WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 12 von 31

9. Die Schutzlücke als Systemfrage#

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Bisher ging es um einzelne Verträge. Jetzt um das Ganze. Wenn drei Viertel der Schäden ungedeckt sind, ist das kein privates Pech mehr, sondern ein Strukturproblem. Was tut man damit. Die Schutzlücke, im Fachjargon Protection Gap, ist der Abstand zwischen gesamtwirtschaftlichen Schäden und versicherten Schäden. In Europa ist dieser Abstand groß und in vielen Regionen wachsend. EIOPA und die Europäische Zentralbank betreiben dazu ein gemeinsames Dashboard und haben Vorschläge vorgelegt, wie sich die Lücke schließen ließe. Denn eine große ungedeckte Lücke ist nicht nur ein Problem für Betroffene, sondern für die Stabilität ganzer Volkswirtschaften: Im Katastrophenfall springt am Ende oft der Staat ein, ungeplant und teuer. EIOPA und EZB warnen, dass die Lücke sich mit fortschreitendem Klimawandel weiter öffnen kann, wenn nicht gegengesteuert wird. Sie diskutieren Bausteine von besserer Prävention über öffentlich-private Risikoteilung bis zu einem europäischen Rückversicherungsmechanismus, einem Backstop.[1][9]

Drei Wege, die diskutiert werden#

Erstens Prävention. Der wirksamste und günstigste Hebel ist, Schäden zu vermeiden, bevor sie entstehen.

Klimaangepasstes Planen, Bauen und Sanieren. Bauverbote in Überflutungszonen. Ein Ende der Bodenversiegelung. Verpflichtende Klimarisikoprüfungen vor Baugenehmigungen. Der GDV macht solche Vorschläge zur Bedingung dafür, dass Versicherbarkeit überhaupt bezahlbar bleibt.[6] Zweitens Pflicht oder breite Deckung. In Deutschland wird seit Jahren über eine Pflicht zur Elementarschadenversicherung oder über Modelle diskutiert, die den Schutz in der Breite verankern, ohne einzelne Risikolagen unbezahlbar zu machen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert eine flächendeckende, faire Lösung. Die Kernfrage ist immer dieselbe: Wie verteilt man Risiko so, dass auch Hochrisikolagen tragbar bleiben, ohne die Vorsorge in sicheren Lagen zu bestrafen.[7] Drittens staatlicher Rückhalt. Für die seltenen, sehr großen Ereignisse, die einzelne Versicherer überfordern, wird über öffentliche Rückversicherung nachgedacht, national wie europäisch. Der Staat tritt als Versicherer letzter Instanz auf, allerdings idealerweise geplant und bepreist, nicht erst spontan nach der Katastrophe. WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Die Schutzlücke ist ein Marktversagen, das der Markt mit höheren Preisen selbst korrigiert. Eingriffe verzerren nur. Wirkungslesart: Eine reine Preislösung schließt die Lücke nach unten: Wer es sich nicht leisten kann, fällt heraus. Damit wird aus einem Naturrisiko ein soziales Risiko. Die Wirkungsökonomie fragt deshalb nicht nur, ob ein Markt räumt, sondern wen er dabei zurücklässt. Prävention, faire Risikoteilung und ein geplanter Rückhalt sind keine Verzerrung, sondern der Versuch, Mensch, Planet und stabile Gemeinschaft zusammen zu denken.

Eine ungedeckte Schutzlücke verschwindet nicht, sie wird nur später und chaotischer bezahlt, oft vom Staat. Geplante Vorsorge ist billiger als ungeplante Nothilfe. Das ist keine Ideologie, sondern Buchhaltung. WÖK-GEGENFRAGE Wenn am Ende doch der Staat einspringt, zahlen wir die Schutzlücke ohnehin alle gemeinsam, nur ungeplant und im teuersten Moment. Wäre es dann nicht klüger, sie vorher zu organisieren.

T E I L C Der Finanzmarkt schaut hin Wie Notenbanken, Aufseher und Banken aus Klima ein Risiko machen, das man bepreisen muss.