WÖk · Onlinefassung · Abschnitt 19 von 31
16. Greenwashing und die Frage nach dem schwächsten Glied#
16. Greenwashing und die Frage nach dem schwächsten Glied Wo Geld grün scheinen will, lockt der Etikettenschwindel. Die spannende Frage ist nicht, ob etwas grün heißt, sondern ob es überall grün ist, oder nur an der schönsten Stelle.
Greenwashing ist der Versuch, nachhaltiger zu erscheinen, als man ist. Es ist das natürliche Gegenspiel zu jedem grünen Anreiz. Sobald sich mit dem grünen Etikett Geld verdienen lässt, entsteht der Anreiz, es auch dort anzubringen, wo der Inhalt nicht hält, was es verspricht. Die gesamte Architektur aus Definition, Offenlegung und Standard hat letztlich einen Zweck: Greenwashing zu erschweren.
Hier zeigt sich besonders deutlich, wo die Wirkungsökonomie über die übliche Nachhaltigkeitslogik hinausgeht. Viele ESG-Bewertungen verrechnen gute und schlechte Werte miteinander zu einer Gesamtnote. Ein Unternehmen kann dann in einer Dimension stark punkten und schwache Werte in einer anderen ausgleichen. Unterm Strich sieht alles ordentlich aus, obwohl an einer entscheidenden Stelle eine rote Linie überschritten wird.
Das schwächste Glied entscheidet#
Die wirkungsökonomische Antwort darauf ist streng. Sie lässt das Verrechnen nicht zu, wenn eine Grundbedingung verletzt ist. In ihrer Sprache: Die schwächste Dimension begrenzt die Gesamtbewertung, und an roten Linien gibt es keine Kompensation. Ein Geschäftsmodell, das in einer Dimension Mensch, Planet oder Demokratie fundamental schadet, kann diesen Schaden nicht durch gute Werte anderswo aufwiegen. Eine grüne Fassade rettet kein Gebäude mit fauler Statik.
Übertragen auf Sustainable Finance heißt das: Es genügt nicht, dass ein Fonds im Durchschnitt grün aussieht. Entscheidend ist, ob er irgendwo eine Grenze reißt, die sich nicht wegmitteln lässt. Diese Sicht macht Greenwashing schwerer, weil sie den Trick des Ausgleichens grundsätzlich verbietet. Sie ist anspruchsvoller als jede Durchschnittsnote, aber sie ist ehrlicher.
WIRKUNGSLESART Alte Lesart: Eine gute ESG-Gesamtnote zeigt, dass ein Unternehmen unterm Strich nachhaltig wirtschaftet. Einzelne Schwächen gleichen sich aus.
Wirkungslesart: Eine Durchschnittsnote kann eine rote Linie verstecken. Die Wirkungsökonomie wertet die schwächste Dimension als Begrenzung des Ganzen und lässt an roten Linien keine Verrechnung zu. Ein Unternehmen, das an einer Stelle fundamental schadet, ist nicht halb gut, sondern an dieser Stelle nicht tragbar. Wirkung lässt sich nicht wegmitteln.
Frag nicht, ob etwas im Durchschnitt grün ist. Frag, ob es irgendwo eine Grenze reißt, die sich nicht ausgleichen lässt. Das schwächste Glied entscheidet, nicht der schönste Wert. Eine grüne Fassade rettet kein Gebäude mit fauler Statik. WÖK-GEGENFRAGE
Wenn ein Fonds neunzig gute Werte und einen verheerenden hat, ist er dann zu neunzig Prozent nachhaltig, oder zu hundert Prozent ein Problem. Und welche der beiden Lesarten verkauft sich besser.
T E I L E Stranded Assets Das Vermögen, das auf der Strecke bleibt. Vom Ölfeld bis zum Eigenheim.