WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 13 von 31

10. Zwei Sorten Risiko#

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Bevor der Finanzmarkt Klima bepreisen kann, muss er es sortieren. Es gibt zwei grundverschiedene Gefahren, und sie ziehen in entgegengesetzte Richtungen.

Wer verstehen will, wie Banken und Versicherer über Klima denken, muss eine einfache Unterscheidung kennen. Es gibt physisches Risiko und es gibt Transitionsrisiko. Beide haben mit dem Klimawandel zu tun, aber sie wirken fast gegensätzlich.

Physisches Risiko: der Schaden durch das Klima selbst#

Physisches Risiko ist der unmittelbare Schaden durch das veränderte Klima. Der überflutete Keller, die zerstörte Halle, die verbrannte Ernte, die hitzebedingte Produktionsdrosselung. Es teilt sich in akute Ereignisse, also einzelne Stürme und Fluten, und chronische Veränderungen, etwa steigende Durchschnittstemperaturen, sinkende Grundwasserspiegel oder steigende Meere. Physisches Risiko ist das, womit sich die ganze erste Hälfte dieses Dossiers beschäftigt hat. Es wächst, je weiter der Klimawandel fortschreitet.

Transitionsrisiko: der Schaden durch den Umbau#

Transitionsrisiko ist das genaue Gegenstück. Es entsteht nicht durch zu viel Klimawandel, sondern durch die Anstrengung, ihn zu begrenzen. Wenn Politik CO2 bepreist, Technik sich ändert und Märkte umschwenken, verlieren bestimmte Geschäftsmodelle und Vermögenswerte an Wert. Ein Kohlekraftwerk, eine Ölreserve, ein Verbrennungsmotorenwerk. Transitionsrisiko ist das Risiko, auf der falschen Seite des Umbaus zu stehen. Es wächst, je schneller und entschlossener der Klimaschutz vorangeht. DIE LOGIK DER BEIDEN RISIKEN Physisches Risiko steigt, je mehr Klimawandel zugelassen wird. Es trifft Sachwerte, Standorte, Erträge.

Transitionsrisiko steigt, je schneller der Umbau erfolgt. Es trifft fossile und emissionsintensive Vermögen. Die Zwickmühle: Man kann nicht beide zugleich auf null senken. Wer das physische Risiko klein hält, muss den Übergang gehen und das Transitionsrisiko tragen.

Diese Spannung ist der Kern jeder ernsthaften Klimafinanzdebatte. Ein langsamer, ungeordneter Übergang spart kurzfristig Transitionskosten, lädt aber gewaltiges physisches Risiko in die Zukunft. Ein schneller, geordneter Übergang verlangt heute hohe Anpassung, begrenzt aber die späteren physischen Schäden. Genau diese Abwägung modellieren die Notenbanken in ihren Szenarien, von denen das nächste Kapitel handelt.

Mehr als zwei: die volle Risikolandkarte#

Physisch und transitorisch sind die beiden Hauptachsen. Wer genauer hinsieht, erkennt aber, dass der Finanzmarkt Klima inzwischen in eine ganze Reihe von Risikoarten übersetzt. Drei weitere sind wichtig genug, um sie zu kennen, weil sie zunehmend in Bilanzen und Aufsichtsdaten auftauchen.

Haftungs- und Klagerisiko. Klagen gegen Staaten, Unternehmen oder Vorstände wegen Klimaschäden oder irreführender Nachhaltigkeitsaussagen werden häufiger. Sie schlagen sich in Rückstellungen, Reputationsschäden, Managementhaftung und steigenden Prämien für Vorstandshaftung nieder.

Wirkungsblindheit wird damit juristisch zurechenbar.

Natur- und Biodiversitätsrisiko. Wirtschaft hängt an Wasser, Bestäubung, Böden und Wäldern. Wo diese Ökosystemleistungen schwinden, entstehen Ausfälle in Landwirtschaft, Immobilien, Tourismus und Konsumgütern. Planetare Leistungen sind keine Nebenbedingung, sondern Produktionsvoraussetzung.

Davon handelt das nächste Kapitel genauer.

Makro- und Fiskalrisiko. Wiederaufbaukosten, Steuerausfälle, Infrastrukturreparatur und Gesundheitskosten belasten öffentliche Haushalte. Das erhöht Verschuldung, Ratingdruck und am Ende auch die Verteilungskonflikte. Aus vielen Einzelschäden wird so eine gesamtgesellschaftliche Verlustleistung. SECHS WEGE, WIE KLIMA ZUM FINANZRISIKO WIRD Akut physisch. Sturm, Flut, Hagel, Brand, Hitze. Sachschaden, Betriebsunterbrechung, höhere Prämien. Chronisch physisch. Meeresspiegel, Dauerhitze, Wasserstress. Schleichende Entwertung von Standorten. Transitorisch. CO2-Preis, Technik, Nachfrage. Stranded Assets, Abschreibungen, höhere Kapitalkosten. Haftung. Klagen und Greenwashing-Vorwürfe. Rückstellungen, Reputations- und Managementhaftung. Natur. Wasser, Boden, Bestäubung, Biodiversität. Kreditausfälle in naturabhängigen Branchen.

Makro und Fiskal. Wiederaufbau, Migration, Gesundheit. Staatsrisiko, Verschuldung, Verteilungsdruck. WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Beide Risiken sind Kosten, die man möglichst klein halten will. Am besten fährt, wer beide vermeidet. Wirkungslesart: Beide Risiken sind nicht symmetrisch. Physisches Risiko trifft oft die, die am wenigsten zur Erwärmung beigetragen haben. Transitionsrisiko trifft die, die lange am meisten verdient haben. Die Wirkungsökonomie liest die Wahl zwischen beiden deshalb nicht nur als Kostenfrage, sondern als Gerechtigkeitsfrage: Wer trägt die Anpassung, und wer hat den Aufschub genossen.

Es gibt zwei Klimarisiken. Das eine kommt vom Klimawandel selbst, das andere vom Kampf gegen ihn. Man kann nicht beide zugleich auf null bringen. Die Frage ist nur, welches man wählt, und wer es bezahlt.