Wirkungswissenschaften wirkungsf… · Onlinefassung · Abschnitt 8 von 26
2. Forschungsstand: Vorarbeiten und Anschlussfelder#
Der Begriff Wirkung ist wissenschaftlich keineswegs leer. In der deutschen Debatte existiert Wirkungsforschung als Bezeichnung für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Folgen menschlichen Handelns, etwa von Technik, Gesetzesentwürfen oder Steueränderungen, bezogen auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Bewertungsaspekte (Gabler Wirtschaftslexikon, o. D.). Schon diese Definition zeigt eine deutliche Nähe zum hier entwickelten Rahmen: Wirkung wird als Folgenfrage verstanden und Interdisziplinarität erscheint als notwendige Bedingung. Dennoch bleibt die klassische Wirkungsforschung meist methodisch und gegenstandsbezogen: Sie untersucht bestimmte Maßnahmen, Programme, Technologien oder Interventionen.
In der internationalen Evaluationsliteratur sind Theory of Change, Contribution Analysis, Impact Evaluation und realist evaluation zentrale Bezugspunkte. Contribution Analysis dient etwa dazu, den Beitrag einer Intervention zu beobachteten Outcomes oder Impacts systematisch zu verstehen; Mayne beschreibt sie als Verfahren, das die hinter einem Programm liegende Theory of Change prüft und andere Einflussfaktoren berücksichtigt (Mayne, 2008; BetterEvaluation, 2024; UNDP, o. D.). Diese Ansätze sind für die Wirkungsökonomie methodisch wichtig, weil sie vor Scheinkausalität schützen. In komplexen Systemen lässt sich Wirkung selten einfach und vollständig zuschreiben; häufig ist die plausibilisierte Beitragslogik angemessener als eine harte monokausale Attribution.
Das Impact-Management-Feld hat den Wirkungsbegriff ebenfalls präzisiert. Impact Frontiers definiert Impact als Veränderung eines Outcomes, die durch eine Organisation verursacht wird; Impact kann positiv oder negativ, beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein (Impact Frontiers, o. D.). Der Social Return on Investment bietet einen Rahmen zur Messung, Steuerung und Bilanzierung sozialer und ökologischer Werte (Social Value International, 2012/2026). Diese Felder bringen wertvolle Unterscheidungen ein: Outcome statt bloßer Output, positive und negative Wirkung, beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen, Stakeholderperspektive, Monetarisierung gesellschaftlichen Werts.
Auch Nachhaltigkeitswissenschaft und Transformation Studies bilden wichtige Vorarbeiten. Sustainability Science wird als anwendungsorientiertes Wissenschaftsfeld verstanden, das die Interaktionen zwischen natürlichen und sozialen Systemen und die Herausforderung nachhaltiger Entwicklung untersucht (Kates, 2011). Die SDGs der Vereinten Nationen bieten einen global verhandelten Zielrahmen für nachhaltige Entwicklung; die Agenda 2030 enthält 17 Ziele und 169 Unterziele (United Nations, o. D.). Die Donut- Ökonomie beschreibt einen sicheren und gerechten Handlungsraum zwischen sozialem Fundament und
planetarer Obergrenze (Doughnut Economics Action Lab, o. D.). Beyond-GDP-Ansätze, etwa der OECD Well- being Framework, zeigen, dass BIP wirtschaftlichen Output misst, aber nicht beantwortet, ob das Leben insgesamt besser wird und für wen (OECD, o. D.).
Schließlich bilden ESG, CSRD, ESRS, GRI, EU-Taxonomie, NACE und digitale Produktpässe die entstehende Daten- und Berichtsinfrastruktur. Unternehmen, die unter die CSRD fallen, müssen nach den European Sustainability Reporting Standards berichten (European Commission, 2026). Die GRI Standards stellen weltweit genutzte Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung bereit (GRI, o. D.). Für die Wirkungsökonomie sind diese Standards nicht das Ziel, sondern eine Voraussetzung: Sie erzeugen Wirkungsdaten, die bisher häufig in Berichten verbleiben, aber künftig in Preise, Steuern, Kapitalzugang, Beschaffung und Governance rückgekoppelt werden könnten.
2.1 Die Gemeinsamkeit der Vorarbeiten Die genannten Felder teilen eine Grundintuition: Wirtschaftliche, politische, soziale, technologische und kommunikative Aktivitäten müssen an ihren Folgen gemessen werden. Die reine Betrachtung von Input, Output oder finanzieller Rendite reicht nicht aus. Diese Intuition verbindet Wirkungsforschung, Impact Measurement, Evaluation, Nachhaltigkeitswissenschaft, SROI, Beyond GDP, Donut-Ökonomie, ESG und Gemeinwohlorientierung. 2.2 Die Grenze der Vorarbeiten Die Grenze liegt in der Fragmentierung. Die bestehenden Felder beantworten jeweils Ausschnitte der Wirkungsfrage. Evaluation fragt, ob ein Programm gewirkt hat. SROI fragt, wie sozialer Wert erfasst und gegebenenfalls monetarisiert werden kann. ESG fragt, welche Nachhaltigkeitsrisiken und -wirkungen berichtbar werden. Donut-Ökonomie beschreibt einen Zielraum. Beyond GDP fragt nach breiterer Wohlstandsmessung.
Nachhaltigkeitswissenschaft analysiert Mensch-Umwelt-Systeme. Was fehlt, ist eine durchgehende Ordnung, die Wirkung als gemeinsame Grundkategorie von Erkenntnis, Bewertung und Steuerung aufbaut.
Die Wirkungsökonomie ist hier nicht bloß ein weiteres Instrument. Sie verschiebt den Ort der Wirkungsfrage.
Wirkung wird nicht nachträglich an Projekte angehängt, sondern in die Architektur gesellschaftlicher Rückkopplung eingebaut. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Hat diese Maßnahme gewirkt?
Sondern: Wie muss ein System gebaut sein, damit Wirkungen sichtbar, bewertet, nicht schöngerechnet und in künftige Entscheidungen zurückgeführt werden?
Feld Leistung Grenze aus Sicht der Wirkungsökonomie Wirkungsforschung / Evaluation Prüft Wirkungen von Programmen, Maßnahmen und Interventionen.
Häufig nachgelagert, projektbezogen und methodisch fragmentiert.
Impact Management / SROI Macht Outcomes und sozialen Wert sichtbarer.
Fokus häufig auf Organisationen, Projekte oder Investments; begrenzte Systemrückkopplung.
Sustainability Science Analysiert Mensch-Umwelt-Systeme und Nachhaltigkeitstransformation.
Bietet Wissen, aber nicht automatisch Preis-, Steuer- und Kapitalarchitektur.
ESG / CSRD / GRI Standardisiert Nachhaltigkeitsdaten und Berichtspflichten.
Reporting beschreibt; ohne Rückkopplung bleibt die Steuerungswirkung begrenzt.
Donut / Beyond GDP Erweitert Ziel- und Wohlstandsverständnis.
Beschreibt Zielräume und Indikatoren, aber nicht vollständig die gesellschaftliche Wirkungslenkung.
Wirkungsökonomie Koppelt Wirkung in Anreize, Preise, Steuern, Kapital, Recht, Medien und Governance zurück.
Benötigt robuste Daten, demokratische Sicherung und Schutz vor Technokratie und Simulation.