Das schachbrett der oeffentlichk… · Onlinefassung · Abschnitt 18 von 29
7. Der Rechtsruck als Wirkungskette - nicht als einzelne#
Botschaft Die entscheidende Verschiebung dieses Artikels liegt hier: Das Kommunikationsmodell ist nicht nur eine Brücke zwischen optischer Wahrnehmung und Preisen. Es ist das Leitmodell, mit dem sich politische Verschiebungen untersuchen lassen. Der Rechtsruck ist kein einzelner Kommunikationsakt und keine lineare Reaktion auf einen einzelnen Missstand. Er entsteht, wenn materielle Erfahrungen, institutionelle Enttäuschungen, Identität, Deutungsangebote, Medienlogik und Rückkopplung über längere Zeit zusammenwirken. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen - 10,4 Prozentpunkte mehr als 2021. Das ist eine deutliche Zustandsveränderung des Parteiensystems. Das Wahlergebnis benennt aber noch keine Ursache. Es sagt nicht, welcher Anteil auf wirtschaftliche Unsicherheit, Migration, institutionelles Misstrauen, kulturelle Konflikte, regionale Erfahrung, Wahlkampf, Plattformen oder langfristige Bindung zurückgeht (Bundeswahlleiterin 2025).
Zentrale These: Der Rechtsruck ist eine gekoppelte Wirkungskette. Kommunikation ist darin weder bloße Verpackung noch alleinige Ursache. Sie ordnet Erfahrungen, bietet Ursachen an, verteilt Verantwortung, erzeugt Zugehörigkeit, setzt Dosen und verändert durch Rückkopplung die Bedingungen der nächsten Wahrnehmung. 7.1 Keine Monokausalität - und kein Defizitmodell der Wähler:innen Eine ernsthafte Analyse darf AfD-Wähler:innen nicht pauschal als uninformiert, irrational oder manipuliert behandeln. Die Wählerschaft ist heterogen. Menschen wählen aus unterschiedlichen Motiven, mit unterschiedlichen Graden an ideologischer Bindung, Protest, Zustimmung, Enttäuschung oder strategischer Abwägung. Zugleich wäre es ebenso verkürzt, Kommunikation als nebensächlich abzutun. Politische Erfahrungen werden nie ungeordnet gespeichert. Sie werden sprachlich, emotional und sozial gedeutet.
Repräsentative Nachwahlbefragungen zur Bundestagswahl 2025 zeigen zudem, dass 60 Prozent der Wählenden bereits vor dem eigentlichen Wahlkampf jene Partei favorisierten, die sie später wählten.
Wahlkampf wirkt also nicht auf leere Köpfe, sondern auf vorhandene Bindungen, Erwartungen und Erfahrungen (Hirndorf 2025). Das passt zu Maturana: Ein Impuls trifft auf eine Geschichte. Er kann an diese Geschichte anschließen, sie irritieren oder verstärken, aber er erzeugt sie nicht aus dem Nichts.
Eine aktuelle Untersuchung zum Ost-West-Unterschied in der AfD-Wahlabsicht fand Zusammenhänge mit einer breiten Mischung aus sozioökonomischen, psychologischen, politischen und kulturellen Variablen. Für den Ost-West-Unterschied waren in der Querschnittsanalyse vor allem politisches Misstrauen, die Nutzung alternativer politischer Medien sowie populistische und nativistische Einstellungen bedeutsam. Die Autor:innen warnen ausdrücklich vor einer vorschnellen Kausaldeutung der Querschnittsdaten (Siebel, Horozoğlu & Kessels 2026). Gerade diese Begrenzung ist wirkungsökonomisch wichtig: Ein plausibler Mechanismus ist noch kein bewiesener Alleinverursacher.
7.2 Sieben gekoppelte Ebenen Das Modell lässt sich für den Rechtsruck in sieben Ebenen auffalten. Keine Ebene reicht allein. Jede kann die anderen verstärken, abschwächen oder umlenken.
