In diesem Beitrag: Fukuyama, Anerkennung und die Befunde für Deutschland

Ein gesichertes Einkommen beantwortet nicht die Frage, ob man sich respektiert fühlt. Eine Wahl alle paar Jahre beantwortet nicht die Frage, ob man im Alltag Einfluss erlebt. Und ein bequemes Leben beantwortet nicht automatisch die Frage, wofür man gebraucht wird. An dieser Unterscheidung setzt Francis Fukuyamas Denken an: Menschen verfolgen nicht nur materielle Interessen. Sie suchen auch Anerkennung. [1]

Das macht seinen Ansatz für eine Frage interessant, die in Deutschland weit über die Politikwissenschaft hinausreicht: Warum wenden sich Menschen politischen Angeboten zu, die einen grundlegenden Bruch mit der bisherigen Politik versprechen? Fukuyamas Erklärung öffnet einen Blick auf Bedeutung und Zugehörigkeit. Sie ersetzt jedoch weder die Untersuchung wirtschaftlicher Lebenslagen noch die Analyse konkreter politischer Einstellungen.

Zuerst klären, was sich tatsächlich verändert hat

Ein greifbarer Befund ist das Bundestagswahlergebnis: Der Zweitstimmenanteil der AfD stieg von 10,4 Prozent im Jahr 2021 auf 20,8 Prozent 2025. Damit ist ein Stimmenzuwachs dokumentiert. Über die persönlichen Beweggründe der Wählenden sagt diese Zahl noch nichts. Sie bildet auch nicht sämtliche Veränderungen ab, die mit dem weit gefassten Wort „Rechtsruck“ gemeint sein können. [2]

Dieser Beitrag betrachtet deshalb vor allem Erklärungen für die gewachsene Unterstützung der AfD. Drei Dinge bleiben dabei getrennt: eine politische Verschiebung nach rechts, die Ablehnung liberal-demokratischer Regeln und die Bereitschaft zu Gewalt. Das sind unterschiedliche Untersuchungsgegenstände. Eine konservative Position ist nicht schon Extremismus; Unzufriedenheit mit einer Regierung ist nicht automatisch die Ablehnung der Demokratie. Eine Theorie über gewaltförmige Radikalisierung lässt sich nicht einfach auf Millionen Wahlentscheidungen übertragen.

Der Wunsch, jemand zu sein

Fukuyama verwendet für das Bedürfnis nach Anerkennung den aus der antiken Philosophie übernommenen Begriff „Thymos“. Vereinfacht geht es um die Frage, welchen Wert andere einem Menschen zugestehen. Er unterscheidet den Wunsch nach gleichwertiger Anerkennung, „Isothymia“, vom Wunsch nach überlegener Anerkennung, „Megalothymia“. Das ist ein philosophisches Menschenbild, keine medizinische Diagnose. [1]

Der Unterschied wird an zwei Fragen deutlich: Möchte jemand dieselben Rechte und denselben Respekt wie andere? Oder empfindet er es bereits als Verlust, wenn andere nicht mehr unter ihm stehen? Im ersten Fall fehlt Gleichstellung. Im zweiten steht eine bevorzugte Stellung infrage. Von außen können beide Erfahrungen wie Kränkung aussehen. Inhaltlich sind sie nicht dasselbe. Diese Unterscheidung gehört zu Fukuyamas Erklärung der Spannungen innerhalb einer Ordnung gleicher Bürgerrechte. [3], [1]

Für die Untersuchung einer konkreten Person ist damit noch nichts entschieden. Ein Einkommensverlust kann existenziell sein. Eine ausbleibende Anerkennung der eigenen Arbeit kann unabhängig davon belasten. Und eine politische Überzeugung kann schlicht eine Überzeugung sein, nicht der verkleidete Ausdruck einer Verletzung. Wer jedes politische Urteil psychologisch auflöst, nimmt den Menschen ihre inhaltlichen Positionen aus der Hand.

