Das schachbrett der oeffentlichk… · Onlinefassung · Abschnitt 19 von 29
8. Warum AfD-Kommunikation anschlussfähig werden kann#
Die AfD besitzt keine magische Kommunikationstechnik. Viele ihrer Mittel - Zuspitzung, Personalisierung, Wiederholung, Emotionalisierung, Opferinszenierung, Feindbildbildung und einfache Kausalgeschichten - sind aus der Populismus- und Propagandaforschung bekannt. Ihre Wirksamkeit entsteht daraus, dass sie auf reale oder empfundene Erfahrungen trifft, sie in ein geschlossenes Deutungsangebot übersetzt und über passende Medienformen wiederholt. Der Kern: Die AfD setzt nicht nur Aussagen. Sie arbeitet an den Beleuchtungsbedingungen, unter denen andere Aussagen gelesen werden. Sie beeinflusst, was als Problem gilt, wem Verantwortung zugeschrieben wird, wer zum „Wir“ gehört und welche Lösung als denkbar erscheint.
8.1 Anschlussfähigkeit statt „Gehirnwäsche“
Der Begriff Manipulation ist für einzelne Täuschungen berechtigt, als Gesamterklärung aber zu schwach.
Erfolgreiche politische Kommunikation bietet Menschen eine Sprache für diffuse Erfahrungen. Sie reduziert Komplexität, verbindet Ereignisse, ordnet moralische Rollen und verspricht Handlungsfähigkeit. Wer sich nicht gehört fühlt, kann in einer radikalen Erzählung erstmals das Gefühl erleben, dass jemand seine Lage benennt - selbst wenn die Ursachenerklärung empirisch falsch oder die Lösung schädlich ist.
Das macht die Unterscheidung zwischen systemischem und normativem Wert wichtig. Eine Kommunikation kann systemisch sehr wirksam sein - mobilisieren, binden, Aufmerksamkeit erzeugen - und zugleich normativ negative Wirkung auf Menschenwürde, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit oder demokratische Stabilität entfalten. Wirksamkeit ist kein Gütesiegel.
8.2 Die wiederkehrende narrative Architektur In radikal rechter Kommunikation kehren bestimmte Muster wieder. Sie sind nicht in jeder Aussage vollständig enthalten und auch nicht exklusiv für die AfD. Als Kombination bilden sie jedoch eine robuste Erzählarchitektur. Narratives Muster Kommunikative Funktion Wirkungspotenzial Demokratisches Risiko Niedergang / Kontrollverlust Verschiedene Krisen werden zu einer einzigen Abstiegsgeschichte verbunden. Angst, Dringlichkeit und Sehnsucht nach einer klaren Wende. Komplexe Ursachen und reale Fortschritte verschwinden aus dem Bild. Verrat / Eliten Fehler und Interessenkonflikte werden als absichtlicher Verrat eines homogenen Establishments gelesen. Misstrauen wird personalisiert; Gegenbelege können als Teil des Systems abgewertet werden. Institutionen verlieren Korrekturautorität; Verschwörungslogik wird anschlussfähig. Bedrohung / Außengruppe Unsicherheit erhält ein sichtbares Gegenüber: Migrant:innen, Minderheiten, Medien oder politische Gegner. Zugehörigkeit und Mobilisierung durch klare In-Group/Out-Group- Grenzen. Entwürdigung, Sündenbocklogik und Eskalation sozialer Konflikte. Sprechverbot / Opferrolle Kritik wird als Beweis dafür gedeutet, dass „die Wahrheit“ unterdrückt werde. Immunisierung gegen Widerspruch; Tabubruch erscheint mutig. Jede Korrektur kann die Erzählung bestätigen und Grenzen verschieben.
Narratives Muster Kommunikative Funktion Wirkungspotenzial Demokratisches Risiko Wiederherstellung / Durchgreifen Eine Rückkehr zu Ordnung, Kontrolle, Homogenität und nationaler Handlungsfähigkeit wird versprochen. Selbstwirksamkeit und Scheinsicherheit durch einfache Entscheidungen. Grundrechte, Pluralismus und reale Umsetzungsfolgen geraten in den Schatten. Die Architektur ist deshalb so wirksam, weil sie nicht nur erklärt, sondern emotional entlastet. Komplexität wird in Absicht übersetzt, Ohnmacht in Schuldzuweisung, Unsicherheit in Gruppenzugehörigkeit und Ambivalenz in eine eindeutige Handlungsforderung. Der Preis ist eine drastische Verkürzung der Wirklichkeit. 8.3 Plattformen sind Dosis- und Verteilungsmaschinen Digitale Plattformen erzeugen politische Einstellungen nicht allein. Sie entscheiden aber mit, welche Inhalte wie häufig, in welcher Form und mit welchen sozialen Rückmeldungen auftreten. Damit verändern sie Dosis, Geschwindigkeit, Wiederholung, Gruppensichtbarkeit und die gefühlte Normalität einer Position.
Eine Analyse von 25.292 TikTok-Videos deutscher Politiker:innen vor der Bundestagswahl 2025 fand, dass negative Emotionen - besonders Ekel und Ärger - sowie Feindseligkeit gegenüber Außengruppen mit deutlich höherem Engagement verbunden waren. Ideologisch extreme Parteien auf beiden Seiten nutzten solche Inhalte häufiger und erzielten damit mehr Interaktion als zentristische Parteien. Die Studie misst Engagement, nicht automatisch Überzeugung oder Wahlwirkung. Sie zeigt aber, welche kommunikative Darreichungsform das Plattformmilieu belohnt (Solovev et al. 2026).
