Sprache als politischer wirkstof… · Onlinefassung · Abschnitt 6 von 22
3. Das Opfer-Narrativ#
Ein zweites zentrales Muster ist das Opfer-Narrativ. Rechte Kommunikation stellt sich häufig zugleich kämpferisch und verfolgt dar. Sie sagt: Wir sprechen aus, was alle denken, und werden genau deshalb bekämpft. Wir sind mutig, weil wir gegen ein übermächtiges System stehen. Wir sind nicht radikal, sondern die anderen sind intolerant. Dieses Narrativ ist emotional sehr wirksam, weil es mehrere Bedürfnisse gleichzeitig bedient: Es gibt Zugehörigkeit, moralische Entlastung und Selbstaufwertung. Wer sich ohnmächtig fühlt, kann sich plötzlich als Teil einer mutigen Gegenbewegung erleben. Wer sich kritisiert fühlt, muss Kritik nicht prüfen, sondern kann sie als Beleg für Unterdrückung deuten.
Im AfD-Programm Sachsen-Anhalt wird dieses Muster wiederholt sichtbar: Wer Kritik an Migration, Klimapolitik, Genderfragen oder Russlandpolitik äußere, werde angeblich als „egoistisch“, „ausländerfeindlich“, „wissenschaftsfeindlich“, „Klimaleugner“, „homophob“, „rechtsextrem“ oder
„Putinversteher“ beschimpft. Das Wirkungspotenzial dieser Aufzählung ist nicht nur inhaltlich, sondern rhythmisch: Sie erzeugt das Gefühl einer dauernden moralischen Belagerung. (afd-regierungsprogramm.de) Der psychologische Effekt: Aus Widerspruch wird Kränkung. Aus Kritik wird Verfolgung. Aus demokratischer Auseinandersetzung wird ein Kampf um Anerkennung. Wer dann widerspricht, bestätigt scheinbar das Narrativ. Genau deshalb ist der Umgang damit so anspruchsvoll. Eine rein moralische Gegenreaktion - „Ihr seid alle rechts“, „Ihr seid dumm“, „Ihr seid gefährlich“ - kann das Opfer-Narrativ verstärken. Das bedeutet nicht, dass man menschenfeindliche Aussagen schonen soll. Es bedeutet: Man muss die Strategie kritisieren, ohne die Menschen, die dafür empfänglich sind, pauschal zu entwerten.