Eine Langeweile, die nichts mit freier Zeit zu tun hat

Bei Fukuyama kommt ein weiterer Gedanke hinzu: Menschen können Sicherheit genießen und sich trotzdem nach Herausforderung, Zugehörigkeit und Bedeutung sehnen. In seinem PBS-Gespräch vom September 2026 erläutert er Nietzsches Bild des „letzten Menschen“ als Problem einer Gesellschaft, deren Horizont manchen zu flach erscheint. Er verbindet diese Unzufriedenheit mit der Suche nach Gemeinschaft und Kampf. Das ist seine Interpretation, keine repräsentative Beschreibung Deutschlands. [4]

Gemeint ist nicht bloß ein leerer Sonntagnachmittag. Als anschauliches Gedankenbeispiel: Jemand kann beruflich ausgelastet sein und trotzdem kaum erleben, dass die eigene Arbeit etwas verändert. Es fehlt dann nicht an Terminen, sondern an Bedeutung. Umgekehrt kann ein ruhiges Leben als ausgesprochen sinnvoll erlebt werden. Deshalb führt die Gleichung „viel Wohlstand, wenig Beschäftigung, mehr Extremismus“ an der eigentlichen Frage vorbei.

Fukuyama formulierte die Vermutung bereits am Ende seines Aufsatzes „The End of History?“ von 1989: Die Aussicht auf eine lange, konfliktarme Zukunft könne selbst wieder Unruhe hervorbringen. Sein neues Buch „Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?“ greift die damit verbundenen Fragen erneut auf. Die deutsche Ausgabe erschien am 3. Juni 2026. [5], [6], [7]

Es wäre allerdings ein zusätzlicher, unbelegter Schritt, daraus eine Diagnose der deutschen Bevölkerung zu machen. Aus der Aussage „Auch befriedigte materielle Bedürfnisse lassen andere Bedürfnisse offen“ folgt nicht: „Den Menschen geht es zu gut.“ Ebenso wenig folgt daraus, dass Frieden oder gleiche Rechte ein Problem seien. Ein möglicher Erklärungsmechanismus ist noch kein Urteil über die Lebensführung anderer.

Was die Psychologie dazu untersucht hat

Die Langeweile-Frage ist nicht ausschließlich philosophisch. Wijnand van Tilburg und Eric Igou veröffentlichten 2016 eine Studie mit einem Experiment und zwei Befragungen in Irland. Sie fanden Hinweise, dass Langeweile und die Suche nach Sinn mit stärker ausgeprägten politischen Selbstverortungen zusammenhängen können. [8]

Die Grenzen sind für die Einordnung entscheidend: Das Experiment umfasste 97 Personen. Der Effekt in der kleinen konservativen Teilgruppe war nicht statistisch signifikant. Untersucht wurden weder die AfD noch deutsche Wahlen noch eine Entwicklung bis zur Gewalt. Die Forschenden betonten selbst, dass die Bedeutung dieses Faktors im tatsächlichen politischen Geschehen offenbleibt. Für Deutschland liefern diese Untersuchungen eine prüfbare Hypothese, keine fertige Erklärung. [9]

Eine verwandte Perspektive eröffnet das 3N-Modell von Arie Kruglanski, Jocelyn Bélanger und Rohan Gunaratna. Es verbindet ein Bedürfnis nach persönlicher Bedeutung mit einer ideologischen Erzählung und einem sozialen Netzwerk, das diese Erzählung bestätigt. Sein Gegenstand ist insbesondere gewaltförmige Radikalisierung. Die Kombination der drei Faktoren ist deshalb interessant; das Modell ist aber kein Steckbrief für Wählende einer bestimmten Partei. [10]

Warum daraus nicht automatisch eine rechte Haltung wird

Ein Bedürfnis legt noch nicht fest, auf welchem Weg es erfüllt wird. Wer Anerkennung sucht, kann sich in einem Verein engagieren, beruflich etwas aufbauen oder politisch aktiv werden. Aus fehlender Bedeutung allein lässt sich weder die Richtung einer politischen Überzeugung noch die Wahl einer bestimmten Partei ableiten.

Eine Erklärung des Rechtsrucks benötigt deshalb mehr als eine allgemeine Psychologie der Unzufriedenheit. Sie muss nach den konkreten Einstellungen, angebotenen Deutungen und verfügbaren Organisationen fragen. Welche Rolle spielen Vorstellungen von Nation, Migration, Gleichheit und Autorität? Was wird als Veränderung erlebt? Welche politischen Angebote passen dazu? Erst auf dieser Ebene wird aus einem allgemeinen menschlichen Bedürfnis eine Hypothese über einen bestimmten politischen Zusammenhang.

Der Unterschied ist auch für die Kommunikation wichtig: Eine sachliche Sorge, ein Statuskonflikt und ein bewusst vertretenes politisches Ziel können gleichzeitig vorkommen. Sie vorschnell unter dem Wort „Frust“ zusammenzufassen, erklärt wenig. Noch weniger erklärt die Annahme, eine große und unterschiedlich zusammengesetzte Wählerschaft werde von einem einzigen Gefühl angetrieben.

