Nachhaltigkeit Systemarchitektur · Onlinefassung · Abschnitt 10 von 11

VIII.1 Von Systemarchitektur zu Systemresilienz#

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Systemarchitektur und Systemresilienz bezeichnen unterschiedliche, aber gekoppelte Ebenen. Die Systemarchitektur beschreibt Regeln, Daten, Institutionen, Rückkopplungen und Strukturen. Systemresilienz beschreibt, wie sich diese Architektur unter Belastung tatsächlich verhält: welche Störungen sie aufnimmt, welche Funktionen sie schützt oder wiederherstellt, wie weit sie von kritischen Schwellen entfernt bleibt und ob sie aus Belastungen lernt. Die Leitfrage lautet deshalb nicht nur, ob eine Architektur vorhanden ist, sondern: Resilienz wovon, gegenüber welcher Störung, für wen und zur Erhaltung welcher Funktionen? Die Antwort muss die Systemgrenze ausdrücklich benennen. Für Nachhaltigkeit ist sie das gekoppelte System Mensch-Planet- Demokratie. Unternehmensresilienz, Lieferkettenresilienz oder Infrastruktursicherheit sind wichtige Teilsystembeiträge, aber keine hinreichenden Definitionen von Nachhaltigkeit.

Die Stabilitätslandschaft lässt sich mit vier diagnostischen Aspekten beschreiben: Latitude (Spielraum im tragfähigen Bereich), Resistance (Widerstand gegen Zustandsveränderung), Precariousness (Abstand zu kritischen Schwellen) und Panarchy (Einflüsse anderer Systemebenen). Diese Aspekte bilden keine additive Rechenformel. Sie helfen, die Lage eines Systems im Kugel-Becken-Modell zu verstehen: Nicht die momentane Ruhe entscheidet, sondern Puffer, Dämpfung, Wiederherstellungsfähigkeit und der Weg zurück in einen tragfähigen Funktionsbereich. Stabilisierende, korrektive und regenerative Rückkopplungen sind hierfür die operative Ebene. Puffer dämpfen Schocks; Fehlerkorrektur erkennt und begrenzt Abweichungen; Wiederherstellung und Regeneration bringen Funktionen zurück; Lernschleifen verändern Annahmen; Transformation wird nötig, wenn die bestehende Struktur keine zukunftsfähige positive Netto-Wirkung mehr ermöglicht. Eine negative Rückkopplung kann in der Systemtheorie stabilisieren; sie ist nicht mit negativer Wirkung gleichzusetzen. Gemeint sind je nach Kontext destabilisierende Rückkopplungen, negative Wirkungen oder Störungen.

Nicht jede Resilienz ist normativ gut. Ein autoritärer oder faschistischer Machtapparat kann regimeresilient sein und zugleich Menschenwürde, Wahrheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Korrekturfähigkeit zerstören.

Wirkungsresilienz bindet Systemresilienz deshalb an Mensch, Planet und Demokratie, an SDGs, Agenda 2030 und SDG+ sowie an Nicht-Externalisierung und Nichtkompensation. Sie stabilisiert keinen unerwünschten Attraktor, sondern schützt oder stellt positive Netto-Wirkung innerhalb tragfähiger Grenzen wieder her.

Quellen: Holling (1973), DOI: 10.1146/annurev.es.04.110173.000245; Carpenter et al. (2001), DOI:

10.1007/s10021-001-0045-9; Walker et al. (2004), DOI: 10.5751/ES-00650-090205; Folke (2006), DOI:

10.1016/j.gloenvcha.2006.04.002; IPCC (2022), AR6 WGII Annex II: Glossary, DOI:

10.1017/9781009325844.029; ergänzend Kapitel 1 und 18.