1. Materielle und soziale Lage. Mieten, Einkommen, berufliche Unsicherheit, regionale Infrastruktur, Transformationsdruck und Zukunftserwartungen bilden reale Erfahrungsräume. Kommunikation kann diese Probleme überzeichnen oder falsch erklären; sie kann sie aber nicht beliebig erfinden, wenn Menschen sie im Alltag erleben. 2. Institutionelle Erfahrung. Menschen erleben Demokratie nicht nur in Verfassungsartikeln, sondern im Bürgeramt, in Schule, Bahn, Krankenhaus, Polizei, Gerichten und politischer Reaktionsfähigkeit. Ein Staat, der als unerreichbar, inkonsequent oder unfair erlebt wird, erzeugt eine Empfängerstruktur, in der Anti- Establishment-Erzählungen leichter anschließen.
3. Identität und Resonanz. Angst, Statusverlust, Anerkennung, Kränkung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit bestimmen mit, welche Deutung emotional tragfähig wird. Politische Kommunikation beantwortet deshalb nie nur Sachfragen. Sie beantwortet auch: Wer bin ich? Wer hört mich? Zu wem gehöre ich? Wer bedroht meinen Platz?
4. Narrative und Frames. Ein Narrativ ordnet verstreute Erfahrungen zu einer Geschichte: Was ist schiefgelaufen? Wer ist verantwortlich? Wer gehört zum Wir? Welche Lösung verspricht Kontrolle? Die kommunikative Leistung liegt oft weniger in einer einzelnen überprüfbaren Behauptung als in der Verdichtung vieler Ereignisse zu einem kausalen Gesamtbild.
5. Form, Dosis und Plattform. Der gleiche Inhalt wirkt anders als langes Interview, zugespitzter Clip, Meme, Schlagzeile, Kommentarspalte oder private Messenger-Nachricht. Wiederholung, Emotionalität, soziale Bestätigung und algorithmische Sichtbarkeit verändern das Wirkungspotenzial.
6. Öffentliche Rückkopplung. Medien, Gegenredner:innen, andere Parteien und Institutionen entscheiden mit, ob ein Begriff randständig bleibt, kritisch eingeordnet, skandalisiert, unabsichtlich verstärkt oder zum scheinbar selbstverständlichen Bezugspunkt der Debatte wird.
7. Systemwirkung. Aufmerksamkeit und Einstellung können in Wahlentscheidungen, Parteibindung, politische Programme, Rechtsänderungen, institutionelle Routinen und neue Grenzen des Sagbaren übergehen. Diese Veränderungen werden wiederum zur Ausgangslage der nächsten Runde.
7.3 Drei Prüfungen: Problem, Ursache und Lösung Rechtspopulistische Kommunikation ist besonders stark, wenn drei Ebenen sprachlich zu einem Paket verschmelzen: eine reale Erfahrung, eine eindeutige Ursachenzuschreibung und eine einfache Lösung.
Demokratische Gegenkommunikation scheitert häufig, wenn sie nur die Ursachenzuschreibung bestreitet und dadurch so klingt, als bestreite sie auch die Erfahrung.
Prüfebene Leitfrage Beispiel Erfahrung / Fakt Was ist tatsächlich beobachtbar? Wie groß, wo, seit wann und für wen? Wohnraum ist knapp; ein Amt ist überlastet; eine Tat hat stattgefunden. Ursachenzuschreibung Welche Faktoren tragen nachweisbar bei? Was wird ausgelassen oder personalisiert? Liegt es an Zuzug, Baupolitik, Bodenmarkt, Personal, Finanzierung, Verfahren - oder an einer Kombination?
Lösung / Wirkung Würde die vorgeschlagene Maßnahme das Problem ursächlich verringern? Welche Nebenwirkungen entstehen? Senkt die Maßnahme Mieten, Wartezeiten oder Risiken - und was bewirkt sie für Rechte, Vertrauen und Zusammenhalt? Der Satz „Die Mieten sind zu hoch“ kann empirisch richtig sein. Die Folgerung „Das liegt allein an Migration“
ist eine eigene Kausalbehauptung. Die Forderung „Dann muss nur die Grenze geschlossen werden“ ist eine dritte, wirkungsbezogene Behauptung. Wer diese Ebenen trennt, kann Erfahrung anerkennen, Ursache prüfen und Lösung bewerten, ohne eine falsche Gesamterzählung zu übernehmen.