Die deutschen Daten passen nicht in eine einzige Geschichte

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke wertet SOEP-Daten von 2014 bis 2024 aus: 110.194 Beobachtungen von 31.985 Personen. In den untersuchten Modellen steht Sorge über Zuwanderung besonders deutlich mit AfD-Unterstützung in Verbindung. Zusätzliche Merkmale materieller oder empfundener Benachteiligung verbessern die statistische Erklärung vergleichsweise wenig. Die Daten erlauben jedoch keine vollständige Kausalerklärung, wie auch die Autoren einräumen. [11]

Der Befund passt nicht ohne Weiteres zu einer umfassenden Erklärung über mangelnde Anerkennung. Gemessene Zuwanderungssorgen sind nicht dasselbe wie gemessene Kränkung oder Langeweile. Die Studie lässt insbesondere nicht den Schluss zu, Migration verursache in einer bestimmten Größenordnung den AfD-Zuwachs. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen Einstellungen und Unterstützung, nicht die Wirkung einer konkreten Einwanderungsmenge. [11]

Andere Arbeiten setzen einen anderen Schwerpunkt. Leona Krauses ifo-Analyse mit Daten des Deutschland-Monitors 2022 findet Zusammenhänge zwischen AfD-Neigung und niedrigem tatsächlichem wie subjektiv wahrgenommenem Einkommen, geringerer Lebensqualität am Wohnort sowie Unzufriedenheit mit der Bundesregierung. Ökonomische Verhältnisse bleiben in dieser Untersuchung also Teil des Befunds. [12]

Eine DIW-Untersuchung zur Europawahl 2024 betrachtet wiederum Kreise statt einzelner Personen. Sie findet regionale Zusammenhänge mit wirtschaftlichen, strukturellen und demografischen Merkmalen und Unterschiede zwischen Ost und West. Daraus lässt sich nicht ablesen, dass jeder wirtschaftlich benachteiligte Mensch AfD wählt oder dass Menschen in einem bestimmten Landesteil dieselben Beweggründe haben. [13]

Die Studien beantworten unterschiedliche Fragen, verwenden unterschiedliche Zeiträume und messen unterschiedliche Größen. Dass eine Untersuchung einen starken Zusammenhang findet, macht andere Größen nicht bedeutungslos. Entscheidend ist zudem, ob ein Faktor eine Ursache, eine Folge oder ein Begleitmerkmal der politischen Bindung ist. Eine Haltung kann die Wahl einer Partei begünstigen; die Bindung an diese Partei kann ihrerseits beeinflussen, welche Themen jemand besonders wichtig findet.

Das Gefühl, keinen Einfluss zu haben

Ein weiterer deutscher Befund betrifft politische Mitsprache. In der OECD-Erhebung von 2023 lag der Anteil der Menschen mit hohem oder eher hohem Vertrauen in die Bundesregierung bei denjenigen, die politische Mitsprache erlebten, um 54 Prozentpunkte höher als bei denjenigen ohne dieses Gefühl. Die Daten wurden 2024 veröffentlicht; sie sind keine aktuelle Vertrauensmessung für Oktober 2026. [14]

Ebenso wenig bedeuten sie, dass ein Beteiligungsangebot das Vertrauen um 54 Punkte steigern würde. Ursache und Wirkung sind damit nicht geklärt. Wer Institutionen vertraut, kann auch seine Einflussmöglichkeiten günstiger einschätzen. Der Zusammenhang zeigt zunächst, wie eng zwei Erfahrungen verbunden sind. Die OECD behandelt politische Mitsprache auch in ihrem Bericht von 2026 erneut als wichtigen Faktor; die dortigen länderübergreifenden Befunde sind nicht automatisch Deutschlandwerte. [14], [15]

Für eine wirkungsorientierte Betrachtung ergibt sich daraus eine Unterscheidung: Es kann eine formale Möglichkeit zur Beteiligung geben, ohne dass Menschen Einfluss erleben. Es kann aber auch ein starkes Einflussgefühl entstehen, obwohl sich an Entscheidungsrechten nichts verändert hat. Tatsächliche Beteiligung und erlebte Beteiligung sind deshalb getrennt zu prüfen.

