustein brauchen. In einem schweren Jahr wie 2024 kehrt sich dieses Verhältnis dramatisch um. Genau deshalb ist die Elementarlücke so gefährlich: Sie fällt erst dann auf, wenn es zu spät ist.[3] Bedeutung privat. Ein überfluteter Keller, eine zerstörte Heizung, Estrich, Möbel, Hausrat oder eine unbewohnbare Wohnung können ohne Elementarschutz komplett am Eigentümer oder Mieter hängen bleiben. Wichtig: Starkregen ist kein reines Flussproblem. Er kann auch weit weg von jedem Gewässer Schäden auslösen, weil die Wassermassen oberirdisch ablaufen und sich in Senken sammeln.[5] Bedeutung Unternehmen. Maschinen, Lager, Serverräume, Kühltechnik, Waren und Gebäude können direkt betroffen sein. Besonders kritisch ist oft nicht der Sachschaden selbst, sondern der Produktionsausfall danach. Eine Halle ist schneller leergepumpt als eine Lieferkette wieder angelaufen.

5.2 Rückstau aus der Kanalisation: oft nur mit Bedingungen#

Wenn Starkregen die Kanalisation überlastet und Wasser über Toilette, Dusche oder Bodenablauf zurück ins Gebäude drückt, greift die Deckung häufig nur, wenn Rückstau ausdrücklich eingeschlossen ist und technische Sicherungen wie Rückstauklappen vorhanden und funktionsfähig sind. Bei Verstößen gegen solche Obliegenheiten kann der Versicherer die Leistung kürzen oder ganz ablehnen.[5] Bedeutung privat. Souterrainwohnungen, Kellerbüros, Heizungsräume und Tiefgaragen sind besonders verwundbar. Genau dort, wo Menschen ihre teure Technik und ihre Erinnerungen lagern, drückt das Wasser zuerst herein.

Bedeutung Unternehmen. Archive, IT, Werkstätten, Labore, Tiefgaragen, Warenlager und Kühlräume im Untergeschoss werden zum Klumpenrisiko. Eine nicht gewartete Rückstauklappe kann im Schadenfall den Unterschied zwischen voller Erstattung und leeren Händen bedeuten.

5.3 Grundwasser und schleichende Durchfeuchtung: oft gar nicht versichert#

versichert Ein zentraler Punkt, den viele übersehen: Nicht jedes Wasser ist Überschwemmung im Sinne der Police.

Grundwasser, das durch Bodenplatte oder Wände drückt, ohne vorher an die Oberfläche zu treten, ist nach Verbraucherinformationen regelmäßig nicht versichert. Der Verbraucherzentrale Bundesverband nennt steigendes Grundwasser, Sturmflut sowie Dürre und Trockenheit als Risiken, die heute gar nicht oder kaum versicherbar sind.[5][7] Bedeutung privat. Feuchte Keller, Schimmel, geschädigte Fundamente, Bodenplatten und Haustechnik können zu Dauerlasten werden. Das ist besonders tückisch, weil es nicht immer das eine, klar datierbare Schadensereignis gibt, an dem sich ein Anspruch festmachen ließe.

Bedeutung Unternehmen. Produktionshallen, Lagerflächen, unterirdische Technikräume und ganze Immobilienportfolios verlieren an Nutzbarkeit und Wert, ohne dass zwingend ein klassischer Versicherungsschaden vorliegt. Der Wertverlust ist real, die Police bleibt stumm.

5.4 Sturmflut, Meeresspiegel, Küstenlagen: besonders heikel#

Sturmflut ist in klassischen Elementarschadenkonzepten typischerweise ausgeschlossen oder nicht regulär versicherbar. Das betrifft nicht nur Wohnhäuser an der Küste, sondern auch Häfen, Logistikflächen, Tourismus, Werften, Kühlhäuser, Energieanlagen und Gewerbegebiete in Küstennähe.[7] Bedeutung privat. Eine Immobilie kann heute noch bewohnbar sein und trotzdem bei Kauf, Verkauf, Beleihung und Versicherung zunehmend schwieriger werden. Der Wertverlust beginnt nicht mit dem Wasser im Wohnzimmer, sondern mit der Skepsis von Käufer, Bank und Versicherer.

Bedeutung Unternehmen. Standortentscheidungen, Lieferketten, Lagerhaltung und Investitionen in Küsteninfrastruktur werden teurer oder bankseitig kritischer geprüft. Wer heute am Wasser baut, finanziert ein Risiko mit, das in dreißig Jahren anders aussieht als in der Kalkulation von heute.

