Der versoehner und die wellen · Onlinefassung · Abschnitt 10 von 23

Welle 4: Resonanz#

PDF-Fassung

Die vierte Welle fragt: Wer greift das auf? Wo findet es Anschluss?

Der Podcast trifft auf mehrere Resonanzräume zugleich.

Der erste Resonanzraum ist ostdeutsche Anerkennungskränkung.

Viele Menschen im Osten kennen das Gefühl, dass ihre Biografien nach 1990 weniger zählten. Wer erlebt hat, dass westdeutsche Institutionen, Eigentümer, Manager, Medien und Deutungen dominant wurden, kann sich in der Erzählung vom überfahrenen Osten wiederfinden. Höcke bietet dafür eine einfache emotionale Formel:

Nicht nur eure Erfahrung wurde entwertet. Ihr seid die, die noch etwas Echtes bewahrt haben.

Das ist stark. Denn es verwandelt Kränkung in Überlegenheit.

Der zweite Resonanzraum ist Anti-Eliten-Affekt.

Wenn jemand Institutionen ohnehin misstraut, wird die Erzählung von „Kartell“, „Antilite“ und fremdbestimmter Politik anschlussfähig. Kritik an Höcke kann dann leicht als weiterer Beweis gelten, dass das System seine Gegner isolieren will. Der Podcast selbst arbeitet mit diesem Motiv: Die Brandmauer verhindere die notwendige Debatte. Der dritte Resonanzraum ist Anti-Amerikanismus ohne Selbstbezeichnung.

Höcke sagt ausdrücklich, er sei kein Antiamerikaner. Gleichzeitig beschreibt er Amerikanismus als Antithese zum Deutschtum, Westdeutschland als amerikanisch usurpiert und transatlantische Netzwerke als Quelle fremder Interessenpolitik. Das erzeugt Anschluss für Menschen, die sich von den USA oder vom Westen abhängig fühlen, ohne sich selbst als antiwestlich verstehen zu wollen.

Der vierte Resonanzraum ist geschichtspolitische Entlastung.

Wenn Höcke sagt, die deutsche Geschichte sei kein Verbrecheralbum, und „dieses Verbrechen“ sei nicht im Namen des deutschen Volkes geschehen, entsteht ein Angebot: Erinnerung ja, aber ohne belastende nationale Selbstbeschreibung. Das ist emotional attraktiv, weil es Stolz ermöglicht. Gleichzeitig ist es wirkungsriskant, weil Verantwortung von der nationalen Geschichte auf Diktatur, Geheimhaltung und Mitläufertum verschoben wird.

Der fünfte Resonanzraum ist mediale Empörung.

Die Zuspitzung „Westdeutsche sind keine Deutschen“ erzeugt Gegenreaktion. Diese Gegenreaktion erhöht wiederum Reichweite. Und sie bestätigt dem Publikum, das sich ohnehin als ausgegrenzt erlebt: Seht ihr, man darf es nicht sagen. Das ist die klassische Falle vieler Gegenreaktionen. Der WÖK-Artikel zu rechter Sprache beschreibt genau das: Reine Empörung kann Provokationskommunikation nützen, weil sie Reichweite erhöht, Aufmerksamkeit bindet und die Selbstinszenierung als Tabubrecher bestätigt. (Wirkungsökonomie) Darum lautet die bessere Antwort nicht: nur empören.

Sie lautet: entwirren.