Kommunikation ist ein möglicher Verstärker, keine vollständige Erklärung

Ob eine politische Deutung Anschluss findet, hängt nicht nur von einem einzelnen Menschen ab. Für einen konkreten deutschen Zusammenhang zeigen Karsten Müller und Carlo Schwarz anhand von Daten aus den Jahren 2015 bis Anfang 2017, wie sich Facebook-Inhalte und Übergriffe auf Geflüchtete verbinden können. Sie nutzen unter anderem Internet- und Facebook-Ausfälle, um den Übertragungsmechanismus zu untersuchen. Das ist Evidenz zu einem eingegrenzten Gewaltkontext, keine Messung sämtlicher Ursachen heutiger Wahlentscheidungen. [16]

Als analytisches Modell lässt sich daraus eine Rückkopplung prüfen: Eine Person bringt eine Unzufriedenheit oder Überzeugung mit; eine Gruppe bietet eine passende Erklärung; Zustimmung aus dieser Gruppe verstärkt die Bindung; weitere Informationen werden stärker durch diese Bindung eingeordnet. Ob diese Abfolge tatsächlich vorliegt, muss am jeweiligen Fall untersucht werden. Ein plausibler Ablauf ist noch kein Nachweis seiner Häufigkeit. [10], [16]

Auch eine hohe Reichweite beweist keine Einstellungsänderung. Viele Menschen können einen Beitrag sehen, ohne ihm zuzustimmen. Viel Zustimmung unter einem Beitrag zeigt wiederum nicht, dass zuvor Unentschlossene ihre Meinung geändert haben. Wer Kommunikationswirkung untersuchen will, muss zwischen Sichtbarkeit, Zustimmung, Veränderung und tatsächlichem Verhalten unterscheiden.

Warum staatliche Leistungen dazugehören - aber nicht alles erklären

Fukuyama bleibt nicht bei Anerkennung und Langeweile stehen. Gemeinsam mit Chris Dann und Beatriz Magaloni argumentiert er 2025 im „Journal of Democracy“, dass erfahrbare öffentliche Leistungen für das Vertrauen in Demokratie wichtig sind. Die Autoren stellen Leistungsfähigkeit und demokratische Kontrolle dabei nicht als Alternativen dar. Ihr Argument betrifft die Verbindung von beidem. [17]

Thomas Carothers und Brendan Hartnett widersprechen einer zu weitreichenden Leistungserklärung. Auch in wirtschaftlich erfolgreichen Ländern könne Demokratie unter Druck geraten. Zu untersuchen seien daher ebenso die Entscheidungen politischer Führung und die Frage, weshalb institutionelle Begrenzungen wirksam bleiben oder versagen. Unzufriedenheit erkläre den Abbau demokratischer Regeln nicht allein. [18]

Für Deutschland heißt das zunächst: Eine ausbleibende Dienstleistung, ein politischer Streit und eine Veränderung demokratischer Regeln sind unterschiedliche Vorgänge. Die Reparatur des einen ist nicht automatisch die Erklärung des anderen. Ein Erklärungsmodell bleibt unvollständig, wenn es nur auf die Bevölkerung schaut und das Handeln von Parteien, Regierung, Parlament, Medien und weiteren Institutionen ausblendet.

Was eine wirkungsorientierte Betrachtung sichtbar macht

Die hier verwendete wirkungsökonomische Perspektive trennt drei Ebenen: Was verändert sich tatsächlich? Wie wird diese Veränderung von den Betroffenen erlebt? Und wie wird sie politisch gedeutet? Die Ebenen können zusammenpassen, müssen es aber nicht. Sie werden ausdrücklich nicht zu einer einzigen Stimmungsnote verrechnet.

Ein hypothetisches Beispiel macht das greifbar. Eine Kommune verbessert die Erreichbarkeit einer öffentlichen Einrichtung. Die bewilligte Summe und die Eröffnung sind zunächst eingesetzte Mittel und erbrachte Leistungen. Ob Wege kürzer werden, Termine zugänglich sind und die Einrichtung verlässlich arbeitet, betrifft die tatsächliche Veränderung. Ob Menschen diese Verbesserung kennen und als fair zugänglich erleben, ist eine weitere Frage. Und welche politische Schlussfolgerung sie daraus ziehen, eine dritte.

Die möglichen Folgen lassen sich zeitlich auseinanderhalten. Unmittelbar könnte der Zugang besser werden. Mittelbar könnten sich Belastungen im Alltag verändern. Auf längere Sicht könnte sich das Verhältnis zu öffentlichen Institutionen verändern. Keiner dieser Schritte darf allein aus der Ankündigung des Projekts abgeleitet werden. Andere Entwicklungen können die Folgen überlagern; Verbesserungen können verschiedene Gruppen unterschiedlich erreichen.