5.5 Dürre, Hitze, Bodenaustrocknung: viel Eigenrisiko#

Trockenheit ist für Gebäude gefährlich, wenn Böden schrumpfen, Fundamente arbeiten, Risse entstehen oder Bäume und Vegetation Schaden nehmen. Für die Landwirtschaft gibt es Mehrgefahrenversicherungen gegen Wetterrisiken, aber Dürreschutz ist teuer und selten. Laut GDV waren nur rund 0,2 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen gegen Dürre versichert.[25] Bedeutung privat. Risse, Setzungen, vertrocknete Gärten, hitzebedingte Gesundheitskosten, Klimatisierung und Wertverlust sind meist keine normalen Versicherungsschäden. Sie tauchen als Kosten im Leben auf, nicht als Anspruch in der Police.

Bedeutung Unternehmen. Landwirtschaft, Bau, Lebensmittel, Getränke, Chemie, Rechenzentren, Pflege, Logistik und Produktion bekommen Wasser-, Kühlungs-, Ertrags- und Produktivitätsprobleme. Das ist häufig kein einzelner versicherter Schaden, sondern ein dauerndes Kosten- und Betriebsrisiko. Hitze bricht kein Dach, aber sie senkt Leistung, Qualität und Ertrag.

5.6 Betriebsunterbrechung und Lieferketten: nur mit dem richtigen Sachschaden gedeckt#

Sachschaden gedeckt Viele Unternehmen denken, sie seien gegen Betriebsunterbrechung versichert. Der Haken: Klassische Betriebsunterbrechungsdeckung knüpft oft an einen versicherten Sachschaden am eigenen Standort an.

Wird aber ein Zulieferer überflutet, fällt ein Hafen aus, ist eine Straße gesperrt, bricht Strom, Wasser oder Kühlung weg oder können Kunden nicht mehr beliefert werden, braucht es spezielle Erweiterungen wie Zulieferer-, Abnehmer- oder Versorgungsunterbrechungsdeckung. Oft mit Sublimits, Wartezeiten und engen Bedingungen.[26] Der Allianz Risk Barometer 2026 nennt die Betriebsunterbrechung und Lieferkettenprobleme als wichtigste geschäftliche Sorge im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Für 63 Prozent der Befragten ist die Wirkung auf Betriebsabläufe und Logistik durch Extremwetter die zentrale klimabezogene Sorge.[26] Bedeutung Unternehmen. Der größte Schaden kann der Umsatzstillstand sein, nicht das kaputte Dach.

Wer nur die Mauern versichert und nicht den Fluss der Wertschöpfung, schützt das Gebäude und verliert das Geschäft. Bedeutung privat. Indirekt trifft es Haushalte über Preise, Lieferverzögerungen, Arbeitsplatzrisiken und regionale Wirtschaftsschwäche. Eine unterbrochene Lieferkette zahlt am Ende der Verbraucher mit.

5.7 Immobilienwerte und Kredite: Versicherung wird zur Finanzierungsfrage#

Finanzierungsfrage Banken übersetzen Klimarisiken zunehmend in Kreditrisiken. Die BaFin mahnt, dass Banken und Versicherer Standortdaten, Überschwemmungsrisiken und Schutzmaßnahmen systematischer erfassen müssen. Banken verlangen bei finanzierten Objekten häufig Versicherungsschutz, und gerade regionale Institute mit lokalem Schwerpunkt können besonders betroffen sein.[11] Eine Analyse der Europäischen Zentralbank zu großen europäischen Überschwemmungen fand nach Flutereignissen steigende Kreditausfälle und strengere Anforderungen an Sicherheiten.[12] Bedeutung privat. Ein Haus in Risikolage kann schwerer verkäuflich, schlechter beleihbar oder nur mit höherem Eigenkapital finanzierbar werden. Der Wertverlust kommt nicht durch eine Flut, sondern durch die Erwartung einer Flut. Bedeutung Unternehmen. Standorte mit hohem Naturgefahrenrisiko können höhere Kreditmargen, zusätzliche Sicherheiten, Investitionsauflagen oder schlechtere Bewertungen auslösen. Das Risiko wandert aus der Schadenakte in die Kreditakte.

Was unter die Räder kommt, sind vor allem Keller und Erdgeschosse, Küsten- und Flusslagen, hitze- und wasserabhängige Geschäftsmodelle, Lieferketten, ältere Gebäude, schlecht geschützte Standorte und Immobilienwerte in Risikozonen.

WÖK-GEGENFRAGE Wenn der teuerste Schaden der ist, der gar nicht als Schaden gebucht wird, der vertrocknete Ertrag, der ausgefallene Zulieferer, der stille Wertverlust am Haus, wie viel ist eine Police dann noch wert, die nur die sichtbaren Trümmer ersetzt.