Sprache als politischer wirkstof… · Onlinefassung · Abschnitt 12 von 22
9. Der Fehler vieler Gegenreaktionen#
Viele demokratische Reaktionen machen rechte Kommunikation ungewollt stärker. Das geschieht vor allem auf vier Wegen. Erstens: Man wiederholt den Frame. Wer ständig sagt „Wir leben nicht in einer Diktatur“, wiederholt das Wort Diktatur. Wer nur sagt „Migration ist keine Invasion“, wiederholt den Invasionsframe. Das kann notwendig sein, wenn eine Behauptung sehr präsent ist, aber es darf nicht die einzige Reaktion bleiben.
Zweitens: Man moralisiert ohne Lösung. Wer reale Probleme nur mit Haltungsappellen beantwortet, überlässt die Problembeschreibung den Rechten. Wenn Kommunen überfordert sind, Schulen Personalmangel haben oder Menschen sich im öffentlichen Raum unsicher fühlen, reicht es nicht zu sagen:
„Seid nicht rassistisch.“ Man muss zeigen, welche konkrete Politik die Lage verbessert, ohne Sündenböcke zu produzieren. Drittens: Man beschämt potenzielle Adressaten. Pauschale Abwertung von AfD-Wählerinnen und - Wählern stärkt den Opferframe. Wer Menschen das Gefühl gibt, sie seien moralisch minderwertig, macht es ihnen schwerer, ihre Position zu überprüfen. Scham führt selten zu demokratischer Öffnung; sie führt oft zu Trotz. Viertens: Man reagiert nur empört. Empörung ist verständlich. Aber reine Empörung ist für Provokationskommunikation oft nützlich. Sie erhöht Reichweite, bindet Aufmerksamkeit und bestätigt die Selbstinszenierung als Tabubrecher.