Der versoehner und die wellen · Onlinefassung · Abschnitt 20 von 23
10. Der Podcast als Resonanzarchitektur#
Am Ende sollte man den Podcast nicht nur als Interview betrachten. Er ist eine Resonanzarchitektur.
Eine Resonanzarchitektur ist ein Format, das nicht nur Inhalte transportiert, sondern auswählt, welche Gefühle, Rollen und Deutungen plausibel werden.
In diesem Podcast entsteht folgende Architektur:
Köppel öffnet den geschichtsphilosophischen Raum.
Höcke füllt ihn mit Untergang, Entfremdung, Elitenverdacht, Identitätsrückgewinnung und Versöhner- Selbstbild. Die Zuspitzungen erzeugen mediale Anschlussfähigkeit.
Die Gegenreaktionen erhöhen Reichweite. Das Publikum erhält keine nüchterne Problemanalyse, sondern eine große Erzählung: Deutschland muss zu sich selbst zurückfinden. Das ist wirkungsstark, weil es nicht nur eine Meinung anbietet. Es bietet Sinn.
Und Sinn ist politisch mächtig. Demokratische Öffentlichkeit darf diesen Sinnbedarf nicht unterschätzen. Menschen brauchen nicht nur Zahlen. Sie brauchen Orientierung, Zugehörigkeit und eine Vorstellung davon, dass Zukunft gestaltbar ist.
Wenn demokratische Sprache nur verwaltet, während autoritäre oder identitäre Sprache Sinn anbietet, entsteht ein Ungleichgewicht. Die Antwort auf Höcke kann deshalb nicht nur lauten: weniger Pathos, mehr Fakten.
Sie muss lauten: bessere Wirklichkeitserzählung.
Eine Erzählung, die echte Probleme nicht leugnet, aber keine Sündenböcke braucht.
Eine Erzählung, die Ostdeutsche nicht belehrt und Westdeutsche nicht entwertet.
Eine Erzählung, die nationale Zugehörigkeit demokratisch statt völkisch denkt.
Eine Erzählung, die Institutionen nicht sakralisiert, aber ihre Korrekturfunktion schützt.
Eine Erzählung, die Geschichte nicht beschönigt und trotzdem positive Zukunft ermöglicht.
Eine Erzählung, die sagt: Wir können ein gemeinsames Land bauen, ohne uns erst gegenseitig die Echtheit abzusprechen.