Der versoehner und die wellen · Onlinefassung · Abschnitt 11 von 23

Welle 5: Verschiebung#

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Die fünfte Welle ist die gefährlichste, weil sie nicht immer sofort sichtbar ist.

Sie fragt: Was kann sich verschieben? Im Podcast liegen mehrere mögliche Verschiebungen.

1. Von Staatsbürgerschaft zu kultureller Echtheit Rechtlich ist Deutschsein im Grundgesetz nicht nach Ost oder West, Kulturgeschmack oder Amerikakritik sortiert. Art. 116 GG knüpft den Begriff des Deutschen unter anderem an die deutsche Staatsangehörigkeit.

(Dejure) Höckes Aussage verschiebt Deutschsein dagegen in einen kulturellen Echtheitsraum. Westdeutsche können dann formal deutsch sein, aber kulturell verdächtig. Ostdeutsche erscheinen als authentischer. Das verändert nicht sofort Pässe oder Rechte. Aber es verändert die symbolische Ordnung.

Und symbolische Ordnungen sind politisch relevant. Wer als „nicht mehr wirklich deutsch“ gilt, wird leichter als weniger legitimer Sprecher nationaler Interessen wahrgenommen.

2. Von politischer Kritik zu Loyalitätsprüfung Man kann Friedrich Merz, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Roderich Kiesewetter oder andere Politiker hart kritisieren. Das ist demokratisch normal.

Etwas anderes passiert, wenn politische Kritik mit der Behauptung verbunden wird, diese Elite sei keine deutsche Elite, könne mit Deutschland nichts anfangen oder hasse Deutschland.

Dann geht es nicht mehr nur um falsche Politik. Es geht um nationale Untreue.

Der Wirkpfad ist klar: Wer dem Gegner die Zugehörigkeit abspricht, muss ihn nicht mehr nur widerlegen. Er muss ihn ersetzen. 3. Von Institutionenkritik zu Institutionenverdacht Kritik an Parteienmacht, Lobbyismus und fehlender Beteiligung ist legitim. Eine Wirkungsökonomie würde solche Fragen sogar ausdrücklich stellen: Welche Institutionen erzeugen welche Wirkung? Welche Rückkopplung fehlt? Welche Macht bleibt unsichtbar?

Aber wenn Parteien pauschal als Okkupationskräfte und die Bundesrepublik als Opfer eines Raubzugs beschrieben werden, kippt Reformkritik in Systemverdacht.

Das kann demokratische Korrekturfähigkeit schwächen. Denn Institutionen, die Vertrauen verlieren, können auch dann schlechter wirken, wenn sie tatsächlich reformfähig wären.

4. Von pluraler Geschichte zu Rückeroberungsgeschichte Geschichte ist immer Streit um Deutung. Aber im Podcast wird die deutsche Geschichte nicht nur pluralisiert.

Sie soll aus der „Siegergeschichtsschreibung“ befreit werden.

Das kann einen Wirkpfad öffnen, in dem historische Verantwortung als fremde Zumutung erscheint. Nicht jede Kritik an Erinnerungskultur ist geschichtsrevisionistisch. Aber die Kombination aus Entfremdungsdiagnose, Siegergeschichtsschreibung, nationaler Selbstbefreundung und Stolzpflicht ist wirkungsrelevant. 5. Von Versöhnung zu sortierter Zugehörigkeit Der größte Widerspruch des Podcasts ist der Titel: „Ich bin der Versöhner.“

Versöhnung würde bedeuten: unterschiedliche Erfahrungen anerkennen, ohne eine Seite zur echten Nation und die andere zur Ersatzidentität zu erklären.

Im Podcast passiert aber etwas anderes: Die Spaltung wird nicht aufgehoben. Sie wird mit Bedeutung aufgeladen. Ost und West werden nicht als unterschiedliche historische Erfahrungsräume gelesen, sondern als unterschiedlich authentische Träger des Deutschen.

Das ist keine Versöhnung im demokratischen Sinn. Es ist eine Vorentscheidung darüber, wer noch näher am Ursprung steht.