Auch die ökologische Seite gehört in ein solches Beispiel: Welche Energie und Ressourcen benötigt die neue Lösung, welche Wege ersetzt sie, welche Folgekosten entstehen? Das sind Prüfgrößen, keine bereits berechneten Ergebnisse. Eine unmittelbare Umweltwirkung von Fukuyamas Buch selbst wird damit nicht behauptet.

Die Sicht auf Mensch, Planet und Demokratie erweitert hier also den Untersuchungsraum. Sie liefert keine Rangliste politischer Akteure. Ein starkes Gemeinschaftsgefühl sagt noch nichts über den tatsächlichen Zugang anderer Menschen zu Leistungen oder Rechten. Umgekehrt lässt eine funktionierende Einrichtung nicht automatisch erkennen, ob Mitsprache und Kontrolle gewährleistet sind. Beides erfordert eigene Beobachtungen.

Meine Einordnung

Mich interessiert an Fukuyama vor allem die Frage, was zwischen einer gesellschaftlichen Leistung und ihrer politischen Wahrnehmung liegt. Einkommen, Anerkennung, Zugehörigkeit und Einfluss sind nicht austauschbar. Gerade deshalb reicht es nicht, einen Zusammenhang zu benennen und alles Weitere aus ihm abzuleiten.

Für die Erklärung des deutschen Rechtsrucks würde ich drei Fragen nebeneinanderstellen: Welche Lebenslagen verändern sich? Welche politischen Überzeugungen und Deutungen treffen darauf? Und was tun die beteiligten Organisationen und Institutionen? Die Langeweile-These ergänzt diese Fragen um eine mögliche Suche nach Bedeutung. Sie ersetzt keine von ihnen.

Ebenso wichtig ist mir, Wirkung nicht mit Zustimmung zu verwechseln. Menschen können eine tatsächliche Verbesserung politisch anders bewerten. Sie können einer Erzählung zustimmen, ohne dass die versprochene Verbesserung eintritt. Und sie können dieselbe Lage sehr unterschiedlich erleben. Eine wirkungsorientierte Analyse hält diese Unterschiede aus, statt sie mit einer einzigen Erklärung zu schließen.

Fukuyamas Perspektive führt damit zu einer offenen, überprüfbaren Frage: Unter welchen Bedingungen verbinden sich fehlende Anerkennung, geringe erlebte Mitsprache und politische Angebote zu einer veränderten Haltung? Die Antwort braucht Daten und konkrete Fälle. Ein Wahlzettel dokumentiert eine Entscheidung. Die Geschichte, die zu ihr geführt hat, steht nicht darauf.

Quellen und Lesegrundlage

Quellenbasis: Diese Werk- und Debattenanalyse beruht auf einem autorisierten Auszug aus den neuen Memoiren, zugänglichen Originalaufsätzen, Originalinterviews, Verlagsangaben und den genannten Studien. Der vollständige Text des neuen Buchs lag nicht vor. Es handelt sich daher nicht um eine vollständige Buchrezension. Philosophische Deutung, empirischer Befund und eigene wirkungsökonomische Übertragung werden unterschieden.

Recherche- und Abrufstand: 2. Oktober 2026. Erhebungszeiträume sind bei den jeweiligen Befunden ausgewiesen. Die verlinkten Titel führen zu den Quellen.

[1] Francis Fukuyama im Gespräch mit Yascha Mounk / Persuasion (2026). The Eras of Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man. Originalinterview; Erläuterung von Thymos, Isothymia und Megalothymia.

[2] Die Bundeswahlleiterin (14.03.2025). Bundestagswahl 2025: Endgültiges Ergebnis. AfD-Zweitstimmenanteil 2025: 20,8 Prozent; 2021: 10,4 Prozent. Amtliches Ergebnis, keine Motivbefragung.

[3] Francis Fukuyama / Persuasion (2026). The Beginning of the End of History. Mit Genehmigung des Verlags veröffentlichter Auszug aus den neuen Memoiren. Grundlage für die Werkinterpretation, nicht für eine Behauptung vollständiger Buchlektüre.

[4] Francis Fukuyama im Gespräch mit Walter Isaacson / PBS, Amanpour and Company (18.09.2026). After Francis Fukuyama’s “Last Man” Theory Came Donald Trump. Originalinterview, 18:08 Minuten; öffentliches Transkript.

