Sprache als politischer wirkstof… · Onlinefassung · Abschnitt 5 von 22

2. Das „Wir gegen die“-Narrativ#

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Das stärkste rechte Narrativ ist die Teilung der Gesellschaft in zwei Lager: ein ehrliches, bedrohtes „Wir“ und ein mächtiges, fremdes oder korrumpiertes „Sie“. Dieses „Sie“ kann je nach Thema wechseln: „Altparteien“, „Eliten“, „Einwanderer“, „Brüssel“, „Gender-Ideologen“, „Klimaextremisten“, „Mainstream-Medien“, „NGOs“, „Kirchen“, „Verfassungsschutz“ oder „woke Minderheiten“.

Sprachlich kann diese Technik über Vereinfachung wirken. Die Gesellschaft wird nicht mehr als pluraler Raum mit unterschiedlichen Interessen verstanden, sondern als Kampf zwischen Volk und Gegner. Dadurch sinkt die Bereitschaft, Kompromisse als normalen Bestandteil der Demokratie anzuerkennen. Kompromiss erscheint dann nicht mehr als Ausgleich, sondern als Verrat.

Die sprachwissenschaftliche Arbeit von Justin Kraft beschreibt dafür die Funktionen diskriminierender Sprechakte: Trennung, Distanzierung, Akzentuierung, Abwertung und Festschreibung. Menschen werden nicht mehr als Individuen betrachtet, sondern als Vertreter einer Gruppe. Die eigene Gruppe wird aufgewertet, die andere Gruppe abgewertet oder als Gefahr festgeschrieben.

Im AfD-Programm Sachsen-Anhalt findet sich diese Logik etwa in der wiederholten Gegenüberstellung von „Bürgern“ und „Altparteien“. Die AfD inszeniert sich als Stimme der Bürger gegen ein politisches Kartell. Die Formulierung „Wenn es uns nicht mehr gibt, ist die Demokratie tot“ steigert diese Selbstinszenierung maximal: Die eigene Partei wird nicht als eine Partei unter anderen dargestellt, sondern als Existenzbedingung der Demokratie selbst. (afd-regierungsprogramm.de) Das Wirkungspotenzial: Wer diese Erzählung übernimmt, erlebt politische Kritik an der AfD nicht mehr als demokratischen Widerspruch, sondern als Angriff auf die letzte verbliebene Vertretung des Volkes. Das stärkt Bindung, immunisiert gegen Kritik und macht demokratische Korrektur schwieriger.