Praktische Kommunikationsregel: Erfahrung anerkennen heißt nicht, die angebotene Ursache oder Lösung zu übernehmen. Man kann sagen: „Ja, die Lage ist belastend. Gerade deshalb müssen wir präzise prüfen, wodurch sie entsteht und welche Maßnahme tatsächlich hilft.“
7.4 Dasselbe Wort unter anderem Licht: Was bedeutet „Demokratie“?
Die Schachbrettmetapher wird besonders deutlich, wenn beide Seiten dasselbe Wort benutzen. „Demokratie“
klingt zunächst wie ein gemeinsamer Grauwert. Doch die angenommene Beleuchtung kann verschieden sein.
Eine liberale Demokratie verbindet Mehrheitsherrschaft mit Grundrechten, Rechtsstaatlichkeit,
Gewaltenteilung, Minderheitenschutz, unabhängigen Institutionen und pluralistischem Streit. Ein rein majoritäres Demokratieverständnis kann dagegen annehmen, eine Mehrheit dürfe weitgehend ungebremst durchsetzen, was sie will. Eine repräsentative WZB-Studie auf Grundlage einer Befragung von Dezember 2023 zeigt genau diese Differenz. Stark ausgeprägte AfD-Unterstützer:innen maßen Demokratie häufig große Bedeutung bei und äußerten starke Sorge um ihre Zukunft. Zugleich befürworteten sie im Durchschnitt häufiger majoritäre, unmittelbar-voluntaristische und anti-pluralistische Demokratievorstellungen als andere Befragte. Ihre Unzufriedenheit kann deshalb auf einem anderen Bewertungsmaßstab beruhen als die Unzufriedenheit liberal-demokratisch orientierter Bürger:innen (Boese-Schlosser, Meißner & Ziblatt 2026).
Das ist analytisch wichtiger als die schnelle Diagnose „Sie sind gegen Demokratie“. Menschen können sich subjektiv als Verteidiger:innen der Demokratie erleben und zugleich institutionelle Begrenzungen ablehnen, die zur liberalen Demokratie gehören. Kommunikation wirkt hier, indem sie denselben Begriff mit einer anderen institutionellen Beleuchtung versieht.
7.5 Wirkungen erster, zweiter und dritter Ordnung Der Rechtsruck wird unterschätzt, wenn nur gefragt wird, ob ein einzelner Satz sofort eine Stimme für die AfD erzeugt. Politische Kommunikation entfaltet oft gestufte Wirkung.
Wirkung erster Ordnung: Eine Aussage lenkt Aufmerksamkeit, löst Emotion aus, aktiviert einen Frame oder verändert die spontane Deutung eines Ereignisses.
Wirkung zweiter Ordnung: Wiederholung und soziale Reaktion verändern Themenagenda, Vertrauen, Gruppengrenzen, Sagbarkeit und die Erwartung, welche Haltung gesellschaftlich verbreitet oder akzeptabel sei. Wirkung dritter Ordnung: Die veränderten Erwartungen gehen in Parteistrategien, Wahlentscheidungen, Koalitionsoptionen, Gesetze, Behördenpraxis, Medienroutinen und die demokratische Korrekturfähigkeit selbst ein. Gerade die dritte Ordnung verbindet Kommunikation und Wirkungsökonomie. Eine Aussage ist dann nicht mehr bloß „Meinung“. Sie hat die Bedingungen verändert, unter denen künftige Entscheidungen getroffen werden. Der Resonanzraum wird zur Institution.
7.6 Rückkopplung: Wahlerfolg wird zum neuen Wirkstoff (didaktische Analogie) Ein Wahlerfolg ist nicht nur Ergebnis vorheriger Kommunikation. Er wirkt selbst weiter. Er erzeugt Medienaufmerksamkeit, Personal, Geld, parlamentarische Redezeit, organisatorische Stabilität und den Eindruck gesellschaftlicher Normalität. Andere Parteien passen Themen und Ton an. Bürger:innen aktualisieren ihre Vorstellung davon, was mehrheitsfähig werden könnte. Das Ergebnis wird zum neuen Auslöser. Damit schließt sich Maturanas strukturelle Kopplung: Partei, Öffentlichkeit, Medien, Gegner:innen und Wählerschaft verändern sich in wiederholten Interaktionen gegenseitig. Die AfD wirkt nicht erst, wenn sie regiert. Sie wirkt, sobald ihre Begriffe, Themenprioritäten und Konfliktlinien die Kommunikationsstruktur anderer Akteure verändern.