Eine zweite Untersuchung von nahezu 48.000 TikTok-Beiträgen im Wahlkampf 2025 fand eine anhaltend hohe Sichtbarkeit der AfD in parteibezogenen Hashtags. Bemerkenswert ist: Diese Sichtbarkeit stammte nicht nur aus offiziellen Parteikanälen, sondern stark aus nutzergenerierten Beiträgen - unterstützend und kritisch.
Kritik kann also notwendig sein und zugleich zusätzliche Dosis erzeugen, wenn Name, Bild, Schlagwort und Originalclip weiter zirkulieren (Kinast & Marquart 2026).
Wirkungsökonomisch formuliert: Die Plattform ist nicht der Wirkstoff und der Algorithmus nicht die ganze Ursache. Die Plattform verändert Darreichungsform, Dosis, Reichweite und Rückkopplung - und damit die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Wirkpotenziale aktiviert werden.
8.4 Kritische Verstärkung: Auch Widerspruch verteilt Demokratische Öffentlichkeit darf falsche oder menschenfeindliche Aussagen nicht unwidersprochen lassen.
Aber die Form des Widerspruchs entscheidet mit über die Nebenwirkung. Ein empörter Repost mit Originalvideo, Parteilogo und Kampfbegriff kann die Behauptung korrigieren und gleichzeitig ihre Reichweite, Vertrautheit und thematische Dominanz erhöhen.
Die Alternative ist nicht Schweigen, sondern wirkungskompetente Einordnung: Behauptung knapp benennen, Beleg prüfen, manipulatives Muster erklären, betroffene Gruppen nicht nur als Objekt darstellen und eine tragfähige alternative Ursachenerklärung anbieten. Der Gegner sollte nicht dauerhaft die Frage, das Vokabular und den moralischen Schauplatz bestimmen.
8.5 Agenda-Übernahme und diskursive Normalisierung Eine Langzeitanalyse von 520.408 deutschen Zeitungsartikeln aus den Jahren 1994 bis 2021 zeigt, dass die Themengewichtung extrem rechter Akteure zunehmend die kommunikative Themengewichtung etablierter Parteien vorhersagte - besonders bei Migration, Integration, Asyl und Islam. Die Autor:innen sprechen von einem Beitrag etablierter Parteien und Massenmedien zum diskursiven Mainstreaming der extremen Rechten (Saldivia Gonzatti & Völker 2025). Das bedeutet nicht, dass demokratische Parteien über Migration schweigen sollen. Probleme verschwinden nicht durch Tabuisierung. Entscheidend ist, ob sie ein Thema mit eigener Wirkungsanalyse behandeln oder die Problemdefinition, Schuldordnung und Lösungsskala der radikalen Rechten übernehmen. Wer immer nur auf deren Spielfeld verteidigt, bestätigt, dass genau dieses Spielfeld das Zentrum der Politik sei.
Auch die vergleichende Parteienforschung warnt vor der Hoffnung, rechtspopulistische Wähler:innen ließen sich vor allem durch die Übernahme rechtspopulistischer Positionen zurückgewinnen. Eine Übersicht für die Bundeszentrale für politische Bildung fasst die Studienlage so zusammen, dass Anpassung eher den Populisten selbst nützt; aktuelle WZB-Forschung empfiehlt, eigene programmatische Stärken zu betonen statt nur auf die Agenda der radikalen Rechten zu reagieren (Lewandowsky 2025; Jänicke et al. 2026).
8.6 Warum Fakten allein nicht reichen - und trotzdem unverzichtbar sind Der Satz „Fakten bringen nichts“ wäre selbst falsch und gefährlich. Korrekturen verbessern im Durchschnitt die Genauigkeit von Überzeugungen; der pauschale Backfire-Effekt ist kein verlässliches Naturgesetz. Aber Fakten wirken nicht in einem Vakuum. Sie treffen auf Vertrauen, Identität, Vorwissen, Wiederholung und ein bereits vorhandenes Erklärungsmodell (Ecker et al. 2022).
Eine reine Zahl kann deshalb eine Erzählung nicht ersetzen, die Ursache, Betroffene und Lösung miteinander verbindet. Gute Korrektur braucht mindestens vier Elemente: die korrekte Information, eine verständliche alternative Erklärung, eine glaubwürdige Quelle und eine Form, die die falsche Behauptung nicht unnötig wiederholt. Noch besser ist Prävention: Prebunking macht typische Manipulationstechniken wie emotionalisierende Sprache, falsche Dichotomien, Sündenböcke oder persönliche Angriffe erkennbar, bevor die konkrete Falschinformation auftaucht. Experimentelle Forschung zeigt, dass solche kurzen „psychologischen Impfungen“ die Widerstandsfähigkeit gegen Fehlinformation erhöhen können (Roozenbeek et al. 2022). Der Faktencheck misst den Grauwert. Der Folgencheck untersucht Schatten, Nachbarschaft, Dosis, Empfängerstruktur und Rückkopplung. Erst zusammen entsteht demokratische Wirkungskompetenz.