Der versoehner und die wellen · Onlinefassung · Abschnitt 2 von 23

Wellen#

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Eine wirkungsökonomische Analyse des Höcke-Köppel- Podcasts: warum ein Satz über Ost und West als öffentlicher Wirkungsimpuls gelesen werden muss. Digitale Lesefassung Für Bildschirm und Ausdruck Original online wirkungsoekonomie.de/blog/der-versoehner-und-die-wellen/index.html

Einordnung: Dieser Beitrag vertieft die Debattenkarte Sind Westdeutsche keine Deutschen? und ordnet sie im öffentlichen Wirkungsraum ein. Es gibt Sätze, die fallen nicht einfach in eine Debatte. Sie fallen wie ein Stein in Wasser.

Man sieht zuerst nur den Einschlag. Einen Satz. Eine Provokation. Eine Überschrift. Dann kommen die Wellen. Erst Aufmerksamkeit. Dann Gefühl. Dann Deutung. Dann Resonanz. Und irgendwann, wenn die Wellen lange genug laufen, verschiebt sich vielleicht etwas: eine Grenze, eine Erwartung, ein Misstrauen, ein politisches Angebot. Genau deshalb reicht es nicht, den Podcast zwischen Roger Köppel und Björn Höcke nur danach zu lesen, ob einzelne Aussagen richtig oder falsch sind. Das ist wichtig. Aber es ist nicht genug.

Ein Faktencheck prüft den Stein. Eine Wirkungsanalyse liest die Wellen.

Der Anlass ist eine Aussage, die inzwischen auch journalistisch aufgegriffen wurde: Westdeutsche seien im Kern keine richtigen Deutschen mehr, sondern „deutsch sprechende Amerikaner“. Ostdeutsche dagegen seien „deutsch sprechende Deutsche“. Im Transkript sagt Höcke, Westdeutschland habe eine „Ersatzidentität“

ausgeprägt, nämlich europäische Integration und amerikanische Kultur. Im Westen lebten „deutsch sprechende Amerikaner“, im Osten „deutsch sprechende Deutsche“. Dann folgt der entscheidende Satz: „Im Osten sind die Menschen noch Deutsche.“ Das ist der Stein. Aber der Podcast ist größer als dieser eine Stein. Er ist ein ganzer Kieselstrand.

Es geht um Untergang. Um Zuwanderung. Um Eliten. Um Souveränität. Um Ost und West. Um Siegergeschichtsschreibung. Um amerikanische Hegemonie. Um eine angeblich okkupierte Bundesrepublik.

Um die Rückgewinnung deutscher Identität. Und immer wieder um eine bemerkenswerte Selbstbeschreibung: „Ich bin der Versöhner.“

Das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich. Jemand spricht einer ganzen Hälfte des Landes das eigentliche Deutschsein ab und nennt sich zugleich Versöhner. Wirkungsökonomisch ist genau dieser Widerspruch der interessante Punkt. Denn politische Sprache wirkt nicht nur über das, was sie sagt. Sie wirkt über das, was sie sortiert.

Sie sortiert, wer dazugehört. Wer verdächtig ist. Wer als Opfer erscheint. Wer als Schuldiger erscheint. Wer als mutig gilt. Wer als fremdgesteuert gilt. Und welche Lösung am Ende plausibel wirkt.

Die Wirkungsökonomie beschreibt politische Sprache deshalb als Wirkungsraum: Begriffe öffnen Frames, Frames öffnen Resonanzräume, Resonanzräume verändern Wahrnehmung und können tatsächliche Zustandsänderungen wahrscheinlicher machen. Dabei ist „Wirkstoff“ nur eine Analogie: Sprache wirkt nicht automatisch und nicht linear, sondern über Wirkungspotenziale, Resonanzräume und Wirkpfade.

(Wirkungsökonomie) Das ist wichtig, weil sonst zwei Fehler drohen.

Der erste Fehler wäre Verharmlosung: „Das ist doch nur Gerede.“

Der zweite Fehler wäre Überbehauptung: „Dieser Satz zerstört die Demokratie.“

Beides ist zu grob. Wirkungsökonomisch genauer ist: Der Podcast öffnet mehrere Wirkpfade, die demokratische Korrekturfähigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Gleichwertigkeit politischer Zugehörigkeit unter Druck setzen können. Das ist noch kein Nachweis eingetretener Wirkung. Aber es ist ein relevantes Wirkungspotenzial. Oder einfacher gesagt: Man muss nicht behaupten, dass der Stein schon den ganzen See verändert hat. Es reicht, die Wellen ernst zu nehmen.