Sprache als politischer wirkstof… · Onlinefassung · Abschnitt 4 von 22
Bedrohungsgeschichten#
Jede Gesellschaft hat reale Probleme: steigende Preise, überforderte Verwaltungen, Wohnungsnot, Schulprobleme, Unsicherheit im öffentlichen Raum, Abstiegsängste, kulturelle Entfremdung, schlechte Infrastruktur, Vertrauensverlust in Institutionen. Demokratische Politik müsste diese Probleme so bearbeiten, dass Ursachen, Verantwortlichkeiten und Lösungen sichtbar werden.
Rechte Emotionalisierung funktioniert anders. Sie nimmt reale oder empfundene Probleme auf, verdichtet sie zu einer Bedrohungserzählung und ordnet sie moralisch: Wir sind die Betrogenen. Die anderen sind schuld. Die Institutionen schützen nicht uns, sondern sie. Nur ein radikaler Bruch kann noch helfen. Das AfD-Regierungsprogramm Sachsen-Anhalt setzt diesen Ton bereits in der Präambel. Dort werden „Altparteienherrschaft“, steigende Preise, unsichere Straßen, Migration, Behördenversagen, „falsche Meinung“ und eine angeblich gegen Bürger gerichtete Politik in einen gemeinsamen Deutungsrahmen gebracht. Aus verschiedenen politischen und sozialen Problemen entsteht eine übergreifende Erzählung: Die Bürger seien Opfer eines Machtblocks, der gegen sie regiere. (afd-regierungsprogramm.de) Das ist der Unterschied zwischen Kritik und Delegitimierung. Kritik sagt: Diese Regierung macht Fehler, diese Maßnahme wirkt nicht, diese Institution muss besser kontrolliert werden. Delegitimierung sagt: Das ganze System ist gegen das Volk gerichtet. Andere Parteien sind nicht Gegner im demokratischen Wettbewerb, sondern ein Block. Medien informieren nicht, sondern manipulieren. Rechtsstaatliche Prüfung
ist nicht Schutz, sondern Verfolgung. Genau an dieser Stelle kann Sprache - im Sinne einer Analogie, nicht als medizinischer Begriff - zum politischen Wirkstoff (didaktische Analogie) werden: Sie verändert nicht automatisch Zustände, aber sie kann Wirkpfade, Resonanzräume und Handlungsbereitschaften öffnen.