[5] Hoffmann und Campe (2026; erschienen am 03.06.2026). Francis Fukuyama: Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?. Verlagsangaben: 272 Seiten; Übersetzung Helmut Dierlamm und Thomas Stauder; ISBN 978-3-455-02191-2.

[6] Francis Fukuyama / Stanford University (2026). In the Realm of the Last Man: A Memoir. Autorisierte Buchbeschreibung; englische Ausgabe September 2026. Kein Buchvolltext.

[7] Francis Fukuyama (1989). The End of History?. The National Interest, Nr. 16, S. 3-18; insbesondere Schlussabschnitt auf S. 18. Originalaufsatz als Hochschulkopie.

[8] Wijnand A. P. van Tilburg und Eric R. Igou (2016). Going to political extremes in response to boredom. European Journal of Social Psychology. Ein Experiment und zwei Befragungen in Irland. Gemessen wurden politische Selbstverortungen, nicht deutsche Wahlentscheidungen oder Gewalt.

[9] King’s College London (2016). Boredom can lead to more extreme political views. Forschungsbericht zur Studie [8]: Experiment n=97, Befragungen n=859 und n=300; konservative Teilgruppe im Experiment n=26, Effekt dort nicht statistisch signifikant. Autoren betonen begrenzte Übertragbarkeit.

[10] Arie W. Kruglanski, Jocelyn J. Bélanger und Rohan Gunaratna (2019). Significance Quest Theory of Radicalization. Kapitel 3 in The Three Pillars of Radicalization, S. 34-64. Zugängliches Kapitelabstract zum 3N-Modell: Bedürfnisse, Erzählungen, Netzwerke. Schwerpunkt gewaltförmiger Extremismus, nicht Wahlverhalten.

Quellen (Fortsetzung)

[11] Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke (21.07.2026). Supporters of Germany’s far-right AfD party are concerned about immigration rather than feeling deprived. PLOS One 21(7), e0350403; SOEP 2014-2024, 110.194 Beobachtungen von 31.985 Personen. Beobachtungsdaten, keine experimentelle Bestimmung von Ursachen.

[12] Leona Krause / ifo Institut (2024). Pessimismus und Populismus - Wirtschaftliche Unsicherheit als Faktor für eine Sympathie zur AfD. ifo Dresden berichtet 31(6), S. 10-14. Multivariate Analyse des Deutschland-Monitors 2022; Einkommen, Lebensqualität und Institutionenzufriedenheit.

[13] Christian Franz, Adelina Garamow, Alexander S. Kritikos, Alexander Kriwoluzky und Marcel Fratzscher / DIW Berlin (2024). Wirtschaft, Demografie und strukturelle Missstände: Die Faktoren hinter dem Erfolg der AfD bei der Europawahl 2024. DIW Wochenbericht 30/2024, S. 479-488; insbesondere Fazit S. 487. Analyse auf Kreisebene; nicht gleichzusetzen mit individuellen Wahlmotiven.

[14] OECD (2024; Erhebung Oktober/November 2023). OECD Survey on Drivers of Trust in Public Institutions 2024 Results - Country Notes: Germany. Repräsentative erwachsene Bevölkerung. 54 Prozentpunkte Vertrauensunterschied nach erlebter politischer Mitsprache. Kein kausaler Beteiligungseffekt und keine aktuelle 2026-Messung.

[15] OECD (2026; Erhebung 2025). Political voice, barriers to participation and implications for trust in government. Kapitel des OECD Trust Survey 2026. Länderübergreifende Ergebnisse, nicht automatisch Deutschlandwerte.

[16] Karsten Müller und Carlo Schwarz (2021). Fanning the Flames of Hate: Social Media and Hate Crime. Journal of the European Economic Association 19(4), S. 2131-2167. Deutsche Facebook-/Gemeindedaten 2015 bis Anfang 2017; Internet- und Facebook-Ausfälle dienen zur Untersuchung des Übertragungsmechanismus. Keine Messung des gesamten Rechtsrucks.

[17] Francis Fukuyama, Chris Dann und Beatriz Magaloni (April 2025). Delivering for Democracy: Why Results Matter. Journal of Democracy 36(2), S. 5-19. Argumentiert für staatliche Leistungen und demokratische Verantwortlichkeit zugleich.

[18] Thomas Carothers und Brendan Hartnett (April 2025). Beyond Performance: Why Leaders Still Matter. Journal of Democracy 36(2), S. 20-22. Direkte Erwiderung: Leistungsprobleme erklären demokratischen Abbau nicht allein.