Arbeitspapier Doppelte Wesentlic… · Onlinefassung · Abschnitt 10 von 72
4. Wie die doppelte Wesentlichkeitsanalyse heute praktisch durchgeführt wird#
Die ESRS geben keinen einzigen zwingenden Standardprozess für die Wesentlichkeitsanalyse vor. In der Praxis hat sich jedoch ein Muster herausgebildet. Unternehmen beginnen mit dem Kontext:
Geschäftsmodell, Wertschöpfungskette, Standorte, Produkte, Märkte, Stakeholder, Strategie, regulatorisches Umfeld, Abhängigkeiten und bereits vorhandene Risiken. Danach werden potenzielle
Arbeitsfassung - Stand 04.06.2026 - Seite 8 und tatsächliche IROs identifiziert. Anschließend werden sie bewertet, priorisiert, validiert, dokumentiert und in Berichtspflichten übersetzt.
In einfachen Worten funktioniert der Prozess wie ein Filter. Am Anfang steht eine lange Liste möglicher Nachhaltigkeitsthemen. Diese Liste kommt aus den ESRS-Themen, Branchenanalysen, internen Daten, Risikoregistern, Stakeholdergesprächen, Due-Diligence-Prozessen, Lieferketteninformationen, Audits, Beschwerden, Medienanalysen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und regulatorischen Anforderungen. Danach fragt das Unternehmen: Welche dieser Themen sind für unsere Wirkung oder für unser Geschäft wirklich wesentlich?
Der Prozess darf nicht nur auf Unternehmensebene stecken bleiben. Bei Konzernen, Produktportfolios und globalen Lieferketten muss die Analyse ausreichend disaggregiert sein. Ein Konzern kann im Durchschnitt akzeptabel aussehen, während einzelne Produktgruppen oder Lieferketten massive negative Wirkungen haben. Umgekehrt können einzelne Transformationsprojekte hohe positive Wirkung haben, ohne im Konzernmittelwert sichtbar zu werden.
Die Bewertung erfolgt für Impact Materiality und Financial Materiality getrennt und anschließend zusammengeführt. Für negative Auswirkungen spielen Schwere und Wahrscheinlichkeit eine zentrale Rolle. Schwere umfasst in der ESRS-Logik typischerweise Ausmaß, Umfang und Unumkehrbarkeit beziehungsweise Behebbarkeit. Bei potenziellen Menschenrechtsauswirkungen soll Schwere besonders stark gewichtet werden. Für positive Auswirkungen sind Ausmaß, Umfang und Wahrscheinlichkeit wichtig. Bei finanzieller Wesentlichkeit geht es um Größe und Wahrscheinlichkeit finanzieller Effekte auf Leistung, Lage, Zahlungsströme, Finanzierung und Kapitalkosten.
Schritt Leitfrage Typische Arbeitsergebnisse Risiko bei schlechter Umsetzung A. Kontext verstehen Wie funktioniert das Unternehmen und wo wirkt es? Geschäftsmodell, Wertschöpfungskarte, Stakeholder, Standorte, Abhängigkeiten. Analyse bleibt abstrakt und übersieht Lieferketten, Produkte oder Regionen. B. IROs identifizieren Welche Auswirkungen, Risiken und Chancen gibt es? Longlist von IROs, Quellen, Stakeholderhinweisen, Datenpunkten. Nur Standardthemen werden übernommen, ohne Unternehmensbezug. C. IROs bewerten Welche IROs sind wesentlich? Bewertung nach Impact- und Financial-Kriterien, Schwellen, Begründungen. Scoring wird subjektiv, nicht prüfbar oder zu stark finanziell geprägt. D. Ergebnis validieren Sind die Ergebnisse plausibel? Management-Review, Stakeholder-Validierung, Governance-Freigabe. Nachhaltigkeitsteam entscheidet isoliert, ohne Risiko/Finanzen/Strategie. E. Berichten Welche Angaben müssen in die Nachhaltigkeitserklärung? ESRS 2 Angaben, Topical ESRS, Metriken, Ziele, Policies, Actions. Bericht entsteht, aber Steuerung bleibt unverändert. F. Rückkoppeln Welche Entscheidungen ändern sich? Maßnahmenpläne, Budgets, Verantwortlichkeiten, Controlling, Targets. Doppelte Wesentlichkeit bleibt Compliance-Übung.