Wirkungswissenschaften wirkungsf… · Onlinefassung · Abschnitt 14 von 26
7. Wirkungsforschung als methodische Teildisziplin#
Wirkungsforschung ist innerhalb der Wirkungswissenschaften die methodische Teildisziplin, die Wirkungen, Wirkungspotenziale, Wirkmechanismen, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Wirkungsrisiken und Transformationsbeiträge empirisch, theoretisch und systemisch untersucht. In der Weiterentwicklung durch Natalie Weber wird sie von einer nachträglichen Evaluationspraxis zu einer voraus-, begleit- und rückkoppelnden Forschungsform erweitert. Diese Formulierung ist bewusst vorsichtig. Wirkungsforschung existierte bereits vor der Wirkungsökonomie.
Sie hatte Sinn als Evaluations-, Prüf- und Folgenforschungsfeld. Neu ist nicht, dass Wirkung wissenschaftlich untersucht wird. Neu ist, dass Wirkungsforschung im Weber’schen Rahmen einen systemischen Ort erhält: Sie wird zur methodischen Werkstatt einer umfassenden Wirkungswissenschaft und zur epistemischen Voraussetzung einer Wirkungsökonomie. Klassische Wirkungsforschung prüft häufig, ob eine Intervention gewirkt hat. Die systemische Wirkungsforschung fragt zusätzlich: Welche Wirkungspotenziale wurden erzeugt? Welche Wirkpfade sind plausibel? Welche Nebenwirkungen sind entstanden? Welche Rückkopplungen wurden ausgelöst? Welche Wirkungsrisiken wurden übersehen? Welche Datenqualität liegt vor? Welche Annahmen sind unsicher? Welche Wirkungsgrenzen dürfen nicht überschritten werden?
7.1 Alte und neue Wirkungsforschung Dimension Klassische Wirkungsforschung Systemische Wirkungsforschung im Weber’schen Rahmen Zeitpunkt Häufig ex-post: Was hat gewirkt? Ex-ante, begleitend, ex-post und rückkoppelnd.
Gegenstand Programme, Projekte, Interventionen, Maßnahmen.
Handlungen, Unterlassen, Produkte, Preise, Narrative, Kapitalflüsse, Institutionen, Systeme.
Kausalität Attribution oder Evaluationslogik. Beitrag, Wirkpfade, Mechanismen, Kontext, Unsicherheit.
Systembezug Teilweise begrenzt auf Zielgruppe oder Projekt.
Rückkopplungen, Nebenwirkungen, Wirkungsordnungen, Wirkungsräume.
Rolle Prüfung und Nachweis. Prüfung, Warnsystem, Lernen, Governance, Rückkopplung.
Ziel Erkenntnis über Maßnahmenerfolg. Erkenntnis und Gestaltung positiver Netto-Wirkung.
7.2 Zentrale Regeln systemischer Wirkungsforschung Wirkung ist nicht Absicht. Eine gute Absicht beweist keine positive Wirkung.
Wirkung ist nicht Output. Ein Output kann ohne relevante Zustandsveränderung bleiben.
Wirkung ist nicht automatisch kausal zuschreibbar. Häufig ist Beitrag plausibler als vollständige Attribution.
Wirkung braucht Kontext. Dieselbe Maßnahme kann in unterschiedlichen Wirkungsräumen unterschiedliche Folgen haben. Wirkung braucht Zeit. Manche Wirkungen treten verzögert ein, manche verschwinden wieder, manche kippen erst nach Schwellen. Wirkung braucht Nebenfolgenanalyse. Positive Erstwirkung kann negative Zweit- oder Drittwirkungen auslösen.
Wirkungsforschung muss Unsicherheit offenlegen. Modellierte Wirkung darf nicht als sicherer Nachweis erscheinen. Wirkungsforschung muss ihre eigene Wirkung reflektieren. Messung verändert Verhalten und kann Wirkungssimulation erzeugen. 7.3 Forschungsformen Ex-ante-Wirkungsforschung: untersucht vor einer Entscheidung mögliche Wirkungspotenziale, Wirkungsrisiken, Wirkpfade und Nebenfolgen.
Begleitende Wirkungsforschung: beobachtet während der Umsetzung, ob Wirkmechanismen greifen, Nebenwirkungen entstehen und Anpassungen nötig sind.
Ex-post-Wirkungsforschung: prüft nach der Umsetzung, welche Zustandsveränderungen tatsächlich eingetreten sind. Systemische Wirkungsforschung: untersucht Rückkopplungen, Wechselwirkungen, Schwellen, Resonanzräume und Wirkungsordnungen. Transformationsforschung nach Wirkung: fragt, ob Maßnahmen nicht nur Einzelzustände verbessern, sondern künftige Handlungspfade, Standards, Märkte oder Institutionen verändern.
Wirkungssimulationsforschung: analysiert, wie Akteure Wirkung vortäuschen, Kennzahlen optimieren oder Wirkungsbilder erzeugen, ohne reale Zustände zu verbessern.