Der versoehner und die wellen · Onlinefassung · Abschnitt 3 von 23
1. Was in diesem Podcast eigentlich passiert#
Stellen wir uns einen langen Tisch vor. Darauf liegen Bücher: Karl Jaspers, Dieter Borchmeyer, deutsche Geschichte, deutsche Identität, Bundesrepublik, Nation. Roger Köppel baut damit nicht einfach eine Interviewkulisse. Er baut einen Deutungsraum.
Er rahmt das Gespräch über zwei große Fragen: Wohin treibt die Bundesrepublik? Und: Was ist deutsch? Im Transkript wird genau das vorbereitet: Jaspers’ Kritik an der Parteimacht und Borchmeyers Frage nach deutscher Identität werden als Leitfragen gesetzt.
Das ist nicht neutral. Es ist auch nicht automatisch manipulativ. Aber es ist wirkungsstark.
Denn dadurch wird Höcke nicht nur als Parteipolitiker befragt. Er wird als jemand inszeniert, der auf große historische Fragen antwortet. Der Podcast verschiebt ihn von der Tagespolitik in den Raum der Geschichtsdeutung. Das ist die erste wichtige Beobachtung: Das Format produziert Bedeutung, bevor die einzelnen Antworten kommen. Köppel stellt durchaus kritische Fragen. Er spricht von Höckes „brachialer Kettensägen-Rhetorik“ und fragt, ob er als angeblicher Versöhner nicht anders auftreten müsste. Er hält stellenweise auch dagegen, etwa wenn er die alte Bundesrepublik und ihre westliche Prägung nicht einfach auf den Komposthaufen der Geschichte werfen will. Aber das Grundformat bleibt ein Resonanzraum, kein Kreuzverhör. Es lädt Höcke ein, ein Weltbild zu entfalten. Und dieses Weltbild hat eine klare Architektur.
Deutschland sei existenziell bedroht. Die demografische Entwicklung zusammen mit Zuwanderung bedeute das „Finis Germaniae“, das Ende Deutschlands. Wenn Deutschland falle, falle Europa.
Die politische Elite sei keine deutsche Elite, sondern eine „Antilite“, die deutsche Interessen nicht gelernt habe, mit Deutschland nichts anfangen könne und es im schlimmsten Fall sogar hasse.
Die Bundesrepublik sei nicht wirklich souverän, sondern durch Parteien, Interessengruppen und fortwirkende Nachkriegsordnungen mediatisiert. Höcke spricht von einer „Okkupation durch die Parteien“
und einem „Raubzug der Parteien und der Interessengruppen“.
Die deutsche Geschichte müsse wieder selbst erzählt werden. Die „Siegergeschichtsschreibung“ müsse enden.
Die Deutschen bräuchten eine „Selbstbefreundung“.
Der Westen sei kulturell entfremdet. Amerika, EU und westliche Nachkriegsidentität erscheinen als Ersatzidentitäten. Ostdeutschland dagegen wird als Träger eines noch authentischen Deutschseins beschrieben. Das ist keine lose Sammlung von Aussagen. Es ist ein System.