WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 14 von 31

11. Die Notenbanken rechnen mit#

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Klimaschutz galt lange als Sache von Umweltministerien. Heute sitzt er in den Modellen der Zentralbanken. Das ist die vielleicht unterschätzteste Entwicklung dieses Jahrzehnts.

Wenn die nüchternsten Institutionen der Wirtschaft ein Thema ernst nehmen, lohnt das Hinsehen.

Notenbanken und Finanzaufseher sind keine Aktivisten. Ihr Auftrag ist Geldwertstabilität und ein stabiles Finanzsystem. Genau deshalb ist bemerkenswert, dass sie Klima inzwischen als systemisches Risiko behandeln.

Das NGFS: ein Netzwerk von über 140 Zentralbanken#

2017 gründete sich das Network for Greening the Financial System, kurz NGFS. Heute umfasst es weit über 140 Zentralbanken und Aufsichtsbehörden weltweit. Es entwickelt einheitliche Klimaszenarien, die als gemeinsame Sprache der Branche dienen. Die langfristigen Szenarien zeichnen ein ernüchterndes Bild:

Unter der heutigen Politik drohen bis 2100 globale Wohlstandsverluste in der Größenordnung von rund 30 Prozent, mit Extremrisiken, die noch deutlich höher liegen können.[8] 2025 ergänzte das NGFS kurzfristige Szenarien bis 2030, weil Investoren und Unternehmen einen näheren Planungshorizont brauchen. Sie zeigen, dass Klimaschäden das globale Wachstum schon in den nächsten Jahren spürbar dämpfen können, der Schaden sich aber begrenzen lässt, wenn der grüne Umbau konsequent vorangeht.[8]

Der EZB-Stresstest: Klima als Kreditrisiko#

Die Europäische Zentralbank hat diese Szenarien in konkrete Stresstests übersetzt. Im EU-weiten Klima- Stresstest, der den Fit-for-55-Pfad durchrechnet, zeigt sich: Transitionsrisiken allein gefährden die Finanzstabilität wahrscheinlich nicht. Treffen sie aber mit einem allgemeinen Konjunktureinbruch zusammen, können die Verluste des Bankensektors im ungünstigsten Szenario auf über 630 Milliarden Euro steigen, fast 90 Prozent mehr als im Basisfall.[10] Der zusätzliche Effekt von Kreditrisiken aus den Unternehmensportfolios der Banken auf ihre Kapitalquoten bleibt im ungünstigen Szenario mit rund 74 Basispunkten über den Zeitraum 2025 bis 2027 moderat. Akutes physisches Risiko kann die Kapitalauszehrung um weitere rund 77 Basispunkte verstärken. Die Botschaft der EZB: Das System ist nicht akut gefährdet, aber die Banken müssen Klimarisiken systematisch managen.[10] DIE ZAHL: KLIMA IM STRESSTEST über 140 Zentralbanken und Aufseher arbeiten im NGFS an gemeinsamen Klimaszenarien.

bis zu rund 30 Prozent globaler Wohlstandsverlust bis 2100 unter heutiger Politik, laut NGFS- Szenarien, mit höheren Extremrisiken. über 630 Mrd. EUR mögliche Verluste des EU-Bankensektors im ungünstigsten Szenario des EZB- Klimastresstests.

Die BaFin: genauer hinschauen, wo das Risiko liegt#

Auch die deutsche Aufsicht BaFin treibt das Thema. Sie verlangt von Banken und Versicherern, Standortdaten, Überschwemmungsrisiken und Schutzmaßnahmen systematischer zu erfassen. Gerade regionale Institute mit lokalem Geschäftsschwerpunkt können stark betroffen sein, wenn in ihrer Region Naturgefahren zunehmen. Was die Aufsicht fordert, sickert über Kreditbedingungen am Ende bis zum einzelnen Kunden durch.[11] WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Notenbanken kümmern sich um Klima, weil es Mode geworden ist. Eigentlich überschreiten sie ihr Mandat. Wirkungslesart: Notenbanken kümmern sich um Klima, weil unbepreiste Risiken die Stabilität bedrohen, die zu sichern ihr Kernauftrag ist. Die Wirkungsökonomie sieht darin eine späte Bestätigung ihres Grundgedankens: Was man nicht misst und nicht bepreist, verschwindet nicht, es schlägt anderswo auf. Erst als der Schaden groß genug wurde, fing das System an, ihn einzurechnen.

Wenn über 140 Zentralbanken Klima in ihre Stresstests schreiben, ist es kein Umweltthema mehr, sondern ein Finanzthema. Die nüchternsten Rechner der Welt haben die Externalität in ihre Bücher geholt. WÖK-GEGENFRAGE Wenn die Aufseher das Risiko längst durchrechnen, warum taucht es in so vielen privaten Verträgen und Bilanzen noch immer nicht auf. Und wer trägt die Lücke, solange das so bleibt.