Wirkungswissenschaften wirkungsf… · Onlinefassung · Abschnitt 13 von 26
6. Wirkungswissenschaften als neuer Dachrahmen#
Wirkungswissenschaften bezeichnen den von Natalie Weber im Kontext der Wirkungsökonomie begründeten inter- und transdisziplinären Wissenschaftsrahmen, der Wirkung als tatsächliche Veränderung von Zuständen untersucht, bewertet und in gesellschaftliche Lern-, Entscheidungs- und Steuerungsprozesse rückkoppelt. Sie führen verstreute Ansätze der Wirkungsforschung, Evaluation, Nachhaltigkeitswissenschaft, Impact-Messung, Folgenabschätzung, Systemtheorie und Transformationsforschung in einer gemeinsamen Leitkategorie zusammen: Wirkung für Mensch, Planet und Demokratie.
Die Wirkungswissenschaften sind keine Disziplin im engen Sinn wie Chemie, Soziologie oder Volkswirtschaftslehre. Sie sind eher eine Disziplinenfamilie und eine wissenschaftliche Rahmung. Ihr Gegenstand ist Wirkung. Ihre Erkenntnisfrage ist relational: Was verändert was, für wen, in welchem Raum, in welcher Zeit, über welche Mechanismen, mit welchen Nebenwirkungen, mit welcher Datenqualität, unter welchen Unsicherheiten und mit welcher normativen Bewertung?
Die Wirkungswissenschaften arbeiten auf drei Ebenen. Empirisch untersuchen sie beobachtbare Zustandsveränderungen. Systemisch untersuchen sie Rückkopplungen, Nebenwirkungen, Wirkungsordnungen, Wirkungsräume, Resonanzen, Engpässe und Kipppunkte. Normativ fragen sie, ob die Veränderung Mensch, Planet und Demokratie stärkt oder schwächt. Diese Ebenen dürfen nicht vermischt werden. Beschreibung, Erklärung und Bewertung sind unterscheidbar, aber sie müssen in einer verantwortlichen Wirkungsarchitektur zusammengeführt werden. 6.1 Gegenstand der Wirkungswissenschaften Der Gegenstand der Wirkungswissenschaften umfasst tatsächliche Zustandsveränderungen, Wirkungspotenziale, Wirkungsrisiken, Wirkmechanismen, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Wirkungsräume, Resonanzräume, Wirkungsdaten, Wirkungsbewertungen, Wirkungsgrenzen und Rückkopplungen. Damit unterscheiden sie sich von Disziplinen, die primär Dinge, Akteure, Märkte, Institutionen oder Kommunikation isoliert betrachten. Wirkungswissenschaften betrachten Relationen:
zwischen Auslöser und Zustandsveränderung, zwischen Handlung und Systemfolge, zwischen Messung und Verhalten, zwischen Daten und Anreiz. Tatsächliche Zustandsveränderungen: etwa Gesundheit, Sicherheit, Bildung, Vertrauen, Klima, Ressourcen, Arbeitsbedingungen, Teilhabe, Medienqualität, Rechtsstaatlichkeit oder demokratische Stabilität.
Wirkungspotenziale: Möglichkeitsräume vor der eingetretenen Wirkung, etwa durch Sprache, Preise, Algorithmen, Produkte, Gesetze oder Kapitalflüsse.
Wirkungsrisiken: Möglichkeiten negativer, unerwünschter oder systemisch destabilisierender Wirkungen.
Wirkmechanismen: Prozesse, durch die Wirkungen entstehen, etwa Preisänderungen, Anreizverschiebungen, Framing, Rebound-Effekte oder institutionelle Regeln.
Wirkungsrückkopplungen: Prozesse, durch die gemessene und bewertete Wirkung in Entscheidungen, Preise, Steuern, Kapital, Beschaffung, Recht, Medien oder Governance zurückgeführt wird.
6.2 Erkenntnisinteresse Wirkungswissenschaften wollen nicht nur verstehen, was war. Sie wollen verstehen, was wirkt, was wirken kann, was schadet, was transformiert, was verhindert, was verzögert, was verstärkt und was rückgekoppelt werden muss. Sie verbinden Wissenschaft mit gesellschaftlicher Lernfähigkeit. Dabei ersetzen sie klassische Wissenschaftskriterien wie Prüfbarkeit, Nachvollziehbarkeit, Methodensorgfalt und Kritikfähigkeit nicht. Sie erweitern diese Kriterien um Systemwirkung, Kontext, Zeit, Resonanz, Verantwortung und Rückkopplung.
6.3 Normativer Referenzrahmen Die Wirkungswissenschaften im Weber’schen Sinn sind nicht wertneutral in dem Sinne, dass jede Zustandsveränderung gleichgültig wäre. Sie unterscheiden Beschreibung und Bewertung. Beschreibung fragt:
Was verändert sich? Bewertung fragt: Wie ist diese Veränderung gemessen an Mensch, Planet und Demokratie einzuordnen? Der Referenzrahmen sind die SDGs, die Agenda 2030 und SDG+ als transparente Erweiterung für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Medienqualität, Diskursfähigkeit, institutionelles Vertrauen, digitale Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Damit werden Wirkungswissenschaften nicht zu einer moralischen Setzung aus privater Präferenz. Sie verwenden einen öffentlich nachvollziehbaren Rahmen. Die SDGs sind ein global verhandelter Zielrahmen; SDG+ ergänzt jene demokratischen und institutionellen Voraussetzungen, ohne die die SDGs nicht stabil erreicht werden können. Entscheidend ist die Transparenz: SDG+ ist keine offizielle UN-Kategorie, sondern eine explizite Erweiterung der Wirkungsökonomie.